Corona-Pandemie

Tourismusbranche kriselt: Was das für den Urlaub bedeutet

Reisen und Coronavirus: Wohin kann ich jetzt fahren?

Hotels und Ferienwohnungen waren lange leer: Wann hat das ein Ende? Millionen Deutsche wollen raus und Urlaub machen. Klappt Camping oder gar eine Auslandsreise? Wir klären im Video auf.

Beschreibung anzeigen

TUI streicht 8000 Stellen, Reisebüros steht das Wasser in der Krise bis zum Hals. Können Kunden überhaupt noch sicher Urlaub buchen?

Berlin. Die Lage ist dramatisch. Die Corona-Krise hat die Reisebranche weltweit zum Erliegen gebracht. Für alle Beteiligten wird der Stillstand zunehmend zum Überlebenskampf. Die Bundesregierung will den von der Corona-Pandemie schwer getroffenen Reiseunternehmen helfen und hat dazu eine freiwillige Gutscheinlösung für Pauschalreisen beschlossen.

Zuvor hatte Europas größter Reiseveranstalter die Notbremse schon gezogen: TUI will weltweit bis zu 8000 Arbeitsplätze streichen, um die Verwaltungskosten des Konzerns dauerhaft um 30 Prozent zu senken, kündigte Vorstandschef Friedrich Joussen am vergangenen Mittwoch an. Die Pandemie führte zur „größten Krise, der sich der Tourismus und TUI jemals gegenübersahen“.

Folgen des Coronavirus: TUI vor massiven Stellenstreichungen

Das Sparprogramm soll die jährlichen Kosten um 300 bis 400 Millionen Euro senken. Der Konzern werde danach „schlanker, weniger kapitalintensiv und digitaler sein“. Täglich gingen aber weiterhin Umsätze in Millionenhöhe verloren, da Hotels geschlossen sind, Kreuzfahrten und Pauschalreisen nicht stattfinden. Allein diesen Monat fehlt ein Umsatz von 470 Millionen Euro.

TUI hat nach der Schließung der Grenzen bereits einen Überbrückungskredit der Förderbank KfW in Höhe von 1,8 Milliarden Euro erhalten. Dadurch könne der Reisekonzern aktuell auf insgesamt 2,1 Milliarden Euro liquide Mittel zurückgreifen, sagte Finanzchefin Birgit Conix. Dieser Kredit müsse zwar zurückgezahlt werden, doch die TUI-Managerin zeigt sich zuversichtlich, dass die Reserven bald wieder aufgefüllt würden, sobald der Tourismus wieder anlaufe.

Sommerurlaub 2020: Maas will noch keine Reiseziele benennen
Sommerurlaub 2020- Maas will noch keine Reiseziele benennen

Corona-Krise lässt Umsatz in Branche deutlich sinken

Nicht nur der Branchenprimus hat Pro­bleme. Der gesamte Tourismus ist in Not – Reisebüros, Reiseveranstalter, Fluggesellschaften, Busunternehmen, Hotels und Restaurants. In einem Appell an die Politik fordern die Verbände nun einen Rettungsfonds für die gesamte Branche und einen Tourismusgipfel unter Leitung der Bundeskanzlerin. Wenn nicht schnell Hilfe komme, sei die Tourismuswirtschaft am Ende, hieß es.

Viele Unternehmen stünden unverschuldet vor dem Aus. Auf finanzielle Unterstützung warte die Branche aber bislang vergeblich. „Die Rücklagen sind aufgebraucht. Ohne einen Rettungsfonds mit schnellen, direkten Finanzhilfen werden wir es nicht schaffen“, so Michael Frenzel, Präsident des Bundesverbandes der deutschen Tourismuswirtschaft (BTW). Tourismus müsse jetzt endlich Chefinnensache werden.

Reisebüros steht das Wasser bis zum Hals

Tatsächlich ist der Tourismus in Deutschland ein großer Wirtschaftszweig mit drei Millionen Beschäftigten. 35,4 Milliarden Euro Umsatz wurden 2019 von den rund 2300 Reiseveranstaltern in Deutschland erzielt. Durch die Corona-Krise kam es bislang laut Deutschem Reiseverband (DRV) zu Umsatzeinbußen von fast elf Milliarden Euro.

Reisen und Coronavirus: Wohin kann ich jetzt fahren?
Reisen und Coronavirus- Wohin kann ich jetzt fahren?

Insbesondere Reisebüros steht das Wasser bis zum Hals. Sie müssen ausgefallene Reisen rückabwickeln, erhaltene Provisionen an die Veranstalter zurückerstatten, und gleichzeitig fehlen neue Buchungen. Dem stehen wiederum die Interessen der Kunden gegenüber, die Reisen bezahlt haben, die sie aber nicht antreten können. Sie fordern Geld zurück statt Gutscheine.

Drohen jetzt Insolvenzen? Bundesregierung beschließt Gutscheinlösung

Derzeit herrscht bei vielen Urlaubern Verunsicherung, ob ihre bereits gebuchten Reisen noch sicher sind. Die freiwillige Gutscheinlösung für Pauschalreisen der Bundesregierung soll für Ruhe bei den Kunden sorgen.

Gutscheine als Entschädigung für coronabedingt abgesagte Pauschalreisen, die vor dem 8. März gebucht wurden, sind künftig bis zu hundert Prozent ihres Wertes vom Staat abgesichert, wie das Bundesjustizministerium am Mittwoch mitteilte. Bei einer Insolvenz des Reiseunternehmens gehen die Kunden damit nicht leer aus.

Die Gutscheine seien freiwillig, Pauschalreisende könnten sie auch ablehnen, betonte das Ministerium. Eine verpflichtende Gutscheinlösung hatte die EU-Kommission abgelehnt.

Union-Verbraucherschutzbeauftragter fordert Garantie für den Steuerzahler

Doch eine gewisse Unsicherheit bleibt. Zum einen, weil nur Pauschalreisen abgesichert sind. Geht ein Anbieter einer Individualreise pleite, hat der Kunde keinen Anspruch auf Entschädigung.

Zum anderen hat die Thomas-Cook-Pleite gezeigt, dass die seit 1993 geltenden Haftungsgrenzen nicht ausreichen. Neben den versicherten 110 Millionen Euro musste der Bund mit 225 Millionen Euro Steuergeld einspringen. So etwas dürfe nicht noch einmal passieren, sagte Sebastian Steineke, Verbraucherschutzbeauftragter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. „Eine reine Versicherungslösung mit Haftungsbegrenzung reicht hierfür nicht aus.“ Es brauche eine Kombination aus einem Fonds, in den der Reiseveranstalter einzahle, und einer Versicherungsleistung.

Justizministerium will neues Gesetz bis November verabschieden

Das Bundesjustizministerium hat dazu im Dezember eine Reform angekündigt. Passiert sei seitdem nichts, kritisiert Insolvenzverwalter Niering: „Die Bundesregierung hat nach der Insolvenz von Thomas Cook ihre Hausaufgaben nicht gemacht.“

Aus dem Ministerium heißt es auf Anfrage, dass das geplante Gesetz bis zum neuen Reisejahr am 1.11.2020 in Kraft sein soll. Die aktuelle Situation zeige „noch einmal die dringende Notwendigkeit einer Neuregelung auf“, sagte ein Ministeriumssprecher.

Mehr zur Corona-Krise: