Böllerverbote

Silvester-Chaos in Deutschland: Die Nacht im Überblick

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Philipp Luther
2023 - So feiert die Welt ins neue Jahr

2023 - So feiert die Welt ins neue Jahr

Feuerwerke, Lichtershows und Menschenmassen - nach den verhaltenen Neujahrsfesten der vergangenen beiden Jahre haben in vielen Ländern der Welt Menschen das Jahr 2023 mit großen öffentlichen Feiern begrüßt. Von Auckland über Berlin, Paris, Rio de Janeiro bis New York feierten wieder Menschenmassen auf den Straßen.

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Die Silvesternacht in Deutschland verlief zum Teil chaotisch – nicht nur in Berlin. Im ganzen Land sind Tote und Verletzte zu beklagen.

Berlin. Die Silvesternacht in Deutschland verlief alles andere als friedlich. Erstmals seit dem Beginn der Corona-Pandemie durfte in vielen Städten und Gemeinden wieder mit Böllern und Raketen hantiert werden – und das mit teils tragischen Konsequenzen.

Mehrere Todesfälle in der Silvesternacht

In Leipzig etwa verletzte sich ein 17-Jährige so schwer an seiner Pyrotechnik, dass er in ein Krankenhaus eingeliefert werden musste. Der junge Mann erlag dort wenig später seinen Verletzungen, wie die Polizei mitteilte.

In Schönebeck in Sachsen-Anhalt starb ein 42-Jähriger nach einem Autounfall. Der Mann wurde beim Anzünden von Feuerwerkauf der Straße von einem Wagen erfasst und beim Aufprall mehrere Meter durch die Luft geschleudert. Der Fahrer hatte 1,86 Promille im Blut und war zunächst weiter gefahren, konnte dann aber von einem "aufmerksamen Bürger" zum Umkehren bewogen werden.

In Balve, Nordrhein-Westfalen, starb zudem eine 66-Jährige bei einem Hausbrand. Die Ursache ist bislang nicht geklärt.

Amputationen und abgesprengte Gliedmaßen

Mehrere Menschen zogen sich zudem bei Zünden von Feuerwerk schwerste Verletzungen zu. Im sächsischen Gotha etwa mussten einem 42-Jährigen beide Unterarme amputiert werden. Der Mann hatte mit im Internet gekauften Böllern hantiert.

In Schleiz, Thüringen, sprengte sich ein 21-Jähriger eine Hand weg. Er hatte eine illegale Kugelbombe gezündet, die sofort explodiert sei, heißt es von der Polizei.

Nahe Hannover musste ein 46 Jahre alter Mann in der Nacht notoperiert werden. Er hatte einen Böller in eine Metallhülse gelegt, aus dieser wurden bei der Explosion Teile herausgesprengt.

Ein Mann aus Weißenfels in Sachsen-Anhalt habe sich "die linke Hand komplett weggesprengt, da war nichts mehr zu retten", sagte Cord Corterier von der Spezialklinik für Handchirurgie in Halle.

Bei einem Unfall mit Feuerwerk verlor ein Mann in Jülich an Silvester zwei Finger. Laut Polizei hatte der 27-Jährige mehrere zugelassene Knallkörper miteinander verklebt.

Haus in Brandenburg explodiert

In Teupitz, Brandenburg, verletzten sich zwei Menschen schwer, als es im Keller zu einer Explosion mit anschließendem Feuer kam. Ein 24-Jähriger musste mit einem Hubschrauber ausgeflogen werden. Die Polizei geht vorläufig davon aus, dass die Explosion ausgelöst wurde, weil mindesten zwei Männer im Keller an Feuerwerk gebastelt hatten.

Beim Löschen des Brandes seien zudem Schusswaffen entdeckt worden; ob es sich um Schreckschusspistolen handelt, werde untersucht. Das Haus ist nicht mehr bewohnbar.

Ausschreitungen in mehreren Bundesländern

Neben schweren Verletzungen und Todesfällen hatte die Silvesternacht auch teils Bürgerkriegsartige Szenen zu bieten. Insbesondere in Berlin waren Polizei und Feuerwehr zum Teil massiver Gewalt ausgesetzt. 33 Einsatzkräfte wurden verletzt. Die Feuerwehr zeigte sich überrascht "von der Masse und der Intensität der Angriffe auf unsere Einsatzkräfte".

So seien unter anderem Bierkisten und Feuerlöscher auf Fahrzeuge geworfen worden, Retter seien beim Löschen mit Pyrotechnik beschossen und Einsatzfahrzeuge geplündert worden. "Dieses Verhalten ist durch nichts zu rechtfertigen, und ich kann es nur auf das Schärfste verurteilen", sagte Landesbranddirektor Karsten Homrighausen.

In der vorläufigen Bilanz zur Jahreswende notierte die Berliner Polizei 103 Festnahmen. Ermittelt wird nicht nur wegen Angriffen auf Vollstreckungsbeamte, sondern auch wegen Brandstiftung, Verstößen gegen das Sprengstoffgesetz oder Landfriedensbruch.

Auch in Frankfurt (Oder) griffen Unbekannte die Polizei mit Feuerwerk an. Verletzt wurde niemand. Die Tatverdächtigen entkamen unerkannt.

Angriffe auf Polizei in NRW

In Nordrhein-Westfalen randalierten Menschen und griffen ebenfalls Einsatzkräfte an. Im bevölkerungsreichsten Bundesland wurden laut einer vorläufigen Bilanz des Landesamts für Zentrale polizeiliche Dienste NRW 42 Polizistinnen und Polizisten verletzt. Im Vorjahr seien es 23 gewesen. In der Silvesternacht wurden den Angaben 233 Personen in Gewahrsam genommen und 25 Personen vorläufig festgenommen.

In Bonn zündeten laut Polizei mehrere jugendliche Täter Müllcontainer an und bewarfen die einschreitenden Kräfte von Polizei und Feuerwehr mit Pyrotechnik und Steinen.

In der Bochumer Innenstadt bewarfen laut örtlicher Polizei an die 300 Menschen Einsatzkräfte mit Feuerwerkskörpern, nachdem die Polizei einem 17-Jährigen eine Pistole abgenommen hatte.

In Essen wurden nach Polizei-Angaben Feuerwehrkräfte bei Löscharbeiten aus einer größeren Personengruppe heraus mit Pyrotechnik beschossen. Nach aktuellen Erkenntnissen seien drei Feuerwehrleute verletzt worden, hieß es.

In Hamburg verzeichnete die Polizei in der Silvesternacht rund 1200 Einsätze, ein Jahr zuvor waren es gut 1000, in den Nächten von 2020 auf 2021 sowie von 2019 auf 2020 waren es jeweils gut 1300 Einsätze, wie es hieß.

Auch aus Mannheim berichtete das Polizeipräsidium am Sonntag von Angriffen in der Silvesternacht. Polizei und Passanten seien mit Pyrotechnik beworfen und beschossen worden. Ein Beamter habe einen Hörschaden erlitten. Auf einen Dienstwagen der Polizei sei gezielt eine Rakete abgeschossen worden. Die im Inneren befindlichen Beamten seien jedoch nicht verletzt worden. (mit dpa und epd)