Kommentar: Missbrauchsopfer treten Lawine los

Runder Tisch kann nur der Anfang ein

Missbrauch für Missbrauch kommt die ganze traurige Wahrheit ans Licht. Längst ist klar: Das sind nicht mehr Einzelfälle. Tag für Tag schrecken neue Details: Kindesmissbrauch im Heim der Hedwigschwestern, sadistische Strafen bei den Regensburger Domspatzen, Prügelrituale im Klosterinternat Ettal.

Auch mit dem Fingerzeig auf die katholische Kirche und ihre klerikal verschrobene Sexualmoral ist es nicht mehr getan. Die Skandalwelle hat nicht kirchliche Schulen wie das Elite-Internat des Odenwald-Reformmodells mitgerissen. Ein Damm ist gebrochen, seit vor gut einem Monat der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs die ersten Taten dreier Jesuiten öffentlich machte. Der schlimme Eindruck: Hinter den hohen Mauern ehrwürdiger Traditionsstätten sind viele Lehrer und Erzieher krankhafte Schläger und Sadisten, die Seelen zerbrechen und Kinderpornos ins weltweite Netz stellen.

Warum aber kommen die Opfer erst jetzt aus ihrer Deckung? Immerhin liegen viele Vergehen schon Jahrzehnte zurück. Die bittere Erkenntnis: Erst jetzt treffen ihre Klagen auf offene Ohren. Wenn sogar der Papst über Vertraute "null Toleranz" den Tätern androht und damit die Taktik des Lieber-nichts-nach-außen-dringen-Lassens seines Vorgängers verdrängt, macht sich langsam die Selbstverständlichkeit breit: Mit jeder Straftat, die vertuscht wird, macht sich auch der Mitwisser schuldig. Dass gerade Einrichtungen, die auf das Befolgen strenger Regeln spezialisiert sind, selbst so lax mit schlimmsten Regelbrüchen umgehen, ist der wahre Skandal.

Niemand wasche seine Hände in Unschuld. Auch dem Rechtsstaat ist es jahrzehntelang nicht gelungen, ein Klima zu schaffen, das die Opfer zur Anklage ermutigte. Ein runder Tisch zur Aufarbeitung, wie ihn die Justizministerin jetzt fordert, kann jedenfalls nur der Anfang sein.