Die tausend Gesichter des schwarzen Kontinents

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Holger Dohmen

Afrika führt ein Doppel- leben: Es ist verdammt und gesegnet. Bartholomäus Grill schrieb ein bewegendes Porträt des Kontinents.

an würde verzweifeln an diesem Kontinent, hätte er nicht Tausende Gesichter, schreibt Bartholomäus Grill gegen Ende seines Buches und hinterlässt mit diesem Resümee beim Leser neben Ratlosigkeit und Hoffnungslosigkeit auch tiefe Bewunderung für die Menschen des Schwarzen Kontinents. Überlebensschläue und Unvernunft, Zerstörungswut und Lebenslust, Sittenstrenge und totale Regellosigkeit, die afrikanischen Widersprüche sind Legion. Sie verstehen zu wollen führt offenbar an Grenzen, die selbst der nicht überschreiten kann, der diesem Erdteil so verfallen ist wie Grill.

Es ist nicht nur ein packendes, sondern auch ein sehr emotionales Buch, das der Autor vorlegt, und schon sein Titel "Ach, Afrika" deutet an, was den Leser erwartet. Rührende Anekdoten über den täglichen Überlebenskampf, farbige Reportagen aus Städten und Dörfern, in denen sich die ganze Zerrissenheit eines Lebens zwischen Tradition und Moderne widerspiegelt. Grill seziert wütend die mafiosen Strukturen der afrikanischen Clan-Politik und kritisiert genauso unnachgiebig das Versagen der internationalen Staatenwelt, für die Afrika ein hoffnungsloser Fall ist. Er geißelt die Arroganz des Weißen Mannes mit derselben Härte wie den neu entstandenen schwarzen Rassismus.

Afrika - ein Kontinent in Agonie? Dürre, Seuchen, Krieg und Massenelend sind die ständigen Begleiter. Und wer ist Schuld an all dem Elend? Man könnte es sich leicht machen und die Gründe dafür in postkolonialen Verschwörungstheorien suchen, die unter Schwarzen beliebt sind. Die Stellvertreterkriege der Weißen gehören genauso dazu wie die Plünderung der Rohstoffe durch internationale Kartelle.

Doch Grill ist kein Freund einfacher Antworten und nennt Beispiele, die auch das Versagen und die Schuld der Afrikaner selber beschreiben. Robert Mugabe, der Simbabwe auf einen selbst gewählten politischen Irrweg geführt hat, gehört zu dieser Spezies. Oder auch Präsident Kenneth Kaunda, der nach 27 Jahren Regentschaft in Sambia eine, so Grill, "verwahrloste Baustelle" hinterließ.

Es hat so viele andere so genannte "Big Men" in der Zeit nach der Dekolonisierung gegeben, die als politische Despoten entlarvt wurden, die sich den Staat zum Privateigentum gemacht haben: Mobuto Sese Seko (Zaire), Sekou Toure (Guinea), Siad Barre (Somalia), um nur einige zu nennen. Afrika führe ein Doppelleben, ein verdammtes, über das die Berichterstatter schreiben, und ein gesegnetes, das sie beschweigen, konstatiert Grill einmal. Nicht so er selber. Grill verschweigt nichts, dafür liebt er diesen Kontinent zu sehr. Wenn der es ihm nur irgendwie leichter machen würde.

Bartholomäus Grill: Ach, Afrika. Siedler Verlag, 384 S.; 24 Euro.

( Holger Dohmen )