Pandemie

Corona in Israel: Booster-Impfungen und Regeln haben Erfolg

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Maria Sterkl
Die dritte Impfung ist in Israel auch für jüngere Erwachsene längst selbstverständlich.

Die dritte Impfung ist in Israel auch für jüngere Erwachsene längst selbstverständlich.

Foto: Debbie Hill/UPI/Shutterstock

Israel reagiert mit einer strikten Impfkampagne auf die vierte Corona-Welle. Die Auffrischimpfungen und strengen Regeln haben Erfolg.

Tel Aviv. Wenn in Israel nun erstmals wieder Individualtouristen einreisen dürfen, wirkt der September plötzlich sehr weit entfernt. Dabei ist es nur zwei Monate her, dass das Land alle Infektionsrekorde brach. Am 2. September, einen Tag nachdem die Schüler im ganzen Land aus den Sommerferien in ihre Klassen zurückgekehrt waren, schoss die Kurve der täglichen neuen positiven Covid-19-Fälle durch die Decke.

An jenem Tag wurden in dem Neun-Millionen-Einwohner-Land 11.347 Neuinfektionen verzeichnet. Das war der höchste Wert seit Beginn der Epidemie. Israel, das Land der erfolgreichen Massenimpfung, übertraf mit seinen Inzidenzwerten sogar die massive dritte Pandemiewelle, in der noch kein Mensch geimpft gewesen war.

Trotzdem war von der Alarmstimmung der früheren Wellen nichts zu spüren, die Verantwortlichen im Gesundheitsministerium blieben erstaunlich cool. Es gab keinen Lockdown, die Schulen blieben geöffnet, Großveranstaltungen fanden statt. Die Zahlen gingen stetig zurück. Am gestrigen Dienstag, also genau zwei Monate nach dem Rekord, zählte das Land nur noch 190 neue Fälle. Auf diesem Niveau war das Land zuletzt vor dem Ausbruch der vierten Welle.

Geimpft wird unbürokratisch, spontan, meist sogar ohne Termin

Wie ist es dem Mittelmeerstaat gelungen, den Kopf so rasch aus der Schlinge zu ziehen? Die Antwort liegt in einer Strategie, die Israel schon in der dritten Welle den Titel „Impfweltmeister“ eingebracht hatte: Die Regierung setzte auf rasches, möglichst breites Impfen der Bevölkerung. Ende Juli wurden die über 60-Jährigen zur Auffrischung gerufen, bald danach auch jüngere Altersschichten.

Seit Ende August ist der Booster-Shot für alle ab zwölf Jahren zugänglich – unbürokratisch, spontan, in den meisten Fällen sogar ohne Terminvereinbarung. Nun haben bereits 43 Prozent der Israelis die dritte Impfung erhalten. In der Altersgruppe der 60- bis 90-Jährigen sind es sogar 80 Prozent.

Die Booster-Kampagne brachte bereits drei Wochen nach ihrem Beginn erste Ergebnisse: Die Kurve der schwer erkrankten Patienten flachte ab. Anfang September, als bereits jeder vierte Israeli dreifach geimpft war, begannen auch die täglichen Neuinfektionen zu sinken. Und der Trend setzt sich auch weiter fort, sodass am Montag möglich war, was vor zwei Monaten kaum jemand für möglich gehalten hätte: Israel öffnete erstmals seit Beginn der Epidemie seine Grenzen für Touristen.

Wer die Quarantäne nicht einhält, darf drei Jahre lang nicht einreisen

Oder besser gesagt: Für jene, die einen gültigen Impfschutz haben. In Israel gelten zweifach Geimpfte, deren zweiter Termin bereits mehr als sechs Monate zurückliegt, nämlich als nicht mehr geimpft, ihre Immunisierung sei „abgelaufen“, so der Jargon des Gesundheitsministeriums. Wer es verpasst hat, sich rechtzeitig die Booster-Impfung zu holen, darf daher auch nicht ins Restaurant, ins Kino, zur Oma ins Altersheim oder zum Elternabend des Kindes – es sei denn, man lässt sich kostenpflichtig testen.

Wer an einen Herbsturlaub in Israel denkt und nur zweimal geimpft wurde, muss beweisen, dass seit der zweiten Teilimpfung nicht mehr als 180 Tage vergangen sind. Dreifach Geimpfte dürfen einreisen, sobald seit der Auffrischung vierzehn Tage verstrichen sind. Sie müssen sich bei der Einreise am Flughafen aber sofort PCR-testen lassen und in Quarantäne bleiben, bis das negative Ergebnis vorliegt. Wer die Quarantäne nicht einhält und dabei ertappt wird, darf drei Jahre lang nicht nach Israel einreisen. Wer sein Impftestat fälscht und damit auffliegt, wird sogar für fünf Jahre auf die schwarze Liste gesetzt.

Die Fehler der ersten Impfkampagne sollen nicht wiederholt werden

Es sind drastische Maßnahmen, aber sie sind Folge eines Lerneffekts. Israel will nicht die Fehler der ersten Impfkampagne wiederholen. Damals hatte die Regierung Benjamin Netanjahus das „Ende der Epidemie“ verkündet. Heute ist man vorsichtiger. Dass es den Booster-Impfungen zu verdanken ist, dass Israel aus der vierten Welle auftauchen konnte, zeigt sich nicht nur an den diversen Inzidenzkurven. Es wurde zuletzt auch mit einer groß angelegten Studie der Universität Harvard im Verbund mit der israelischen Krankenkasse Clalit nachgewiesen.

Dabei wurden die Daten von mehr als 700.000 dreifach geimpften Israelis mit Daten einer gleich großen Gruppe an Menschen verglichen, die zwar zweifach geimpft waren, aber mit einem mehr als fünf Monate zurückliegenden Impfdatum. Die Studie zeigt eine hohe Wirksamkeit des Boosters. Demnach ist das Risiko, dass eine Covid-19-Erkrankung einen schweren Verlauf nimmt, um 92 Prozent gesenkt. Auch das Sterberisiko ist deutlich geringer als bei zweifach Geimpften mit schwindendem Impfschutz.

Von einer Herdenimmunität ist Israel aber noch weit entfernt. Die Regierung will daher so bald wie möglich auch Kinder zur Impfung zulassen. Die dafür nötige Menge an Impfdosen wurde bereits geordert. Israel will diesmal, anders als zuvor, nicht vorpreschen, sondern abwarten, bis auch die US-amerikanischen Zulassungsbehörden ihr grünes Licht geben. Das Gesundheitsministerium in Jerusalem rechnet damit, dass das noch im November der Fall sein wird.