Flächenfraß

Natur-Defizit-Syndrom: Grün-Entzug kann Gesundheit schaden

Neue Straßen verdrängen Hügellandschaften: Die meiste Fläche wird auf dem Land und an den Rändern der Städte bebaut.

Neue Straßen verdrängen Hügellandschaften: Die meiste Fläche wird auf dem Land und an den Rändern der Städte bebaut.

Foto: istock / iStock

Jeden Tag gehen in Deutschland Naturflächen in der Größe von 90 Fußballfeldern verloren. Psychologen warnen bereits vor den Folgen.

Berlin.  Gegen Mittag ging das Bäumefällen los. Stunden später war vom Leopoldpark im Leipziger Süden nicht mehr viel übrig – außer einer Tischtennisplatte und einem Mülleimer. Eine Bürgerinitiative hatte vor einem Jahr bis zuletzt versucht, den Park zu retten. Ohne Erfolg. In den nächsten Jahren sollen hier knapp 100 Wohnungen entstehen.

Ähnlich erging es Bewohnern im Süden Kölns. Sie kämpften für den Erhalt von 233 groß gewachsenen Kastanien, Platanen und Linden, die einer neuen Straßenbahntrasse im Weg standen. Auch hier mussten die Bäume massiven Protesten zum Trotz weg.

Oder im Mauerpark in Berlin. Hier konnten es die Anwohner trotz jahrelangen Widerstandes nicht verhindern, dass knapp vier Hektar Grünfläche etwa 700 Wohnungen weichen mussten.

Entzug von Natur kann ängstlicher machen

In Deutschland wird jeden Tag eine Fläche in der Größe von fast 90 Fußballfeldern in Wohn- und Gewerbegebiete oder Straßen umgewandelt. Vielerorts kämpfen die Menschen um jeden Flecken Natur in ihrer Nachbarschaft. Wissenschaftler warnen bereits vor den gesundheitlichen Folgen, die der Entzug von Grün für Menschen haben könnte.

Im Extremfall könne es zum sogenannten Natur-Defizit-Syndrom kommen, vor allem bei Kindern. Sie würden ängstlicher und antriebsloser, könnten sich weniger konzentrieren und schlechter mit Langeweile umgehen. Schon jetzt leidet jeder vierte junge Mensch an einer psychischen Erkrankung.

Studien zeigen starke positive Effekte von Natur

Eine der Mahnerinnen ist die Umweltpsychologin Antje Flade: „Städter leiden ohnehin stärker unter Stress und Leistungsdruck als Menschen vom Land“, sagt sie. Depressionen träten zu 40 Prozent häufiger auf, Angststörungen zu 20 Prozent. „Grünflächen, Parks und Bäume, selbst in kleinen Portionen, wirken dem entgegen.“

Wie stark diese Effekte sind, haben zahlreiche Studien der vergangenen Jahre gezeigt. So verglichen etwa britische Forscher die Wirkung eines Parks in der Nachbarschaft mit der Wirkung anderer Glücksfaktoren.

Sie stellten fest: „Eine Hochzeit trägt nur dreimal so stark zur Zufriedenheit bei wie ein Umzug in Parknähe“, erklärt Studienleiter Mathew White von der Universität Exeter. Und: Eine grüne Umgebung liefere immerhin ein Zehntel so viel Wohlbefinden wie ein sicherer Job.

Schnellere Heilung durch Blick ins Grüne

Auch eine Langzeitbefragung unter 30.000 Bürgern aus 32 deutschen Städten machte deutlich, dass die Lebenszufriedenheit steigt, je näher die nächste Grünanlage gelegen ist. Gleichzeitig sank das Risiko für Diabetes, Gelenk­erkrankungen, Schlafstörungen. Auch Büroangestellte, die ihre Mittagspause im Grünen statt im unbegrünten Stadtzentrum verbrachten, waren danach deutlich kreativer und leistungsfähiger, berichten finnische Forscher.

