Unicef-Bericht

Mehr als zwei Drittel aller Kinder sind Opfer von Gewalt

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Kinderprostitution, Prügel, Missbrauch, Mobbing: Gewalt gegen Kinder hat viele Gesichter. Bis zu 1,5 Milliarden erleiden jährlich eine Form von Gewalt.

Berlin. Das Uno-Kinderhilfswerk Unicef beklagt ein erschreckendes Ausmaß von Gewalt gegen Kinder. Es sei "jenseits jeder Beschreibung", sagte die Uno-Sonderbeauftragte für das Thema, Marta Santos Pais, am Donnerstag in Berlin. Ihren Angaben zufolge werden jedes Jahr etwa 70 Prozent aller Kinder auf der Welt Opfer von Gewalt. Die Formen seien vielfältig und gingen von Erniedrigungen über Schläge bis hin zu sexueller Gewalt. Betroffen seien vor allem Kinder in Entwicklungs- und Schwellenländern - aber nicht nur dort.

"Kinder vor Gewalt schützen" heißt deshalb auch der diesjährige Report des Kinderhilfswerks. In ihm ist unter anderem zu lesen, dass nach Schätzungen des Europarats eines von fünf in Europa lebenden Kindern in irgendeiner Form Opfer sexueller Gewalt wird. Allerdings würden die Jugendämter nur in etwa einem von zehn Fällen informiert. Eine gewisse Hilfe für betroffene Kinder biete die sogenannte Childhelpline International, eine Telefonhotline, die es in 62 Ländern gibt und bei der 2009 den Angaben zufolge mehr als 250.000Anrufen eingingen.

Gewalt gegen Kinder auch in Deutschland ein großes Thema

Nötig sind aber aus der Sicht von Marta Santos Pais außerdem: die gesetzliche Verankerung von Kinderrechten, langfristige nationale Strategien, eine bessere Koordination der zuständigen Stellen in einem Land und weitere Studien, die die Aufmerksamkeit auf dieses Thema lenken. Besonders schlimm sei die Lage der Kinder in Entwicklungs- und Schwellenländern, sagte sie weiter. Doch auch in Deutschland seien im vergangenen Jahr 183 Kinder gestorben, weil sie misshandelt oder vernachlässigt wurden, berichtete Pais unter Berufung auf Zahlen des Bundeskriminalamts.

Deutschland ist eines von nur 29 Ländern, in denen Kinder per Gesetz das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung haben. In einigen Ländern werde hingegen ganz legal mit Stock und Peitschenhieben gemaßregelt, sagte der Vorsitzende von Unicef Deutschland, Jürgen Heraeus. Für Deutschland forderte er unter anderem, die Beratungs- und Hilfsangebote auf lokaler Ebene auszubauen. Dafür müssten die Kommunen mehr Geld bekommen.

"Gewalt kann viele Gesichter haben", sagte Unicef-Schirmherrin und Bundespräsidentengattin Bettina Wulff. Misshandlungen lösten nicht nur Stress aus und könnten somit das Nerven- und das Immunsystem der Kinder dauerhaft schädigen. Viele, die gegen Kinder gewalttätig würden, hätten früher auch Gewalt erlebt. Um diese Entwicklung zu unterbrechen, sei qualifiziertes Personal zur Beratung der Eltern nötig.

Unicef Deutschland hat nach Angaben ihres Vorsitzenden für den Kinderschutz im vergangenen Jahr 4,3 Millionen Euro verwendet. Insgesamt wurden 92,5 Millionen Euro aus Spenden und dem Verkauf von Grußkarten eingenommen - fast ein Drittel mehr als 2009. Allein für Haiti und Pakistan kamen nach Angaben von Schatzmeisterin Anne Lütkes in Deutschland 21 Millionen Euro zusammen.