Immunschutz

Erst Astrazeneca, dann Biontech: So gut schützt Kreuzimpfung

Lesedauer: 8 Minuten
Alina Juravel
Nach Astrazeneca-Impfung zweite Dosis mit mRNA-Impfstoff

Nach Astrazeneca-Impfung zweite Dosis mit mRNA-Impfstoff

Die Ständige Impfkommission passt jetzt ihre Impfempfehlung für Astrazeneca an. Bei der Zweitimpfung soll zu einem mRNA-Impfstoff gewechselt werden.

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Astrazeneca-Geimpfte sollen als zweite Dosis einen mRNA-Impfstoff bekommen. Wie wirksam ist die Kreuzimpfung gegen das Coronavirus?

Berlin. 
  • Wer zuerst mit Astrazeneca geimpft wurde, erhält die zweite Corona-Impfung mit einem mRNA-Impfstoff wie etwa Biontech
  • Doch wie gut schützt die sogenannte Kreuzimpfung?
  • Sind die Nebenwirkungen eventuell sogar stärker?

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt seit Ende März den Impfstoff von Astrazeneca nur noch für Menschen ab 60 Jahren. Hintergrund ist das seltene Auftreten von Thrombosen im Zusammenhang mit den Impfungen.

Doch noch vor dieser Empfehlung für die haben in Deutschland nach offiziellen Angaben des Bundesgesundheitsministeriums rund 2,2 Millionen Bürger unter 60 Jahren eine Erstimpfung mit Astrazeneca gegen das Coronavirus erhalten. Was gilt für sie und alle anderen Astrazeneca-Geimpften?

Die Stiko empfiehlt mittlerweile unabhängig vom Alter eine Kreuzimpfung: Menschen, die zuvor Astrazeneca erhalten hatten, sollen ihre zweite Dosis mit einem mRNA-Impfstoff bekommen. Auch wegen der Ausbreitung von gefährlichen Virusvarianten wie etwa der Delta-Variante empfiehlt die Stiko nun vermehrt diese sogenannten heterologe Impfschema. Doch daraus ergeben sich für Betroffene viele offene Fragen.

Wie hoch ist die Wirksamkeit einer Kreuzimpfung?

Die Stiko hält es für unbedenklich, ja sogar vielversprechend, wenn sich jemand zuerst mit Astrazeneca und dann mit Biontech oder Moderna impft. Doch die WHO hält die Datenlage aktuell für "nicht ausreichend", deswegen gibt es ihrerseits noch keine Empfehlung für Impfstoffkombinationen.

EMA: Vollständige Corona-Impfung schützt gegen Delta-Variante
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Leif Erik Sander, Infektiologe an der Charité Berlin, sieht die Sache jedoch anders. Er begrüßt die Empfehlung der Stiko: "Aus immunologischer Sicht kann eine solche Kombination sogar vorteilhaft sein und die Impfantwort des Immunsystems sogar verstärken. Ich erwarte mir von dieser Kombination daher eine gute Sicherheit und eine sehr gute Wirksamkeit mit einem exzellenten Schutz vor der Covid-19-Erkrankung", heißt es in einem Twitter-Video von Mai.

Anfang Juni bestätigte der Wissenschaftler anhand einer vorläufigen Auswertung einer Charité-Studie: Die Immunisierung durch eine Astrazeneca-Dosis, gefolgt von einer Dosis Biontech sei genauso wirksam wie zwei Impfdosen von Biontech-Pfizer. In dem Tweet vom 3. Juni ergänzt er, dass die Kombination von verschiedenen Impfstoffen keinerlei Nachteile habe und gut verträglich sei.

Eine Studie aus Spanien scheint das ebenfalls zu bestätigen. Die Immunantwort (igG-Antikörper) sei bei einer solchen Kombination von Biontech-Pfizer und Astrazeneca um das 30- bis 40-fache höher als bei einer einzelnen Astrazeneca-Dosis gewesen, heißt es in den Ergebnissen einer Untersuchung von Spaniens staatlichem Gesundheitsinstitut Carlos III.

Demnach hätten 670 Teilnehmer zunächst Astrazeneca erhalten, bei der zweiten Dosis dann aber Biontech. Ob die Kombination der beiden Impfstoffe zu einer besseren Immunantwort führe als eine zweite Dosis Vaxzevria, lasse sich zwar auf Grundlage dieser Studie nicht zeigen, betont Professor Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie – "aber es ist wahrscheinlich". Sicher sei jedenfalls, so Watzl: "Die Kreuzimpfung ist sehr, sehr wirksam und steht homologen Impfungen in nichts nach."

Die unterschiedlichen Vakzine nutzen zwar verschiedene Mechanismen, doch sowohl beim vektorbasierten Impfstoffen von Astrazeneca und Johnson & Johnson als auch bei den mRNA-Impfstoffen von Biontech und Moderna ist das Antigen (Spike-Protein), gegen das eine Immunantwort ausgelöst wird, dasselbe.

Studien: Kreuzimpfung erhöht Immunantwort

Es trifft sogar wohl eher zu, dass der Impfschutz durch die kombinierte Impfung länger bestehen bleibt. Interessante Ergebnisse liefert dazu eine Mäuse-Studie des National Institute for Food and Drug Control aus China. Den Mäusen wurde zuerst ein Vektorimpfstoff und dann ein mRNA-Impfstoff verabreicht.

Der Impfsoff-Mix hat die Immunreaktion bei den Mäusen deutlich verbessert. Die Forscher beobachteten bei den Tieren einen deutlich höheren Antikörperspiegel und eine bessere T-Zellen-Antwort.

