Schiffswrack

Funkgerät der Titanic – Streit verhindert die Bergung

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Dirk Hautkapp
Für den Dokumentarfilm „Geister der Titanic“ machten U-Boote Aufnahmen vom Schiffswrack.

Für den Dokumentarfilm „Geister der Titanic“ machten U-Boote Aufnahmen vom Schiffswrack.

Foto: imago images/Everett Collection

Das Funkgerät der Titanic sollte geborgen und ausgestellt werden. Jetzt haben allerdings Anwälte der US-Regierung Einspruch erhoben.

Washington. Bretton Hunchak sah die „berühmteste Funkanlage der Welt” vor einigen Wochen in Gedanken bereits über der Wasserlinie. Bezirksrichterin Rebecca Smith in Norfolk im US-Bundesstaat Virginia hatte im Mai grünes Licht gegeben, der seit 108 Jahren in gut 3800 Meter Tiefe 650 Kilometer südöstlich von Neufundland liegenden „Titanic” aufs kaputte Dach zu tauchen.

Um Teile des Marconi-Telegrafen zu bergen, der in der Unglücksnacht vom 14. auf den 15. April 1912 maßgeblich dabei half, rund 700 der über 2200 Passagiere an Bord des Luxusdampfers das Leben zu retten. Für den Präsidenten der Firma RMS Titanic in Atlanta/Georgia, die seit über 25 Jahren die exklusiven Rechte an dem erst 1985 auf dem Meeresgrund entdeckten Kultschiff hält, war Smiths Entscheidung bares Geld wert.

Titanic-Funkanlage wird vorerst nicht ausgestellt werden

Einmal gerettet und behutsam restauriert, sollte das Marconi-Exponat als Ausstellungsjuwel veredelt und jährlich zigtausende Eintritt zahlende Besucher anziehen. Daraus wird vorläufig nichts. Im Auftrag der amerikanischen Regierung hat Staatsanwalt Kent Porter in dieser Woche Einspruch gegen die Expedition eingelegt, die laut Smith einen „bedeutenden historischen, bildenden, wissenschaftlichen und kulturellen Wert” aufweise.

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Der Jurist beruft sich mit Verweis auf Bundesrecht und einen alten Vertrag mit Großbritannien darauf, dass letztlich nur US-Wirtschaftsminister Wilbur Ross einen derartigen Tauchgang zur Titanic genehmigen könne. Was aber ausgeschlossen scheint. Dahinter steht die staatliche Ozeanographiebehörde NOAA. Sie besteht darauf, dass die seit 2012 als Weltkulturerbe der Unesco eingestufte Titanic ein maritimer Friedhof für mehr als 1500 Menschen sei, deren Totenruhe unbedingt zu wahren ist.

Bereits über 5000 Objekte aus dem Meer geholt

Dahinter steht die Sorge, dass es bei dem einen Mal nicht bleiben wird. Schließlich hatte RMS schon im Jahr 2000 um eine Genehmigung ersucht. Damals, um Diamanten an Bord suchen zu können. Ein Richter lehnt ab.

Dass die jüngst einem Besitzerwechsel ausgesetzte Firma, die zu einem größeren Ausstellungskonzern gehört, nicht aufsteckt und das auf einen Eisberg gelaufene Passagierschiff unbedingt monetarisieren will, ist aus Sicht von Kritikern klar. Bis zur Stunde hat RMS über 5000 Objekte wie Münzen, Besteck etc. aus der Tiefe geholt. Meist direkt vom Deck der Titanic. Oder vom Meeresboden in einem größeren Radius rund um das Objekt. In einer Ausstellung im Luxor Hotel Casino in Las Vegas zeigt RMS rund 250 Objekte.

Für das Unternehmen bedeutet der juristische Konter der US-Regierung eine empfindliche Verzögerung seiner Pläne, die ein Millionen-Investment erfordern. Ein unbemannter Unterwasser-Roboter soll durch ein Oberlicht in das Wrack eindringen, um Teile des auf zwei Räume verteilten Telegrafen mit Greifarmen zu sichern. Nur im Notfall würde die stark angerostete Metall-Hülle auf dem Dach aufgetrennt, hatte die Firma in ihrem Antrag beteuert.

Zwei Stunden funkten die Männer auf der Titanic um Hilfe

Die historische Bedeutung des von dem Italiener Guglielmo Marconi erfundenen Geräts, der dafür 1909 mit dem Nobelpreis für Physik bedacht worden war, ergibt sich aus der Dramatik der letzten Stunden der Titanic. „41° 46’N 50° 14’W - Sinken - brauchen sofort Hilfe”, so lautete einer der ersten Funksprüche, den Jack Phillips und sein Kollege Harold Bride absetzten.

Kreuzfahrtschiffe und Corona:

Zwei Stunden lang funkten die beiden Männer immer wieder um Hilfe. Bis ihnen das Wasser bis zu den Knien stand, hieß es etwa: „Frauen und Kinder in den Booten. Können uns nicht mehr lange halten.” Rund zwölf Schiffe registrierten den auf 350 Seemeilen Distanz empfangbaren nächtlichen Alarm. Aber nur die „Carpathia“ war in der Nähe des Unglücksortes und konnte am Ende so über 700 Schiffbrüchige aufnehmen.

Titanic könnte bald komplett einstürzen

Das Marconi-Gerät museal anspruchsvoll der interessierten Öffentlichkeit zu präsentieren, ist für Bretton Hunchak ein Gebot der Fairness. Andernfalls bleibe der Zugang zu historischen Artefakten denen überlassen, „die das Privileg und die finanziellen Mittel besitzen, um zum Liegeplatz des Wracks zu reisen”.

Weil die Titanic, wie Videoaufnahmen bestätigen, zusehends zerrüttet und bald komplett einstürzen könnte, sei höchste Eile geboten, sagt Hunchak. Ob der Appell gehört wird, hängt zunächst von Richterin Smith ab. Bei ihr ist der Antrag der Regierung in Washington eingegangen. Bleibt sie bei ihrem ursprünglichen „Ja”, rechnen laut „Washington Post” Rechtsgelehrte damit, dass der Fall vor dem Berufungsgericht landet. Ende offen. Der Marconi-Telegraf bleibt vorerst, wo er ist.