2. Fussball-Bundesliga

Der FC St. Pauli ist jetzt ein Aufstiegskandidat

Die Hamburger haben sich in fünf Spielen unter Roland Vrabec, dem „Cheftrainer auf Bewährung“, weiterentwickelt. Ein Lob von Vorgänger Frontzeck.

München/Hamburg. „Ohne Trainer fahren wir nicht nach Haus“ schallte es durch das bereits weitgehend leere Rund der Münchner Allianz Arena am späten Montagabend. Die 2500 mitgereisten Fans des FC St. Pauli wollten ihren neuen Helden gebührend feiern, doch Roland Vrabec musste zunächst den verschiedenen Fernsehsendern Rede und Antwort stehen, wie seine Mannschaft beim direkten Tabellennachbarn TSV 1860 München so eindrucksvoll und letzlich ungefährdet mit 2:0 (1:0) gewinnen konnte.

Anschließend ließ sich der „Cheftrainer auf Bewährung“ kurz vom Publikum feiern, das mit diesen Sympathiebekundungen eine Entscheidung über seine Zukunft quasi vorwegnahm. „Das war ein schönes Gefühl. Natürlich ist das eine Auszeichnung, aber ich möchte das auch nicht überbewerten“, sagte Vrabec danach, „ich sehe keinen Grund, mich jetzt in den Vordergrund zu stellen.“

Mit dem vierten Sieg in seinem fünften Spiel als Coach der Hamburger hat Vrabec seine Mannschaft binnen kürzester Zeit zu einem ernstzunehmenden Aufstiegskandidaten geformt. „Ein besseres Bewerbungsschreiben gibt es nicht“, konstatierte auch Torschütze Christopher Nöthe: „Es macht im Training jeden Tag einfach Spaß, man sieht derzeit noch einmal einen Entwicklungsschritt.“ Auch Torhüter Philipp Tschauner spricht vom neuen Chef in den höchsten Tönen: „Wir haben gezeigt, dass wir gut mit ihm arbeiten können, die Mannschaft ist noch einmal enger zusammengerückt.“

Nach dem dritten Auswärtssieg in Serie rangiert St. Pauli nun erstmals in dieser Saison auf Relegationsplatz drei. Folgt am Freitag gegen den Karlsruher SC (18.30 Uhr) ein Heimsieg und lässt Greuther Fürth zwei Tage später gegen Aalen Punkte liegen, würde Vrabecs Elf sogar auf einem direkten Aufstiegsplatz überwintern. Anschließend wird seine Ernennung zum dauerhaften Cheftrainer erfolgen – davon gehen inzwischen alle aus. „Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass die Chancen nach vier Siegen in fünf Spielen schlecht stehen“, sagt auch Vrabec.

Für seinen ehemaligen Co-Trainer plädiert auch Vorgänger Michael Frontzeck im Gespräch mit dem Abendblatt: „Ich wüsste nicht, was dagegen spricht“, sagt Frontzeck. Und weiter: „Ich beobachte das Geschehen mit einem gewissen Abstand und freue mich sehr für die Mannschaft, das Trainerteam und die Fans. Ich habe bei Roland absolut keine Bedenken“, erklärt der 49-Jährige.

Die hat wohl auch Sportchef Rachid Azzouzi jetzt nicht mehr. „Mit 31 Punkten sind wir aktuell sehr zufrieden, aber wir drehen jetzt auch nicht durch“, sagt er und stellt klar: „Ich wäre allerdings blöd, wenn ich derzeit nicht auf die Tabelle schauen würde.“

Die Gründe für die jüngsten Erfolge liegen auf der Hand: Vrabec hat die Abwehr merklich stabilisiert und mit seiner Offensive ein rasantes Umschaltspiel entwickelt. In den fünf Spielen unter seiner Regie gab es nur gegen Spitzenreiter 1. FC Köln drei Gegentreffer, vier Mal stand dagegen in der Defensive die Null.

Besonders beachtlich sind dabei die drei Auswärtserfolge ohne ein Gegentor. Unter Frontzeck war St. Pauli dies auf fremdem Platz zuvor nur im ersten Auswärtsspiel der Saison beim 0:0 in Karlsruhe gelungen. „Man merkt einfach, dass wir immer weiter nebeneinander wachsen und lernen, wie man sich auch in Drangphasen verhalten muss“, erklärt Tschauner den Erfolg.

Offensiv kurbelt der Kiezclub über die Schaltzentrale Christopher Buchtmann sein Spiel nach Ballgewinnen blitzschnell an. Der 21-jährige Mittelfeldspieler hat seit dem Sommer einen enormen Entwicklungsschritt vollzogen, den Frontzeck mit der Umfunktionierung als Sechser im defensiven Mittelfeld eingeleitet hatte.

Sein herausragender Diagonalpass auf Fin Bartels, der anschließend das 2:0 erzielt hatte, hatte ebenso Erstliganiveau wie Marc Rzatkowskis Zuspiel auf Christopher Nöthe vor dem 1:0. „Tore nach Umschaltsituationen sind derzeit unser Markenzeichen geworden“, freut sich Coach Vrabec an der erfrischenden Spielweise seiner Mannschaft. Das Trio Buchtmann, Bartels, Rzatkowski versteht es, mit Dynamik und technischer Finesse binnen weinger Sekunden die Fehler der Gegner zu bestrafen.

Bartels, der vor der Saison um seinen Stammplatz kämpfen musste, zeigt aktuell endlich die Konstanz, die sich die Verantwortlichen des FC St. Pauli seit Jahren angesichts seines zweifelsfrei vorhandenen Talents wünschen. Mit sechs Toren und fünf Vorlagen hat er schon jetzt seine Werte der Vorsaison (7/5) fast erreicht. „Fin ist unser wichtigster Spieler“, adelt Außenverteidiger Sebastian Schachten den 26-Jährigen, dessen Vertrag zum Saisonende ausläuft. „Ohne den Verein unter Druck setzen zu wollen, sollten sie schnell mit ihm verlängern. Wer weiß, was sonst noch passiert ...“, erklärte Schachten nach der Partie in München.

Sportchef Azzouzi antwortete zunächst scherzend: „Fin wandelt zwischen Weltklasse und Bundesliga“, wurde dann jedoch ernst: „Wir haben einen gewissen Anspruch an den Spieler und wissen, was Fin leisten kann. Wir sind in Gesprächen, aber mehr als verlängern zu wollen, können wir nicht.“

Zunächst wird voraussichtlich wenige Stunden nach der Partie der Vertrag von Vrabec in eine dauerhafte Anstellung als Cheftrainer umgewandelt. „Die Mannschaft muss ja auch wissen, wie es nach dem Urlaub weitergeht“, sagte Vrabec am Dienstag. Und der letzte Arbeitstag des Jahres steht für den FC St. Pauli bereits am Sonnabend an.