Kunst und Antiquitäten

Alte Meister an der Wand statt Aktien im Depot

Hamburger Auktionshäuser profitieren von der Flucht in Sachanlagen. Versteigerer erleben deutliche Preissteigerungen bei Kunst und alten Möbeln. Große Nachfrage aus China.

Hamburg. Das braun-türkisfarbene Bild des Tigers, den Andy Warhol 1983 in seinem weltbekannten Pop-Art-Stil verewigt hat, setzt in der Villa des Auktionshauses Stahl zwischen Gemälden alter Meister und Barock-Möbeln einen attraktiven Akzent. Für attraktiv haben das Raubtier auch die Kunden gehalten: Für 29.000 Euro stand das Bild im Katalog der Hamburger Auktionatoren, für 37.000 Euro hat es bei der Versteigerung jetzt den Besitzer gewechselt. Noch stärker schoss der Preis für ein Gemälde mit dem ungewöhnlichen Motiv der blauen Grotte in Capri in die Höhe: Für 8000 Euro im Katalog, erzielte das Bild aus einer Bremer Privatsammlung bei der Versteigerung 28.000 Euro. Auch das fast 65 Kilo schwere Silberservice einer vermögenden Hamburger Unternehmerfamilie erreichte bei der Auktion mit 44.000 Euro einen Spitzenpreis. Die Werte der versteigerten Objekte brechen immer neue Rekorde, weil die Nachfrage steigt. Auktionshäuser sind die Profiteure der Flucht aus vermeintlich unsicheren oder unrentablen Geldanlagen.

"Immer mehr Menschen wollen eine wertbeständige Anlage, um ihr Geld zu retten", sagt Christiana Stahl-Kerle, 48, die Inhaberin des Auktionshauses Stahl, das seit 35 Jahren im Markt ist. Der Schock der US-Finanzkrise und die aktuelle Unsicherheit des Euro haben den Versteigerern einen starken Aufschwung beschert. "Wir konnten unsere Umsätze zuletzt jedes Jahr zweistellig steigern", sagt Michael Kerle, 51, der als Geschäftsführer die Zahlen im Blick hat und mit der Inhaberin verheiratet ist. Egal ob Möbel, Gemälde oder Schmuck, "die Leute wollen etwas von Bestand, setzen auf Nachhaltigkeit", ergänzt Christiana Stahl-Kerle. Geld in Kunst zu investieren, biete sich eben auch an, wenn die 100.000 Euro auf dem Konto nur mit 0,5 Prozent verzinst werden, sagt die Auktionatorin lächelnd.

Die beiden Liebhaber schöner Dinge haben sich beim Studium der Kunstgeschichte in Passau kennengelernt, jetzt führen sie das Unternehmen mit Sitz in Hohenfelde gemeinsam. Es ist nach wie vor im Familienbesitz und zählt zu den renommiertesten Häusern der Branche, auch wenn der Name im Ausland inzwischen oft bekannter ist als in der Heimat. Auf drei Etagen stellt Stahl in seiner Villa nahe der Alster die Exponate vor der Versteigerung aus. Die Atmosphäre des Hauses aus dem 19. Jahrhundert mit seinen Stuckdecken bringt die Möbel stimmungsvoll zur Geltung, die Vitrinen zeigen Porzellan und Schmuck, an den Wänden hängen Gemälde aus verschiedenen Epochen. Die Kunden sind meist Privatleute, die beispielsweise eine Sammlung auflösen oder ihre Erbe versilbern wollen. Daneben bieten Galeristen, Kunst- und Antiquitätenhändler auf den Auktionen mit oder bieten Ware an.

Gut 20 bekannte Auktionshäuser konkurrieren in Hamburg um die Kunden, wobei sie auf ganz unterschiedliche Sortimente setzen. Neben Stahl haben sich beispielsweise die Häuser Hauswedell & Nolte, Kendzia und Zeige auf Antiquitäten spezialisiert. Dagegen setzt Cortrie auf Uhren, Schmuck und altes Geld und steht damit unter anderem im Wettbewerb zum Auktionshaus City Nord. Polster & Rutsch, Schwanke oder Mohrmann sind Ansprechpartner für Briefmarken. Dechow und Ancker schließlich versteigern Immobilien.

