BAP-Frontmann

Niedecken von Pater missbraucht: „Perfekter Psychoterror“

Wolfgang Niedecken.

Wolfgang Niedecken.

Foto: Uwe Anspach / dpa

Wolfgang Niedecken wurde als Kind von einem Pater gequält. Jahrelang hat das keinen interessiert. Erst nun ist die Gesellschaft bereit.

Berlin.  1990, als seine erste Autobiografie „Auskunft“ erschien, ging kein Aufschrei durchs Land. Dabei stand schon drin, was jetzt deutschlandweit beachtet, besprochen und bedauert wird: In dem kleinen katholischen Internat, in das der Maler, Dichter, Musiker und BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken Anfang der 60er-Jahre als 13-Jähriger ging, wurde er von einem „Pater L.“ gequält.

Geschlagen, dann „zum Trost“ auf den Schoß genommen, wo L. ihn dann im Intimbereich berührte. Schließlich war derselbe Pater noch der Beichtvater des sehr gläubigen Jugendlichen. „Der perfekte Psychoterror“, so fasst es Niedecken am Mittwoch in der TV-Sendung „Maischberger“ zusammen.

Anlass der Sendung war die kriminologische Studie zum Missbrauch in der katholischen Kirche Deutschlands, die am Dienstag in Fulda vorgestellt wurde. Zentrale Zahlen waren schon vorher durchgesickert: Zwischen den Jahren 1946 und 2014 haben mindestens 1670 Geistliche mindestens 3677 Minderjährige missbraucht, zwei Drittel davon Jungen. Dass die Dunkelziffer sehr viel höher liegt, wird nicht einmal von Kirchenseite infrage gestellt.

Niedeckens Vater ließ Pater nur versetzen

Wolfgang Niedeckens Geschichte steht beispielhaft für die Mechanismen, die mit sexuellen Übergriffen einhergehen: Er habe zunächst sich selbst die Schuld gegeben, erzählt er. „Bei einem 13-Jährigen geht das natürlich alles durcheinander.“ Er habe eben die Lateinvokabeln nicht gut genug gelernt – so erklärte sich das Missbrauchsopfer, warum es zu den „Strafen“ kam. Heute beschreibt er sie als das Werk eines Sadisten.

Als sein Vater Striemen auf seinem Rücken entdeckte und Wolfgang nach und nach erzählte, was im Internat passiert, reagierte der Vater zwar entschlossen, aber in dem typischen Rahmen: Er sorgte dafür, dass Pater L. versetzt wurde. Das war’s.

Der Täter wurde nicht angezeigt, die Taten wurden nicht öffentlich gemacht, und Wolfgang wurde aufgefordert, nie wieder von den Übergriffen gegen ihn zu sprechen. Die Schande könnte an ihm hängen bleiben, das war die Sorge. Der nächste Mechanismus: Die Schande wird beim Opfer, nicht beim Täter gesehen. Die Tat wird vertuscht, das System geschützt.

Niedecken: „Ich habe das gut verkraftet“

Wolfgang Niedecken weiß das heute alles. Und er sagt, es sei anderen noch viel schlimmer ergangen als ihm. „Ich habe das gut verarbeitet“, sagte er, „für meinen Vater war es wahrscheinlich noch schlimmer.“ Zu entdecken, dass die geliebte Kirche zu so etwas fähig ist, trifft Gläubige besonders hart. Loyalitätskonflikte: Auch davon profitierte die Institution.

Niedecken ist ein Realist. Keiner, der sich das Leben schönredet. Dass in der katholischen Kirche Missbrauch verbreitet ist, überraschte ihn ebenso wenig wie die Geschichten von Übergriffen in der Filmbranche, mit denen Frauen die #MeToo-Bewegung auslösten.

„Es wurde allerhöchste Zeit“, sagte Niedecken im Februar dazu in einem Interview mit unserer Redaktion, „ich finde es gut, dass da was in Bewegung gekommen ist. Da muss man jetzt ein bisschen hartnäckig sein und dranbleiben.“

Das Märchen vom Einzelfall

Die Gesellschaft war 1990 offenbar noch nicht so weit, in seiner Geschichte von den erlittenen Qualen im Internat etwas anderes als sein persönliches Drama zu sehen. Auch typisch: das Märchen vom Einzelfall. 1987 schon verarbeitete der BAP-Mann das Erlebte in dem Solo-Song „Nie met Aljebra“. Darin singt er von seiner Zeit im Heim, „in dem Sadisten Kinder quälten“ („en dämm Sadiste Kinder quälten“). Keine Reaktion.

Der vierfache Vater Wolfgang Niedecken, heute 67 Jahre alt, ist kein Schwarz-Weiß-Denker. Er betont bei Maischberger, dass zwei der drei Patres in seinem Internat einwandfrei gewesen seien. Und er betont, dass er Kardinal Reinhard Marx das Bedauern über die Vorgänge in der Kirche abnimmt.

Er ist ein genauer Beobachter, ein Menschenkenner. Deshalb versteht er auch, wie Menschen in Gruppen funktionieren. 1987 sang er vom Missbrauch im Internat. Und 1982 schon vom wiedererstarkenden Rechtsextremismus, in „Kristallnaach“. Die Gesellschaft hört ihn, wenn sie so weit ist.