Selbst ein einzelner Baum kann positive Effekte auslösen. Das hatten Wissenschaftler bereits 1984 in einem Krankenhaus in Pennsylvania herausgefunden. Patienten konnten nach einer OP deutlich schneller aus dem Krankenhaus entlassen werden und sie benötigten weniger Schmerzmittel, wenn sie vom Bett aus auf einen Baum schauten statt auf eine graue Mauer. Es zeigte sich: Menschen müssen nicht in der Natur verweilen, um von ihr zu profitieren. Allein ihr Anblick erzielt Wirkung.

Ohne grüne Umgebung wird Stress zum Dauerzustand

Den Grund dafür erklärt Riklef Rambow vom Karlsruher Institut für Technologie: „Gewachsene Formen wirken auf uns anregend und belebend, ohne überanregend zu sein“, sagt er. Die Menschen suchten oft intuitiv nach Spannung und Geheimnis, nach Situationen, die sich nicht hundertprozentig erschließen ließen. Monoton und erdrückend, geradezu zwangausübend wirke es, wenn wir nur auf Gebautes schauten, vor allem auf durchgerasterte Fassaden.

Der Aufenthalt in der Natur und deren Anblick rege jenen Teil des menschlichen Nervensystems an, der für Entspannung sorgt, den sogenannten Parasympathikus, fügt Antje Flade hinzu. Die Konzentration des Stresshormons Cortisol und auch der Blutdruck sinke.

Zwar mache der Entzug von Natur nicht sofort krank, ihre positiven Effekte jedoch entfielen. Vor allem Stress werde so zum Dauerzustand, die Menschen fühlten sich mental zunehmend überfordert.

Verdichten der Städte paradoxerweise umweltfreundlich

„Trotzdem können wir Städte nicht in Wälder umwandeln“, sagt Riklef Rambow. Das Paradoxe sei, sagt der Architekturpsychologe, dass gerade die Sehnsucht der Städter nach Natur bewirkt, dass sie umso mehr verloren geht. Denn aus Sicht des Naturschutzes – und auch der Stadtplanung – spreche vieles für das Verdichten.

In vielen Städten herrsche Wohnungsknappheit. Eine Brache zu bebauen biete sich da mehr an, als am Stadtrand neue Wohnsiedlungen zu errichten, sagt Rambow. Je mehr man die Städte zerstückele, desto mehr verlängerten sich Fahrt- und Versorgungswege, desto ineffizienter würden öffentliche Verkehrsmittel.

Zwischenstädte fressen mehr Fläche als Kernstädte

Doch schon heute gehe das meiste Grün – entgegen dem Eindruck vieler Städter – nicht in der Stadt selbst verloren. Das passiere eher im Stillen, an ihren Rändern und auf dem Land, so der Experte. Besonders ausgeprägt sei das in den sogenannten Zwischenstädten.

Diese Gebiete, weder Stadt noch Land, in denen die Stadtplanung kaum aktiv sei, wucherten vor sich hin – zwischen Einfamilienhaussiedlung, Sportplatz, Logistikzentren und alten Dorfkernen. Das Beste aus beiden Welten wollten die Menschen hier vereinen. Die Nähe zu Arbeit, Schule, Supermarkt mit dem Blick in die Natur. Durch die lockere Bebauung fräßen sie aber die meiste Fläche. Größenmäßig seien sie bereits heute entscheidender als die Kernstädte.

Haus im Grünen würde Flächenfraß weiter ankurbeln

Und das, so Rambow, führe letztlich dazu, dass unser Abstand zu der Umgebung noch mehr wachse, die wir als die eigentlich entspannendste und schönste wahrnehmen: die weite, unbebaute Hügellandschaft, zusammengesetzt aus Feldern, Wäldern, Wegen.

„Wir müssen genau so viel Natur in die Städte bringen, dass wir uns nicht von ihr entfremden und das Bedürfnis nach ihr größtenteils befriedigt ist“, sagt Rambow. Nur so ließe sich verhindern, dass sich Städter zunehmend nach dem Haus im Grünen, der immer entfernteren Natur oder exotischen Ländern sehnen – und den Flächenfraß weiter ankurbeln.

Natur in die Stadt zu bringen, könnte sich auch positiv aufs Klima auswirken: Mit Hochhaus-Wäldern und Dachgärten gegen den Klimawandel.

Die Politik hat das Problem immerhin erkannt: Umweltministerin Svenja Schulz will die deutschen Städte grüner machen.