CO2-Zertifikate

Hamburgs Industrie befürchtet Kostenexplosion

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Die EU will 2013 Kohlendioxid-Zertifikate zum Schutz der Umwelt verteuern. Gewerkschaften und Unternehmen sehen Arbeitsplätze in Gefahr.

Hamburg. Bernd Drouven ist eher ein besonnen handelnder Manager. Doch diesmal wird der Chef von Europas größter Kupferhütte Aurubis deutlich: Wenn jene Betriebe, die sehr viel Energie verbrauchen, finanziell noch mehr belastet werden, "besteht die Gefahr, dass die Kupferproduktion und das Kupferrecycling aus Europa abwandern werden", sagte er. Für Hamburg wäre dies ein herber Schlag, schließlich beschäftigt Aurubis mehr als 2000 Mitarbeiter in der Stadt.

Konkret geht es um die CO2-Zertifikate, die bislang in der EU, aber nicht weltweit eingeführt wurden. Hinter diesem sperrigen Begriff verbirgt sich eines der wohl größten Projekte zum Klimaschutz. Unternehmen, die Kohlendioxid - also CO2 - ausstoßen, müssen dafür bezahlen. Obwohl diese Zusatzkosten die energieintensiven Betriebe in Hamburg wie das Stahlwerk ArcelorMittal, Trimet Aluminium und Aurubis schon heute stark belasten, sollen sie 2013 noch weiter steigen. Bei Trimet haben die Verschmutzungsrechte den Strompreis bereits um 20 bis 25 Prozent verteuert. Das führte dazu, dass der Gewinn im vergangenen Geschäftsjahr schon nahe null geschmolzen war. Weitere Erhöhungen könnten die Aluhütte auf Finkenwerder bedrohen. "Es ist absehbar, dass der Emissionshandel die Energiekosten ab 2013 um rund 45 Prozent erhöhen wird", sagte Ulf Gehrckens, Energiefachmann von Aurubis. "Wir können solche zusätzlichen Belastungen aufgrund weltweiter, an der Börse gebildeter Preise, nicht an unsere Kunden weitergeben."

Grund für die Anhebung ist, dass 2013 ein Teil der Verschmutzungsrechte versteigert werden soll. Zudem sollen aus Klimaschutzgründen weniger Zertifikate ausgegeben werden als bisher - mit der Folge, dass sie knapp werden können und der Preis damit weiter steigt. "Damit ist die Industrie doppelt belastet. Die Kosten für die Zertifikate treiben den Strompreis hoch. Gleichzeitig müssen die großen Energieverbraucher zusätzliche Zertifikate ersteigern", sagte Tobias Federico, Geschäftsführer von der auf Energiethemen spezialisierten Unternehmensberatung Energy Brainpool, dem Abendblatt.

Das bestätigt auch Joachim Hein, Energieexperte beim Bundesverband der Deutschen Industrie. "Europaweit käme es zu Mehrkosten für die Industrie in Höhe von 20 Milliarden Euro im Jahr." Vor allem Deutschland wäre laut Hein betroffen, denn in wohl keinem anderen EU-Land stehen so viele Industriebetriebe wie hier.

Die Idee, dass Umweltverschmutzung teuer gemacht wird, ist eigentlich gut. Schließlich belastet CO2 die Umwelt immens. "Zusätzliche Kosten führen im Endeffekt zum Teil dazu, dass Firmen in ihre Produktionsanlagen investieren und damit den Ausstoß des Treibhausgases verringern", so Federico. "Die Ausgabe von Zertifikaten ist die beste Möglichkeit, externen Dingen einen Preis zu geben." Immerhin ist die Industrie gemeinsam mit den Stromkonzernen für rund 40 Prozent des deutschen CO2-Ausstoßes in Höhe von knapp 700 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr verantwortlich. Selbst die Firmen haben keine Einwände gegen Umweltschutz und dessen Kosten - wenn sie dadurch gegenüber Wettbewerbern nicht benachteiligt werden. "Aurubis steht einem weltweiten Emissionshandel grundsätzlich positiv gegenüber", sagt auch Drouven - und betont das Wort weltweit. Nur dann herrschten gleiche Bedingungen für alle. Heute ist dies nichts mehr als ein Wunschtraum. Schon in Katar, wo der norwegische Konzern Norsk Hydro gemeinsam mit der dortigen staatlichen Ölgesellschaft das größte Aluminiumwerk der Welt baut, gibt es keine zusätzlichen Klimakosten. In China, Indien, Osteuropa und vielen anderen Staaten - vor allem Schwellenländer - werden heute noch Kohlekraftwerke betrieben, deren Umweltstandards unter der EU-Norm sind.

In einer eher ungewöhnlichen Allianz haben sich nun Unternehmen und Gewerkschafter zusammengefunden, um die EU bei ihrem CO2-Plan zu bremsen. In Hamburg gibt es zusätzlich Unterstützung von der Handelskammer und dem Industrieverband. "Es geht um Arbeitsplätze", sagt Jan Eulen, Bezirksvorsitzender der Gewerkschaft IG BCE. "Wir haben große Sorgen, dass mit den falschen Entscheidungen moderne Industriearbeitsplätze gefährdet werden und ganze Wertschöpfungsketten ins außereuropäische Ausland vertrieben werden." Hans-Theodor Kutsch, Präsident des Hamburger Industrieverbandes (ivh), sieht auch ökologische Risiken in dem EU-Plan. "Es droht eine Verlagerung in Länder mit wesentlich schlechteren Umweltstandards."