Forscher der Universität des Saarlandes haben die Immunreaktion des Menschen auf einen Impfstoff-Mix untersucht und sind zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Laut den Wissenschaftlern erhöhe eine Kombination der Impstoffe von Astrazeneca und Biontech die Wirksamkeit deutlich. Wie die Universität am Montag in Saarbrücken mitteilte, untersuchten die Forscher die Abwehrreaktionen von 250 Menschen in verschiedenen Testgruppen. Von diesen erhielt ein Teil beide Impfungen mit nur einem Wirkstoff. Bei anderen wurde hingegen erst Astrazeneca, dann Biontech/Pfizer verimpft.

Zweifache Biontech/Pfizer-Impfungen oder kombinierte Impfungen mit den Präparaten von Astrazeneca und Biontech/Pfizer zeigten "wesentlich höhere" Wirksamkeiten als doppelte Immunisierungen mit Astrazeneca, wie die Universität mitteilte. Eine Kombination der Impfstoffe führe sogar zu einer geringfügig höheren Abwehrreaktion als eine doppelte Biontech/Pfizer-Impfung allein, berichteten die Wissenschaftler weiter. Die Ergebnisse der Studie waren demnach allerdings noch nicht wissenschaftlich publiziert und daher zunächst lediglich als vorläufig anzusehen.

Gibt es häufiger Nebenwirkungen nach einer Kreuzimpfung?

Aus den Daten einer vorläufigen Studie der Universität Oxford geht hervor, dass es bei einer Kreuzimpfung von Biontech/Pfizer und Astrazeneca häufiger zu milden bis moderaten Nebenwirkungen nach der zweiten Impfdosis kommen kann. Anlass zur Sorge um die Patientensicherheit gebe es deswegen aber nicht, betonten die Wissenschaftler.

Betrachtet wurden 830 Freiwillige im Alter von über 50 Jahren, die in vier Gruppen jeweils zwei Impfdosen gleicher Art und in unterschiedlicher Reihenfolge je zuerst das eine und dann das andere Präparat erhielten. Es sei möglich, dass die Nebenwirkungen bei jüngeren Menschen noch verbreiteter seien, hieß es in der Mitteilung weiter.

Bekomme ich als Zweitimpfung automatisch einen mRNA-Impfstoff?

Ja. Wegen der schnellen Ausbreitung der ansteckenderen Delta-Variante in Deutschland hat die Ständige Impfkommission (Stiko) ihre Impfempfehlung angepasst. So sollen Menschen, die eine erste Dosis Astrazeneca erhalten haben, künftig unabhängig vom Alter als zweite Spritze einen mRNA-Impfstoff wie Biontech oder Moderna erhalten, teilte das Gremium am Donnerstag mit. Der Abstand zwischen erster und zweiter Dosis solle dann mindestens vier Wochen betragen. Die Empfehlung gelte „vorbehaltlich der Rückmeldungen aus dem noch zu eröffnenden Stellungnahmeverfahren“, hieß es.

Die Expertinnen und Experten begründen diesen Rat damit, dass die Immunantwort nach dem Verabreichen von zwei verschiedenen Präparaten - erst Vektor-, dann mRNA-Impfstoff - der Immunantwort nach zwei Dosen Astrazeneca „deutlich überlegen“ sei. Fachleute sprechen von einem heterologen Impfschema. Dieses hatte die Stiko bisher nur jüngeren Menschen angeraten, die bereits eine Erstimpfung mit Astrazeneca bekommen hatten, bevor dieser Impfstoff nur noch für Impfwillige ab 60 Jahren empfohlen wurde. Lesen Sie hier, warum die Ärzte dazu raten, den Abstand zwischen den Impfungen nicht zu verkürzen.

Kann ich bei der Zweitimpfung trotzdem bei Astrazeneca bleiben?

Ob dies weiterhin möglich sein wird, nachdem die neue Stiko-Empfehlung umgesetzt wird, ist noch unklar. Voraussetzung könnte ein dokumentiertes Aufklärungsgespräch mit dem Arzt oder der Ärztin und das Einverständnis des Geimpften sein.

Erste Spritze im Impfzentrum, zweite beim Hausarzt. Geht das?

Theoretisch ja. "Es gibt keine starren Vorgaben dazu, wo die Zweitimpfung erfolgen muss", sagt Dr. Ulf Zitterbart, Vorsitzender des Thüringer Hausärzteverbands. Trotzdem würde der Mediziner dazu raten, die zweite Impfung dort machen zu lassen, wo man bereits die erste erhalten habe. "Dann bleibt es organisatorisch besser geregelt, denn es gibt keine Absprachen zwischen Hausärzten und Impfzentren", erklärt Zitterbart.

Das bedeutet also, dass Menschen, die hin- und her hüpfen, im schlimmsten Fall ihren bereits ausgemachten Termin im Impfzentrum verfallen lassen, nur weil sie vielleicht schneller an die zweite Impfung beim Hausarzt rankommen – oder auch umgekehrt. "Das Ganze könnte das Impfprozedere nur unnötig in die Länge ziehen", warnt Zitterbart.

Gelten für die Geimpften mit Kreuzimpfung die gleichen Lockerungen?

Vielen Bürgern stellt sich die Frage, ob sie nach einer Kreuzimpfung die gleichen Erleichterungen bekommen wie die Menschen mit zwei gleichen Impfungen. Das Bundesministerium für Gesundheit sieht hier keine Probleme: "Die Kreuzimpfungen bieten einen umfänglichen Schutz, deshalb gelten die Menschen nach der zweiten Impfung auch hier als vollständig immunisiert."

(mit bml/dpa)