alternativer Marathon

Tausende Läufer veranstalten ”Run Anyway”-Marathon

Der New-York-Marathon wurde am Freitag abgesagt. Viele bereits angereiste Läufer veranstalteten nun einen alternativen Lauf im Central Park.

New York. Eigentlich war der berühmte New York Marathon wegen Hurrikan „Sandy“ abgesagt – doch Tausende Läufer ließen sich davon nicht beirren und schlüpften am Sonntag trotzdem in die Sportschuhe. Die meisten von ihnen rannten die 42,195 Kilometer im Central Park. Andere nahmen zu hunderten die Fähre nach Staten Island, um den von der Zerstörung betroffenen Menschen zu helfen. Auf der New Yorker Insel hätte der Startschuss für die rund 45.000 Teilnehmer des weltgrößten Marathons fallen sollen.

„Viele Menschen wollten einfach das abschließen, was sie begonnen hatten“, sagte Lance Svendsen, der eine Alternative namens „Run Anyway“ („Trotzdem Laufen“) organisiert hatte. In fünf Gruppen ließen Svendsen und Mitstreiter die Athleten starten – von der offiziellen Ziellinie des New York Marathons im Central Park, die trotz „Sandys“ Zerstörung noch zu sehen war.

Auch anderswo in Manhattan wollten sich die Läufer beweisen. Italiener wählten das Hotel Plaza zum Sammelpunkt, Deutsche liefen vom Columbus Circle los. Über kurz oder lang führten die meisten der selbst gewählten Strecken in den Central Park. Die Premiere des New York Marathons im Jahr 1970 hatte 127 Teilnehmer angelockt, die ihr damaliges Rennen komplett im Central Park bestritten.

Diesmal waren deutlich mehr Hobbysportler unterwegs. Einige spendeten Kleider und andere Ausrüstungsstücke für die Hurrikanopfer. Allen offiziell angemeldeten Teilnehmern des erstmals abgesagten Marathons war für 2013 ein Startplatz versprochen worden.

„Ich bin beim Militär und könnte verlegt werden“, sagte Ruben Arredondo. Deswegen sei er trotzdem morgens um kurz vor sieben Uhr mit einer Gruppe namens „Replacement“ („Ersatz“) auf die Piste gegangen. Per Internet hatten sich die meisten Läufer verabredet - und ließen sich dann vom regen Zustrom überraschen. „Es war schon ein bisschen unheimlich“, sagte etwa Tracey Busch. „Anfangs war niemand da, und plötzlich alle“, sagte Busch, die mit Kuhglocken Läufer anfeuerte.

Sportler versorgten sich an Imbissständen

Die „New York Road Runners“, die den Marathon üblicherweise organisieren, veröffentlichten unterdessen eine Mitteilung: „In unserer Gemeinschaft gibt es viele, die Not leiden, die unsere ungeteilte Aufmerksamkeit und alle Hilfe brauchen, die wir aufbringen können.“ Weil die offizielle Organisation fehlte, besorgten sich die Läufer Essen und Getränke an Imbissständen, mussten Fahrradfahrern und Hunden ausweichen. „Das ist die Kraft des Laufens“, freute sich Vincent Laiz aus Spanien über Zusammengehörigkeitsgefühl und Improvisation. Der 37-Jährige ging die gut 42 Kilometer mit einer bunt und international zusammengewürfelten Gruppe an.

Viele Läufer fanden einen Weg, um im von „Sandy“ gebeutelten New York zu helfen. Akil Defour etwa verzichtete auf seine erste Marathondistanz und nahm stattdessen die Treppen in einem Haus ohne Strom ins Visier. Wasser, Decken und mit Erdnussbutter beschmierte Brote brachte der 30-Jährige den Bewohnern im Stadtbezirk Queens. „Als sie den Marathon abgesagt haben, wusste ich, dass ich Hilfe anbieten wollte.“ Fünf Stunden steckten Defour und Freunde in Versorgungsläufe durch das lahmgelegte Gebäude.

In Staten Island trafen die Sportler mit der Fähre auf einer besonders stark vom Unwetter betroffenen Insel ein. Anwohner Jonscott Turco warnte die Läufer vor „Zerstörung und Verwüstung“. Stockend und mit Tränen in den Augen sagte Turco: „Ich kann Euch nur darauf vorbereiten, dass immer noch Bürger und Überbleibsel gefunden werden.“ An der Küste zeigte sich, was „Sandy“ hinterließ: Verschlossene Tankstellen, wahrscheinlich geplünderte Häuser, auf den Straßen gestapelte Möbel.

Aus einem Haus kam ein Mann und bat die Läufer um Taschenlampen. Ihm konnte genauso geholfen werden wie einer Familie, die Batterien und Pullover brauchte. „Gott segne Euch“, hieß es zum Dank. Hana Abdo ging die Szene nah. Als sie von der Absage des Marathons erfuhr, „hätte ich fast geheult, weil ich zwei Jahre trainiert habe“, sagte Abdo. „Aber was sind zwei Jahre meines Lebens verglichen mit dem ganzen Leben von jemand anderem?“