Sturmtief

West-Florida zittert vor Hurrikan "Ian" – Blackout auf Kuba

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Dirk Hautkapp
Videografik: So entstehen Tornados

Videografik: So entstehen Tornados

Der US-Bundesstaat Kentucky ist schwer von Tornados getroffen worden. Die Wirbelstürme gehören zu den heftigsten und zerstörerischsten Stürmen überhaupt. Sie entstehen, wenn warme feuchte Luft, oft vom Meer kommend, auf trockene kalte Luft von den Polen trifft.

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"Ian" könnte in der ohne Deiche dastehenden Region um Tampa Bay Milliardenschäden verursachen. Ganz Kuba ist ohne Strom.

Washington/Tampa. Als die Weltbank in Washington vor zehn Jahren eine Großstudie über die weltweit verwundbarsten Metropolen im Falle einer Sturmflut vorlegte, war der US-Bundesstaat Florida zweimal unter den ersten zehn: Miami (Atlantik) und Tampa Bay (Golf-Küste).

Kurz darauf sahen die Risikobewerter der Firma Karen Clark & Co. genauer hin. Sie ermittelten für den wegen seicht abfallender, weißer Strände bei Touristen wie Einheimischen beliebten Großraum um Tampa ein Schaden-Szenario von gigantischen 175 Milliarden Dollar, sollte ein Jahrhundertsturm die dortige Küste heimsuchen.

Am Mittwoch, 28. September, könnte es nach Einschätzung von Meteorologen so weit sein. "Ian", ein bis zu 500 Meilen großer Hurrikan der zweithöchsten Gefahrenstufe (4), der bereits auf Kuba gewütet hat, wird mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 200 Stundenkilometern, Sturzfluten, Tornados und extremen Niederschlägen erwartet.

Hurrikan "Ian": Ganz Kuba ohne Strom

Auf Kuba hinterließ der Sturm bereits eine Schneide der Verwüstung: Dort sorgte „Ian“ für einen großflächigen Stromausfall gesorgt. Der Wirbelsturm habe das Stromnetz so stark beschädigt, dass der Inselstaat „ohne Stromversorgung“ sei, teilte der Energieversorger Union Eléctrica am Dienstag mit.

„Derzeit gibt es nirgendwo im Land Strom“, sagte der technische Direktor des Staatsunternehmens, Lázaro Guerra. Das Energieministerium sprach von einer „außergewöhnlichen Situation“ und kündigte an, die Stromversorgung schrittweise wiederherzustellen.

„Ian“ war am Morgen als Hurrikan der Kategorie 3 im Westen Kubas auf Land getroffen und hatte nach Angaben des Wetterdienstes mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 200 Stundenkilometern fünf Stunden lang in der Region gewütet, bevor er auf den Golf von Mexiko zog.

Aufnahmen aus der Stadt Pinar del Río zeigten umgestürzte Stromleitungen, überflutete Straßen und abgerisene Dächer. In der gleichnamigen Provinz hatten rund 40.000 Menschen vorsorglich ihre Häuser und Wohnungen verlassen. Auch in den nahegelegenen Städten Artemisa und Havanna verursachte der Sturm schwere Schäden. Tote oder Verletzte wurden aus Kuba bisher aber nicht gemeldet.

Hurrikan-Warnung in den USA: Hamsterkäufe und Flucht ins Inland

Obwohl Gouverneur Ron DeSantis bereits Ende vergangener Woche den Notstand ausgerufen und umfangreiche Evakuierungsmaßnahmen empfohlen hat, obwohl Hunderttausende durch Flucht ins Inland, Hamsterkäufe oder Sandsäckebefüllen seit über 72 Stunden im Ausnahmezustand agieren, sind die Verantwortlichen in größter Sorge.

Grund: Einen derart heftigen Sturm hat es in der Region zuletzt vor über hundert Jahren gegeben. Bei allen großen Hurrikans der jüngeren Geschichte, die den an Wetter-Extreme gewöhnten "Sunshine-State" Florida trafen, kam der mit rund drei Millionen Menschen inzwischen sehr dicht besiedelte Großraum um Tampa meist glimpflich davon.

Weil in Tampa und Umgebung etwa die Hälfte alle Häuser nur wenig über dem seit Beginn der Aufzeichnungen 1947 um über 20 Zentimeter gestiegenen Meeresspiegel liegen und weil die Region anders als etwa die Niederlande oder die ostfriesische Küste kein Deichsystem besitzt, ist das Risiko von verheerenden Schäden durch die bis zu drei Meter hoch erwarteten Sturmfluten plus Regenmengen bis zu 40 Zentimeter pro Quadratmeter enorm hoch.

Sturmschäden: 20.000 Techniker in Bereitschaft

Die Wetter-Experten der NOAA, der "National Oceanic and Atmospheric Administration", betonen zwar wie bei jedem Hurrikan, dass bis zum tatsächlichen Landfall des Sturms Stärke und Gefährlichkeit nicht mehr als gesicherte Spekulation seien. Gleichwohl erinnern Lokalpolitiker bereits an mehrere Jahre alte Studien der regionalen Planungsbehörde. Im fiktiven "Phönix"-Szenario wurde ermittelt, dass ein Hurrikan von der vermuteten Wucht von "Ian" bis zu 500.000 Wohnungen und Geschäfte zerstören und Hunderttausende Menschen in medizinische Behandlungen zwingen kann.

Um die bei jedem Hurrikan auf der Kippe stehende Energieversorgung zu gewährleisten, haben die Branchen-Riesen "Duke Energy" und "Florida Power and Light" über 20.000 Techniker in Bereitschaftsdienst gerufen, um Stromleitungen im Falle eines Falles so schnell wie möglich zu erneuern. Dabei wird erneut auf Personal aus fernen Bundesstaaten wie Maine, New Jersey oder Indiana zurückgegriffen. (mit afp)

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.