Serie: Die 100-Jährigen

Hier wird niemand in die Pfanne gehauen

Oliver Jürgens im Laden Gebr. Jürgens am Mittelweg

Oliver Jürgens im Laden Gebr. Jürgens am Mittelweg

Foto: Roland Magunia

Folge 2: 1889 haben die Gebrüder Jürgens ihr Haushaltswarengeschäft eröffnet. Heute führt ihr Urenkel den Laden am Mittelweg.

Ein paar Schritte sind es nur. Ein paar Schritte, sieben Stufen und rund ein Jahrhundert liegen zwischen dem Pöseldorf Center und Gebrüder Jürgens Haushaltswaren. Zwischen einem Einkauf im 21. Jahrhundert – und der Vergangenheit. Im Mittelweg 125. Die alte Kasse im Schaufenster stammt aus der Vorkriegszeit, die schweren, dunklen Regale aus dem Gründungsjahr. 1889 war das.

Es ist das Jahr, in dem der Eiffelturm fertiggestellt und für Publikum freigegeben wird. In dem Charlie Chaplin und Carl von Ossietzky geboren werden. In dem Otto von Bismarck erster Reichskanzler des Deutschen Reiches ist und die Rentenversicherung einführt. Es ist das Jahr, in dem Nintendo und Michelin gegründet werden – und das Haushaltswarengeschäft der Gebrüder Jürgens. In Pöseldorf, jenem Viertel an der Alster, wo es viele Handwerker und Gärtner gab, die immer etwas zu „pöseln“ hatten, zu „pusseln“. Wo der Bedarf für ein Geschäft wie das von Emil und Otto Jürgens groß war.

Ein Foto der Brüder aus der damaligen Zeit hängt heute noch im Laden. Über dem Durchgang vom Porzellanraum zum Glasraum.

Ein paar Schritte sind es vom Eingang bis hierher. Die Dielen knarren leise, geben leicht nach. Sie lagen hier schon, als die Gebrüder Jürgens das Geschäft führten. Als erst der eine und dann der andere Bruder verstarb. Als Ottos Frau Henni das Geschäft übernahm und in den 1950er-Jahren an ihren Sohn weitergab. Ebenfalls ein Otto. „Das war mein Großvater“, sagt Oliver Jürgens, 44, und erzählt von dem Namenswirrwar, als sein Opa Otto das Geschäft Gebrüder Jürgens schließlich an seine Kinder weitergab, also die Geschwister Jürgens.

Zwei Mädchen und ein Junge. Doch nur Wiebke und Frauke seien in den Familienbetrieb eingestiegen, nicht aber Olivers Vater Dieter. „Den hatte mein Opa verbrannt, weil er hier schon als Jugendlicher helfen musste“, sagt Oliver Jürgens. Daher habe sein Vater „keinen Bock“ auf den Betrieb gehabt und sei irgendwann nach München gegangen. Weg von zu Hause, vom Familienunternehmen. Weit weg. Nicht nur ein paar Schritte.

Oliver Jürgens ist ein hemdsärmeliger Typ, mit hochgerollten Ärmeln und Hosenträgern. Jemand, der die Dinge anpackt. Der nach der Schulzeit eine Lehre als Industriemechaniker gemacht und erst 1999 ins Geschäft eingestiegen ist. Nachdem eine seiner beiden Tanten, die damals zusammen das Geschäft führten, gestorben war und die andere Unterstützung brauchte. Kein kleiner Schritt. Von München nach Hamburg. Trotzdem sei er ihm leichtgefallen. Weil er in seinem Job damals eh eine neue Herausforderung gesucht habe. Und weil er als Kind oft mit seinen Großeltern im Laden gewesen sei und diesen geliebt habe, sagt Oliver Jürgens und erzählt von dem Umzug nach Hamburg, der Zusammenarbeit mit seiner Tante Wiebke und der Übernahme des Geschäfts vor mittlerweile fast zehn Jahren. Er führt das Geschäft in vierter Generation. In denselben Räumlichkeiten, in denen es vor mehr als 125 Jahren seinen Betrieb aufnahm. Im selben Haus, in dem sich in den 1970er-Jahren eine WG mit Otto Waalkes, Udo Lindenberg und Marius Müller-Westernhagen befand. Mittelweg 125. Ein Haus wie aus der Zeit gefallen. Das Geschäft ist im ersten Stock, 140 Quadratmeter groß, ein bisschen verschachtelt. Rund 5000 Artikel hat Haushaltswaren Jürgens im Angebot – vom Weckgummi für zehn Cent bis zum exklusiven Messer für 7000 Euro aus handgeschmiedetem Damast, auch Rosendamast genannt.

„Da dieser nicht nur gefaltet, sondern auch tordiert, also gedreht, wird, braucht der Schmied gut eine Woche für die Herstellung der Klinge“, sagt Jürgens.

Messer sind sein Ding – weil er während der Lehre auch Schmieden gelernt hat

Messer sind sein Ding. Weil er während der Lehre auch Schmieden gelernt hat. Und weil er zu gerne alte Messer aufarbeitet, abgebrochene Spitzen herausschleift, stumpfe Klingen wieder schärft. Als Service. Weil es in der heutigen Zeit nicht reicht, nur Waren zu verkaufen. Weil man den Kunden mehr bieten muss, sich immer etwas Neues einfallen lassen muss. Aus diesem Grund betreibt er seit eineinhalb Jahren im Geschäft auch einen UPS-Shop, wo er Pakete aufnimmt und ausgibt. Und aus diesem Grund hat er im September 2014 einen zweiten Standort in der Rindermarkthalle eröffnet. Um neue Kunden zu gewinnen! „90 Prozent unserer Kunden sind Stammkunden. Laufkundschaft haben wir kaum“, sagt Oliver Jürgens. Durch den Paketservice würden jetzt jedoch viele Menschen in den Laden kommen, die sie sonst nie erreicht hätten – genauso wie durch die Filiale in der Rindermarkthalle. „Da wir dort nur ein begrenztes Sortiment anbieten können, hoffen wir, Interessenten dort auf uns aufmerksam zu machen und dann in unser Stammhaus umleiten zu können“, so Oliver Jürgens, der künftig noch mehr kleine Filialen eröffnen möchte, jeweils 30 bis 40 Quadratmeter groß.

Das ist seine Art, ein Geschäft aus dem 19. Jahrhundert durch das 21. Jahrhundert zu lotsen. Ein Jahrhundert des Wandels, des Einzelhandelsterbens. Des Internets. Auch wenn Oliver Jürgens selbst keinen Internetshop betreibt. Eine Homepage ja, aber keinen Shop. „Ich habe festgestellt, dass mein Fokus und meine Stärke nicht in der Anonymität des Netzes, sondern im direkten Kontakt mit meinen Kunden steht“, so sein Fazit. Aus diesem Grund habe er auch nicht in einen wesentlich günstigeren Internetauftritt investiert, sondern ein weiteres Geschäft eröffnet, „das die Stärken des Mittelwegs nach St. Pauli bringen möchte“.

Vom Laden in die eigene Wohnung sind es nur ein paar Schritte

Sein Laden. Seine Stärke. Auch wenn das nicht immer so war. „Als ich hier eingestiegen bin, hatte ich von Haushaltswaren keine Ahnung“, sagt Oliver Jürgens. Schließlich habe er ja noch nicht einmal kochen können, weil er damals noch bei seinen Eltern gewohnt habe. Inzwischen ist er ein Fachmann, kocht am liebsten mit niedrigen Temperaturen, im sogenannten Sous-Vide-Verfahren.

Bis in die eigene Küche hat er es übrigens nicht weit. Oliver Jürgens wohnt direkt über dem Laden. Von den Geschäftsräumen bis in die Wohnung sind es nur ein paar Schritte.