Außerdem sitzt in Hamburg mit lot-tissimo ein Auktionsportal, das im Jahr rund 1,4 Millionen Besucher zählt und zum Teil die Angebote der oben genannten Hamburger Häuser bündelt. Die Kunden stöbern dort nach Waren aus allen möglichen Bereichen wie Kunst, Möbeln, Spielzeug oder Wein.

Mit dem Internet und der Möglichkeit, die Waren weltweit anstatt nur den Interessierten in einem Versteigerungssaal vorzustellen, ist der Markt heute für ein internationales Publikum interessant. "Das Ausland hat stark zugelegt und bietet ein enormes Kundenpotenzial", sagt Branchenkenner Dieter Zimmermann. Das Auktionshaus Cortrie, mit dem Zimmermann als Berater eng zusammenarbeitet, inseriert inzwischen in chinesischen Zeitungen, um seinen Namen in dem Reich der neuen Millionäre bekannt zu machen. Und Stahl gibt sogar eigens einen Katalog für asiatische Kunst heraus. Exponate wie eine Vogelbronze aus Fernost aus einer Sammlung französischer Adeliger dürften wieder vielen Chinesen eine Reise nach Hamburg wert sein, schrieb Christiana Stahl-Kerle im Katalog, und sie hat recht behalten: Das Tier, mit 25.000 Euro im Katalog ausgezeichnet, erzielte jüngst mit 65.000 Euro einen Spitzenpreis. "Meist geht die Ware nach China und bleibt dort, das verknappt das Angebot und treibt die Preise weiter", sagt Zimmermann über den wachsenden Markt der Volksrepublik.

Zimmermann rät den Einlieferern auch wegen des internationalen Kundenkontaktes dazu, sich vornehmlich an die Firmen zu wenden, die alle Vertriebskanäle nutzen. "Bei Häusern, die einen Saal, einen Katalog und eine Präsentation der Waren im Netz nutzen, hat man meist die größten Chancen", sagt Zimmermann (siehe unten).

Wie alle Akteure im Handel, unterliegen natürlich auch die Auktionshäuser aktuellen Trends. "Briefmarken gehen nicht mehr so gut", sagt Zimmermann. Die Zeit, als schon jeder kleine Junge seine Sammlung hatte und sie eifrig vervollständigte, ist lange vorbei. Früher bildeten die Marken den wichtigsten Bereich im Auktionshandel, jetzt haben viele Spezialisten für Postgeschichte starke Einbrüche zu verkraften. Begehrt seien zwar nach wie vor bestimmte Sammelgebiete aus den alten Kolonien oder der Zeppelinpost. Meist bringe ein zusammengewürfelter Dachbodenfund aber heute nur noch wenige Hundert Euro, sagt Zimmermann. Ein anderes Beispiel: Kam früher eine Sammlung von DDR-Briefmarken auf umgerechnet 6000 Euro, geht sie heute für gerade einmal 300 Euro an den Bieter. "Das Angebot an DDR-Waren ist nach der Wende erheblich gestiegen", begründet Zimmermann. Das spürten auch die Einlieferer von Meißner Porzellan.

Während sich die Mode bei Kunst, Möbeln und Schmuck wandelt, müssen sich auch die Auktionshäuser immer wieder neu erfinden. Es gibt Schließungen wie etwa vom Traditionshaus Schopmann in der City, aber auch neue Player in der Branche wie Mette, die als Allrounder gelten können. Auf den Trend der Uhren setzt seit Kurzem erfolgreich Cortrie und erreichte damit zuletzt jährliche Umsatzzuwächse von 30 Prozent. Klassiker wie A. Lange & Söhne oder Patek Philippe erlebten hier hohe Steigerungsraten, sagt Zimmermann, während es bei Schmuck mangels bekannter Marken eine weniger transparente Entwicklung gebe.

Trends hin oder her, bei Stahl rät man den Kunden ohnehin, einfach auf den eigenen Geschmack zu setzen. "Immer mehr Kunden vertrauen auf das eigene Auge, auf den individuellen Geschmack, sie kaufen das, was ihnen am besten gefällt", sagt Michael Kerle. Sich dann zu Hause an einem schönen Bild zu erfreuen, anstatt das Geld ins Depot bei der Bank zu legen, sei schließlich auch ein Wert an sich. Zudem macht sich Kunst an der Wand auch wohl besser als eine gerahmte Daimler-Aktie.