Die 100-Jährigen

Mit Schirm, Charme und Mütze: Hamburgs letzter Mützenmacher

In der Steinstraße führt Lars Küntzel den Laden

In der Steinstraße führt Lars Küntzel den Laden

Foto: Michael Rauhe

Folge 4: 1892 hatte Hermann Eisenberg den Laden übernommen. Lars Küntzel führt seit 1992 das Traditionshaus „Mützen Eisenberg Hüte“.

Als jung würde er sich nicht bezeichnen. Höchstens als Hamburger Jung. Aber ansonsten? Naja, 48 Jahre ist er. Also nicht richtig alt. Aber eben auch nicht ganz jung. Doch trotz seines halben Jahrhunderts ist Lars Küntzel mit das Jüngste, was es in seinem Laden an der Steinstraße gibt. Abgesehen von seinen beiden französischen Bulldoggen Donald und Paula, die elf und sechs sind. Aber der Rest? Das meiste davon ist älter als Hunde und Herrchen zusammen! Die wuchtige Holzvitrine stammt aus den Vorkriegsjahren, die alten Nähmaschinen aus den 1920er-Jahren und die vergilbten Schnittmuster an den Wänden gar aus einer Zeit, als Deutschland noch ein Kaiserreich war.

Es ist die Zeit, in der es in Hamburg den letzten großen Ausbruch der Choleraepidemie gab. Eine Zeit, die so lange her ist, das sie längst vergangen, längst vergessen scheint. Bis man den Laden von Lars Küntzel betritt. Hamburgs letztem Mützenmacher an der Steinstraße 21. Nur ein paar Schritte von den Shoppingströmen auf der Mönckebergstraße entfernt, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.

„Mützen Eisenberg Hüte“ steht über dem Schaufenster. Auch wenn es schon lange keinen Eisenberg mehr als Inhaber gibt. Der Name ist trotzdem geblieben, als Lars Künzel 1992 das Geschäft gekauft hat– nachdem es genau 100 Jahre im Familienbesitz der Eisenbergs war. 1892 hatte Hermann Eisenberg den Laden des Mützenmacher Beneke übernommen. Damals war das Fachgeschäft noch am Dovenfleet, wo er während der Hamburger Flut von 1962 „abgesoffen ist“, wie Küntzel es nennt. Er kennt die Geschichte aus Erzählungen. Erzählungen von Claus Eisenberg, dem Enkelsohn des Gründers, der das Geschäft lange in dritter Generation geführt hat und heute noch regelmäßig vorbeischaut.

„Das ist wie nach Hause kommen“, sagt Claus Eisenberg, 80 Jahre. Er ist in dem Laden aufgewachsen, hat seinen Vater schon als Junge zur Arbeit begleitet. Stets mit seiner kleinen, blauen Schirmmütze auf dem Kopf. „Die hat man früher ja immer getragen, im Winter zum Schutz vor Schnee und Kälte, und im Sommer zum Schutz vor der Hitze“, sagt Claus Eisenberg, der bei seinem Vater in die Lehre ging, dann aber nach Amerika ausgewandert ist. „War ein Traum von mir“, sagt Eisenberg und erzählt, was er dort alles gemacht hat. Alles. Nur keine Mützen. Weil Mützenmacher dort nicht gebraucht wurden. Gefallen habe es ihm trotzdem dort. Und vielleicht wäre er immer noch dort. Wenn die große Flut nicht alles zerstört hätte. Wenn seine Eltern keine Hilfe beim Wiederaufbau gebraucht hätten. Und wenn sein Vater nicht gestorben wäre, er nicht das Geschäft hätte übernehmen müssen.

Aber bitte, damit keine Missverständnisse entstehen. Es ist gut so, wie es ist. Der Laden war sein Leben. Sein Zuhause. Seine Heimat. Bereut hat er nichts. Auch nicht, ihn irgendwann verkauft zu haben. An Lars Küntzel, der schon als kleiner Buttjer hier mit seinem Vater war, wenn der passionierte Segler eine neue Mütze brauchte. Dass diese Bekanntschaft aber rund 15 Jahre später dazu führte, dass aus ihm als gelerntem Maschinenbauer ein Mützenmacher wurde, verdankt er dem Zufall. Oder der Liebe.

