Katastrophen

Erdbeben-Angst in Istanbul: Forscher warnen vor Katastrophe

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Deutsche Forscher haben nahe Istanbul tektonische Spannungen gemessen. Ein Erdbeben ist wahrscheinlich – und hätte schlimme Folgen.

Berlin. 16 Millionen Einwohner – und die Angst vor zwei Platten: Istanbul liegt an der Grenze zwischen zwei Erdplatten. Wenn diese aneinanderstoßen, wird es für die türkische Stadt mit höchster Wahrscheinlichkeit fatal. Denn Experten rechnen mit einem verheerenden Erdbeben. Deutsche Forscher haben die Bedrohungslage präzisiert.

Tatsächlich habe sich zwischen den Platten bereits eine enorme Spannung aufgebaut – die sich irgendwann entladen werde. Viele Einwohner haben sich auf den Tag X vorbereitet. Nicht wissend, ob sie ihn erleben werden. Aber im Bewusstsein, dass – sollte es passieren – es schnell um ihr Leben geben kann.

Die liegt an der sogenannten Nordanatolischen Störung, einer Grenze zwischen der eurasischen und der anatolischen Erdplatte. Auf ein mögliches Erdbeben bereiten sich die Menschen unterschiedlich vor:

  • Firmen entwerfen Notfallpläne
  • Privatleute haben sogenannte Go-Bags mit allem Nötigen fertig gepackt neben Haustüren stehen
  • Schulen bringen Kindern bei, wie sie sich zu benehmen haben, wenn die Erde wackelt

Wissenschaftler um den Kieler Geophysiker Dietrich Lange vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung haben nun vor den Toren der Stadt erhebliche tektonische Spannungen entdeckt. Sie würden reichen, um ein Beben der Stärke 7,1 bis 7,4 auszulösen, schreiben sie im Fachblatt „Nature Communications“.

Erdbeben in Istanbul: Neues Messsystem zeigt, wie groß die Bedrohung ist

Der untersuchte Abschnitt der Nordanatolischen Störung liegt unter dem Marmarameer, also unter Wasser. Ob sich die Plattengrenzen dort bewegen oder verhaken, konnte bisher nur indirekt untersucht werden, zum Beispiel mit Beobachtungen von Land.

Nun haben die Forscher zweieinhalb Jahre lang mit dem am Geomar entwickelten Messsystem GeoSEA Daten in 800 Metern Wassertiefe gesammelt. Durch sogenannte akustische Abstandsmessungen sei erstmals eine direkte Messung der Plattenbewegung möglich geworden, heißt es in einer Geomar-Mitteilung.

Möglich sind Ausmaße wie beim Beben in Izmit 1999 – mit 17.000 Toten

„Zu starken Erdbeben kommt es, wenn sich die Störungszone verhakt. Dann bauen sich tektonische Spannungen auf, die sich irgendwann in einem Moment entladen“, sagte Lange. Die neuen Messungen seien der erste direkte Nachweis über den Spannungsaufbau am Meeresboden südlich von Istanbul.

„Wenn sich die angestaute Spannung während eines Erdbebens löst, würde sich die Verwerfungszone auf einen Schlag um mehr als vier Meter bewegen“, sagte GeoSEA-Projektleiterin Heidrun Kopp. Ein solches Ereignis könnte laut der Geomar-Mitteilung für Istanbul ähnlich weitreichende Folgen haben wie ein Beben 1999 für die Stadt Izmit, die ebenfalls an der Nordanatolischen Störungszone liegt. Damals waren mehr als 17.000 Menschen gestorben.

Schwere Schäden wahrscheinlich – viele verdrängen die Gefahr

Wann das nächste große Beben komme, sei unklar. „Wir sind nicht in der Lage, den Zeitpunkt zu prognostizieren“, sagte Kopp der Deutschen Presse-Agentur. Die Forscher wollten mit der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse „keine Panik auslösen.“ Sie rechnen zwar nicht mit einer verheerenden Tsunami-Welle, aber mit schweren Schäden in Istanbul.

In der Stadt selbst wird die latente Gefahr immer wieder ignoriert. Jedes Jahr stürzen schlecht gebaute Wohnhäuser ein – unter anderem mürbe gemacht durch die vielen kleineren Erdbeben, die Istanbul regelmäßig erschüttern. Stadtplaner wie die bekannte Architektin Mücella Yapici warnen seit Jahren, dass große offene Flächen, die im Zentrum als Zufluchtsorte eingetragen wurden, längst zugebaut sind.

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An einer deutschen Schule in Istanbul lernen Schüler, mit Trillerpfeifen auf sich aufmerksam zu machen, falls sie verschüttet werden. Wer Glück hat, wohnt in einem neuen und verantwortungsbewusst gebauten Mietshaus – oder in einem alten, das nachträglich mit dicken Stahlbetonsäulen verstärkt wurde. In manchen Häusern ziehen diese Säulen sich wie ein Rückgrat mitten durch die Wohnzimmer.

Im März hatte es ein Erdbeben in der Türkei gegeben – Schulen und ein Krankenhaus sind evakuiert worden. Aktuell hatte der Ausbruch des Vulkans Stromboli auf der italienischen Insel die Erde beben lassen. Im Juni wurde Rom von einem Erdbeben erschüttert – nur kurze Zeit, nachdem in Griechenland auch Athen gewackelt hatte.

Eine App warnt Reisende im Urlaub vor Katastrophen. (ses/dpa)