Schifffahrt

Danzig macht Hamburg als Umschlaghafen Konkurrenz

Foto: Shipspotting/Dave van Spronsen

Die Reederei Maersk fährt erstmals mit Großschiffen durch die Ostsee nach Polen. Transitcontainer werden von dort aus weitertransportiert.

Hamburg. Seit wenigen Wochen bedient die weltgrößte Linienreederei Maersk den Ostseeraum auf einer direkten wöchentlichen Verbindung aus China. Das bestätigte Maersk dem Abendblatt auf Anfrage. Im Dienst sind zehn Großschiffe mit einer Kapazität von bis zu 8600 Containereinheiten (TEU), die zuvor nicht in die Ostsee fuhren. Östlicher Zielhafen ist das polnische Gdansk (Danzig). Transitcontainer werden von dort aus nach Russland und Finnland weitertransportiert. "Polen bekommt damit die erste direkte Schiffsverbindung mit Häfen in Asien", so Maersk.

Gdansk sieht in dem neuen Maersk-Dienst die Chance, die eigene Position als Umschlaghafen im Ostseeraum auszubauen und damit den großen Nordseehäfen Konkurrenz zu machen: "Osteuropa und speziell Polen wird nach dem Ende der Wirtschaftskrise zu den am stärksten wachsenden Regionen in der Welt gehören", sagte der Hafenchef von Gdansk, Boris Wenzel. "Wir sind überzeugt, dass Gdansk zu dieser Region einen besseren Zugang bietet als die traditionellen nordeuropäischen Häfen."

Diese Konkurrenzansage richtet sich vor allem an Hamburg. Die Hansestadt wurde nach der europäischen Einheit in den vergangenen 20 Jahren zum wichtigsten Drehkreuz für Containerliniendienste von Asien in die Ostsee. Auf der Schiene bietet Hamburg zudem wesentliche Verbindungen für Containerverkehre nach Polen und Tschechien sowie nach Österreich.

Danzig will den Transitumschlag erweitern und hat laut Wenzel bereits mit dem Ausbau der Terminalinfrastruktur begonnen: "Wir sprechen bereits mit anderen Schiffslinien über die Möglichkeit, reguläre Verbindungen nach Gdansk einzurichten." Die Terminals wie auch die Schienenverbindungen des Hafens böten "exzellente Möglichkeiten" zur Erweiterung. Maersk wiederum hat in Ergänzung zu der Asienverbindung bereits zwei Zubringerdienste (Feeder) von Danzig ins russische St. Petersburg sowie nach Kotka und Helsinki in Finnland eingerichtet.

Nach Angaben des Terminalbetreibers Eurogate - in Hamburg der Partner von Maersk - hat die neue Direktverbindung aus Asien nach Polen keine negativen Auswirkungen auf Hamburg. "Eine bestehende Linie von Maersk wurde über Hamburg nach Gdansk verlängert. Insofern ist das eine zusätzliche Verbindung für den Hafen", sagte Eurogate-Sprecherin Corinna Romke. Grundsätzlich aber kommt die neue Linie in einer für die Hamburger Hafenwirtschaft schwierigen Zeit. In der Wirtschaftskrise hat Hamburg Containerverkehre nicht nur wegen des schwachen Welthandels eingebüßt, sondern zudem Transitverkehre an Rotterdam und an Zeebrugge verloren. Zusätzliche Konkurrenz kommt voraussichtlich 2011 an den Markt, wenn der neue Tiefwasserhafen in Wilhelmshaven den Betrieb aufnimmt. Wilhelmshaven dürfte vor allem als Transithafen in Richtung Ostsee fungieren und könnte Hamburg Ladung streitig machen.

In der Hamburger Hafenwirtschaft wird die direkte Verbindung von Maersk nach Polen skeptisch beurteilt. Maersk teste diese neue Linie mit Großschiffen derzeit vermutlich nur deshalb, weil die Reederei aufgrund der Wirtschaftskrise über eine Reihe nicht ausgelasteter Frachter verfüge, heißt es hinter vorgehaltener Hand: "Sobald die Krise überstanden ist, wird Maersk das noch einmal neu bewerten", sagte ein Hafenkenner, der nicht genannt werden will.

Allerdings bietet Polen gute ökonomische Perspektiven. Im vergangenen Jahr war es das einzige Land der Europäischen Union mit einem Wirtschaftswachstum, und zwar von 1,7 Prozent. Wann die baltischen Staaten und Russland wieder ein deutliches Wachstum ausweisen, ist zwar ungewiss. Die deutsche Hafenwirtschaft hat die Region aber seit Jahren im Visier. Eurogate will sich am geplanten neuen Containerhafen im russischen Ust Luga beteiligen, dessen Bau derzeit allerdings ruht. Die russischen Betreiber von Ust Luga sollen im Gegenzug einen Anteil am künftigen Hafen Wilhelmshaven erhalten. Zwischen beiden Häfen sollen dann direkte Zubringerverkehre in die Ostsee und von dort zurück etabliert werden.