„Eines Tages erfuhr mein Vater, dass Claus Eisenberg heiraten und das Geschäft aufgeben will“, erinnert sich Lars Küntzel und erzählt, wie sein Vater ihn als Nachfolger vorgeschlagen hat. „Ich fand die Idee total albern“, sagt Küntzel und lacht. Schließlich habe er zu der Zeit ja noch nicht mal einen Knopf annähen können. Da er nach Ausbildung und Fachabi nicht wusste, wie es weitergehen soll, habe er sich die Sache mal angeschaut. Und dann noch mal. Und dann noch mal.

Lars Küntzel näht nebenbei den Schirm an eine Mütze, während er erzählt. Erzählt, dass er gerade in den Urlaub fahren wollte, als Claus Eisenberg ihn anrief und sagte „Sie können den Laden haben“. Erzählt, dass er ein Jahr lang bei ihm in die Lehre gegangen sei, bevor der das Geschäft übernommen habe. Und dass viele Kunden weggeblieben seien, als sich der alte Herr Eisenberg ein Viertel Jahr nach dem Verkauf komplett aus dem Unternehmen zurückgezogen hat. Doch zum Glück ist Lars Küntzel niemand, der sich so einfach unterkriegen lässt. Der aufgibt. Sondern jemand, der es anpackt. Der selbst segelt, viele Wassersportler kennt und neue Kunden gewonnen hat. Der eine Internetseite aufgezogen hat und seine Mützen auf diesem Weg sogar nach Asien und Amerika verkauft. Der regelmäßig auf Bootsmessen präsent ist. Und alles tut, um dem Problem der aussterbenden Kundschaft entgegen zu wirken.

„Früher hat doch fast jeder Mütze getragen“, sagt Lars Küntzel. An ein Aussterben der Mütze will er trotzdem nicht glauben. Dafür läuft sein Geschäft zu gut. Seine Kunden: 99 Prozent Männer. Aber auch für Film- und Fernsehproduktionen sowie das Musical „Das Wunder von Bern“ hat er schon gearbeitet. Wie viel er verkauft? Weiß er nicht. „Hab ich noch nie gezählt“, sagt er. Warum auch, wenn er gut zu tun hat. So gut, dass er manchmal wochenlang ausgebucht ist. Sechs bis acht Wochen dauert es in der Regel von der Bestellung bis zur Übergabe.

Die Mützen bestehen aus mehr als 20 Einzelteilen

Ein paar Mützen hat er immer vorrätig, die meisten aber, rund 75 Prozent, werden für jeden Kunden individuell genäht. Mit kleinem oder hohen Mützensteg, mit oder ohne Kordel, Eichenlaubverzierung oder persönlichem Namen. In blau oder auch mal knallrot. 18 unterschiedliche Schippermützen hat Küntzel im Sortiment – vom Fleetenkieker über die Modelle Altona, Kiel und Elbsegler bis hin zur Elblotsen-Mütze, wie sie Altbundeskanzler Helmut Schmidt trägt. Klar, dass dieser sein Markenzeichen auch schon bei Eisenberg gekauft hat und Küntzel ihn kennt. Allerdings nicht erst, seit der Kanzler a.D. bei ihm Kunde ist. Sondern schon als Jugendlicher, als Küntzel in Langenhorn in der Nachbarschaft der Schmidts aufgewachsen ist – und das eine oder andere Mal von Sicherheitsbeamten aufgegriffen wurde, wenn er spaßeshalber unerlaubt durch die Gärten der Nachbarn tobte.

Die Mützen nach Maß, die aus mehr als 20 Einzelteilen bestehen, werden heute nach den Original-Schnittmustern hergestellt. Den selben Schnittmustern, die Hermann, Walther und Claus Eisenberg 100 Jahre lang verwendet haben. Warum er nie etwas modernisiert hat – außer dem Elektroantrieb an den Nähmaschinen? Weil er glaubt, dass man es nicht besser machen kann. Das würde man doch auch daran merken, dass er jeden Monat unzählige Modelle zur Reparatur bekommt. Manche von ihnen sind Jahrzehnte alt und ihren Besitzern so sehr ans Herz gewachsene, dass sie diese lieber reparieren lassen, als eine neue Mütze zu kaufen – obwohl die Ausbesserung oftmals teurer als eine neue Mütze ist.

Lars Küntzel trägt selbst übrigens erst Mütze, seit er den Laden übernommen hat. Als Berufsbekleidung sozusagen. Rund 20 Jahre ist das jetzt her, fast genauso lange hat er noch bis zur Rente vor sich. Aber vermutlich wird er auch in dem Alter noch mit das Jüngste sein, was es in seinem Laden gibt.