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Millionen Deutsche schmachten in royaler Sehnsucht vor dem Fernseher, wenn Victoria und Daniel morgen "Ja" sagen

Wenn Friedrich nur nicht so stark geraucht hätte! Dann wäre vielleicht alles anders gekommen. Dann bräuchten Millionen Deutsche morgen vielleicht nicht so sehnsüchtig nach Schweden zu blicken, um sich an royalem Glanz zu laben. Kurzer Geschichtsexkurs: Friedrich war der Sohn vom alten Preußenkönig Wilhelm, dem Bismarck 1871 die deutsche Kaiserkrone geradezu aufdrängte. Sein Sohn und Nachfolger Friedrich III. galt als liberale Hoffnung des Kaiserreichs, wollte die konstitutionelle Monarchie und viele soziale Veränderungen, starb aber schon nach nur 99 Tagen an Kehlkopfkrebs.

Sein Sohn jedoch, Kaiser Wilhelm II. - der mit dem hochgezwirbelten "Es ist erreicht"-Schnurrbart - war ein unsteter ("Willy der Plötzliche"), geltungssüchtiger Mann, der den Militarismus in Deutschland in groteske Höhen trieb und 1914 nur allzu bereitwillig an der Seite Österreichs in den Ersten Weltkrieg schlitterte. Wilhelm hatte von Geburt an einen verkümmerten Arm und wollte sich zeitlebens als schneidiger Soldat beweisen. Das ging gründlich schief; 1918 gingen Krieg und Adelsherrschaft verloren, sämtliche deutschen Herrscherhäuser dankten binnen 14 Tagen ab, Wilhelm hackte den Rest seines Lebens Holz im holländischen Exil. Und das verstörte Deutschland lieferte sich einem mörderischen Gefreiten aus Braunau aus.

Doch die Sehnsucht der Deutschen nach goldenen Kronen hat alle Kriege, Dramen und sozialen Verwerfungen überstanden, auch wenn keines der ehrwürdigen alten Herrscherhäuser wie Hohenzollern, Wittelsbacher oder Welfen mehr regieren. Die politische, weitgehend sinnfreie Institution des Bundespräsidenten, der immerhin im Schloss Bellevue residiert, ist ein schwaches Echo glanzvollerer Zeiten.

Eine ganze Zeitschriftensparte lebt von dieser Sehnsucht - und sie treibt bunte Sumpfblüten in Form einer kuriosen Adoptions-Industrie. Die Karriere des Saunaklub-Betreibers Robert Lichtenberg ist exemplarisch: 1980 ließ er sich von einer verarmten Prinzessin von Anhalt - Schwiegertochter von Wilhelm Zwo - adoptieren, die mehr Vornamen aufwies als das Telefonbuch von Winsen. Als Frédéric Prinz von Anhalt entflammte der frühere Herr Lichtenberg dann noch das Herz der greisen Ex-Mimin Zsa Zsa Gabor und adoptiert von Hollywood aus nun seinerseits gegen Millionengagen kleine Prinzen. Auf diese Weise stiegen der Bordell-Betreiber Marcus Eberhardt, dem die Presse diverse Vorstrafen nachsagt, sowie der umtriebige Fitnessklub-Unternehmer Michael Killer jäh in den Hochadel auf, nennen sich nun Prinzen von Anhalt, Herzöge zu Sachsen und Westfalen, Grafen von Askanien. Der echte anhaltinische Altadel knirscht darob mit den Zähnen, dass das Familiensilber klirrt.

Bei vielen deutschen Adligen istdas Blut nur noch blassblau

Deutschland hat zwar noch rund 80 000 Adelige vom Herzog bis zum schlichten "Von"-Träger, aber bei vielen von ihnen ist das Blut allenfalls blassblau - sie sind adoptiert oder angeheiratet. Sogar grobe Fälschungen sind im Umlauf - Hella von Sinnen, so wird berichtet, nannte sich so, nachdem sie vor Freude von Sinnen war über ein bestandenes Abitur. Umgekehrt kommen Blaublüter im bürgerlichen Tarngewand daher: So heißt der FDP-Politiker mit dem biederen Namen Otto Solms eigentlich Hermann Otto Prinz zu Solms-Hohensolms-Lich.

Viele der Adeligen entstammen Geschlechtern, die auch schon vor 1918 nicht mehr viel zu melden hatten. Nach dem Dreißigjährigen Krieg hatte sich Deutschland in Hunderte Königreiche, Herzog- und Fürstentümer und andere Besitzungen aufgesplittert, von denen manche kaum groß genug waren, um einem Hund genug Auslauf zu bieten.

Und die Deutschen waren schon immer Export-Europameister, auch und gerade in Sachen Adel. In vielen regierenden Adels-Adern rinnt deutsches Blut. Indirekt sind wir fast immer dabei, wenn irgendwo royal geheiratet wird. Besonders präsent ist das den Deutschen außer bei Silvia natürlich bei den deutschen Prinzen Bernhard - aus dem Hause Lippe Biesterfeld - und Claus von Amsberg, die beide Prinzgemahle der jeweiligen Königinnen waren.

Manch Royales mit deutscher Beteiligung hat sich durch den Lauf der Geschichte natürlich schon erledigt. Dass in Moskau kein Zar mehr regiert, hat sich inzwischen herumgesprochen, auch wenn der eine oder andere russische Politiker noch immer so tut. Doch erinnern darf man gern an Sophie Prinzessin zu Anhalt-Zerbst, besser bekannt als Katharina die Große. Da sie sich von ihrem verblödeten Ehemann per Mord befreien ließ, hatte sie viel Zeit für andere Männer. Dass sie auch echte Hengste im Bett zu schätzen wusste, dürfte aber üble Nachrede sein.

Zurück zur Gegenwart: Der märchenhafte Aufstieg der Heidelberger Messehostess Silvia Sommerlath auf den schwedischen Thron erbrachte uns sozusagen eine Exil-Königin. Die patente und clevere Bürgerliche ist aber auch für die Schweden ein besonderer Glücksfall - namentlich für ihren Monarchen -, der Legastheniker Carl XVI. Gustaf gilt nicht eben als intellektuelle Avantgarde. Übrigens war auch seine Mutter deutschstämmig: Prinzessin Sibylla (1908-1972), Urenkelin von Queen Victoria, war die älteste Tochter des letzten regierenden Herzogs von Sachsen-Coburg und Gotha, Carl Eduard, und der Prinzessin Viktoria Adelheid von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg. Diese wiederum war eine Nichte von Kaiser Wilhelm II.

Dass wir auch im Fürstentum Monaco, einst von Raubrittern gegründet, blaublütig dabei sind, ist wohlbekannt. Der Ehemann von Prinzessin Caroline von Monaco, Ernst August Prinz von Hannover, ein Welfe also, genießt die ganz besondere Aufmerksamkeit der Boulevard-Presse - spätestens seitdem er auf der Weltausstellung in Hannover sein Wasser zum Nachteil des türkischen Pavillons abgeschlagen hatte. Vor der Heirat 1999 musste Ernst August die britische Queen erst um Erlaubnis bitten - Hintergrund war das "Royal Marriages Act", ein Gesetz, das alle Nachkommen König Georgs III. dazu verpflichtete. Dieser Georg stammte nämlich - aus dem Hause Hannover.

Damit wären wir bereits beim britischen Königshaus, das mehr als 120 Jahre lang von Welfen regiert wurde. 1837 kam die legendäre und lebenspralle Königin Victoria auf den Thron. Sie stammte aus dem Haus Sachsen-Coburg-Gotha, regierte 63 Jahre lang und war mit dem deutschen Prinzen Albert von Sachsen-Coburg-Gotha verheiratet. Ihre älteste Tochter Viktoria war die spätere deutsche Kaiserin. Ihre Enkelin, ebenfalls Victoria geheißen, heiratete 1906 den spanischen König Alfons XIII., den Urgroßvater des jetzigen Monarchen Juan Carlos. Dessen Schwiegermutter wiederum war die deutsche Königin Friederike von Griechenland aus dem Hause Hannover.

England, Belgien, Schweden, Dänemark, da sind wir überall dabei

Merke: Die europäischen Königs-Stammbäume sehen aus wie Schnittmusterbögen für Krönungsmäntel.

Im Ersten Weltkrieg änderte die britische Königsfamilie dann ihren Namen in Mountbatten-Windsor. Mountbatten ist die Anglisierung des deutschen Adelsnamens Battenberg. Die Mutter von Prinz Philip, dem Ehemann der Queen, war eine Battenberg, väterlicherseits war er Prinz von Dänemark und Griechenland mit dem bereits bekannten sperrigen Familiennamen Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg. Geboren wurde Philip auf Korfu, ist also eigentlich Grieche, und das 1974 abgeschaffte griechische Königtum hat gleich mehrere deutsche Adelshäuser in seinem Stammbaum.

Die Griechen hatten 1830 auch dem deutschen Prinzen Leopold von Sachsen-Coburg und Gotha die Krone angeboten. Er schlug aus - und wurde ein Jahr später lieber König von Belgien.

Norddeutsche Adelshäuser stecken auch im Stammbaum des dänischen Königshauses. Erst herrschte die Familie Glücksburg, dann die Linie Sonderburg-Glücksburg. König Christian IX. aus dieser Familie trug den Beinamen "Schwiegervater Europas" - seine Kinder gelangten in Königsfamilien beziehungsweise auf Throne in Griechenland, Großbritannien, Russland und Spanien. Tochter Tyra heiratete übrigens einen frühen Ernst August, Kronprinz von Hannover.

Christians Sohn und Nachfolger Frederik VIII. verbindet Entscheidendes mit Hamburg: 1912 ereilte ihn auf dem Gänsemarkt der Herztod: Seine Majestät, so wurde kolportiert, hatte eine Hure in der Innenstadt besucht und sich ein wenig überanstrengt.

Von der Wiege bis zur Bahre - immer dieselben Gesichter

Mit Norwegen hat noch ein weiteres skandinavisches Land deutsches Blaublut. Das Haus Sonderburg-Glücksburg findet sich noch in ganzer Länge im Königsnamen. Die Hochzeit zwischen Kronprinz Haakon und Mette-Marit 2001 wollten fast fünf Millionen Deutsche im Fernsehen sehen - ein Quotenhit! Und die Hochzeit von Dauer-Kronprinz Charles mit der herben Camilla guckten sich 2005 gut drei Millionen Bundesbürger an.

"Die Deutschen interessieren sich nur deshalb für Königshäuser, weil sie sagen, außerhalb unserer Grenzen gibt es noch Spuren von dem, was mal war", sagte der Doyen der deutschen Adelsexperten, der Fernsehjournalist Rolf Seelmann-Eggebert, dem Hamburger Abendblatt. "Und der Adel hier in Deutschland ist eben deswegen von Interesse, weil es noch einen anderen Adel gibt, dort nämlich, wo es noch aktive Königshäuser gibt. Dann entsteht der Gedanke: Mit denen sind wir doch auf diese oder jene Weise verbunden." Der Adel habe gegenüber anderen gesellschaftlichen Gruppen auch deswegen ein Plus, "weil wir in einer Zeit leben, die sich so rasend schnell verändert", sagt Seelmann-Eggebert. "Wir gewöhnen uns in der Politik oder im Sport an Gesichter, die dann plötzlich wieder verschwunden sind. Kontinuität ist noch am ehesten in den regierenden Familien zu finden. Wenn dann ein Prinz geboren wird, dann ahnt man, dass der eines Tages der Nachfolger sein wird. Von der Wiege bis zur Bahre kann man sich mit denselben Gesichtern befassen. Hinzu kommt noch die Prachtentfaltung, die doch noch etwas anderes ist, als wenn in Berlin das Wachbataillon der Bundeswehr aufzieht."

Nicht zuletzt hätten manche Monarchen wie die britische Queen "etwas Verlässliches", das bei gewählten Figuren nicht in gleicher Weise der Fall sei. Heute könne eben die Monarchie jederzeit abgeschafft werden - und die Königshäuser hätten daraus gelernt. Wenn ich mir die Thronfolger in den sieben Königshäusern in Europa ansehe, dann muss ich sagen, die sind alle hervorragend ausgebildet und auf ihre Aufgabe besser vorbereitet, als das jemals in der Geschichte der Fall war", sagt der Adelsfachmann. Und alle stünden unter demselben Erfolgszwang. "Wenn sie ihre Sache nicht gut machen, dann ist das möglicherweise das Ende eines tausendjährigen Modells." Und das wäre doch jammerschade für die adelssüchtigen Deutschen.