Naturkatastrophe

Hunderte Nachbeben – Warum Italien nicht zur Ruhe kommt

Viele Häuser in der Erdbebenregion sind jetzt unbewohnbar, Zehntausende Menschen fürs erste obdachlos.

Viele Häuser in der Erdbebenregion sind jetzt unbewohnbar, Zehntausende Menschen fürs erste obdachlos.

Foto: Cristiano Chiodi / dpa

Italien kommt nicht zur Ruhe. Erdstöße versetzen die Menschen in Angst. Warum ist das Land dafür so anfällig? Ein Seismologe klärt auf.

Berlin.  Nach dem schweren Erdbeben in Mittelitalien am Sonntag haben Nachbeben die Menschen weiter verunsichert. Insgesamt wurden Hunderte Erdstöße registriert, die meisten leicht. Das stärkste hatte in der Nacht zum Montag eine Stärke von 4,2, teilte die italienische Erdbebenwarte INGV mit. Das Zentrum lag wie das am Sonntag in der Nähe der Kleinstadt Norcia in Umbrien.

Tausende Menschen waren bei dem heftigen Erdstoß am Sonntag, der eine Stärke von 6,5 auf der Richterskala hatte, obdachlos geworden. Viele verbrachten die Nacht in Notunterkünften oder in ihren Autos, weil das Beben historische Ortschaften verwüstet hatte.

„Die Region ist vielen Spannungen ausgesetzt“

Die Menschen in der Region kommen nicht zur Ruhe. Nach dem verheerenden Beben vom 24. August, als in der Provinz Rieti rund 300 Menschen ums Leben kamen, mussten sie erneut schwere Erdstöße miterleben. Doch warum ist ausgerechnet Italien für Erdbeben so anfällig?

„Italien ist ein Hochrisikoland für Erdbeben“, erklärt der Geophysiker Gernot Hartmann von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Dass das Land immer wieder von heftigen Erdstößen heimgesucht wird, liege vor allem an seiner besonderen Lage. „Es ist eine komplexe tektonische Region, die vielen Spannungen ausgesetzt ist“, sagt Hartmann.

Mittelitalien: Einwohner werden in Küstengebiete gebracht

Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi hat den Wiederaufbau der zerstörten Gebäude in Mittelitalien versprochen. Am Sonntag hatte erneut ein schweres Erdbeben die Region erschüttert.
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„Ein Gesteinsblock, der hin und her geschubst wird“

Unter Italien bewegt sich zum einen ein etwa 1000 Kilometer langer Keil der afrikanischen Platte mehrere Meter pro Jahrhundert Richtung Norden und drückt gegen die Alpen, also unter die eurasische Platte. Zudem drückt von Osten die adriatische Mikroplatte, und aus westlicher Richtung wirkt die Öffnung des Tyrrhenisches Meeres auf das Land ein. „Italien muss man sich wie ein Gesteinsblock vorstellen, der immer wieder hin und her geschubst wird“, sagt Hartmann.

Wenn sich diese tektonische Gesteinsplatten im tieferen Bereich der Erdkruste verschieben, kommt es, wie jetzt in der Region Umbrien, zu starken Spannungen, die sich schlagartig in Erdstößen entladen können. Daher müsse man in Italien mit Erdbeben rechnen. Das Problem: Genaue Vorhersagen, wo und wann Erde beben könnte, sind nahezu unmöglich.

Mit weiteren Nachbeben ist zu rechnen

„Je tiefer, desto weniger Energie spürt man an der Oberfläche“, erläutert Experte Hartmann. „Die Spannungen, die in der Erdkruste stecken, sind ja nicht mit einem Erdbeben entladen.“

Auch für die Zukunft rechnet der Geophysiker mit weiteren Erdbeben – mit einschneidenden Folgen, die allerdings erst in Millionen von Jahren sichtbar werden. „Irgendwann wird das Mittelmeer verschwinden, weil die afrikanische Platte auf die eurasische stößt“, prophezeit Hartmann. (mit dpa)