FC St. Pauli

Rachid Azzouzi: "Es darf auch mal richtig krachen"

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Kai Schiller

Rachid Azzouzi, der neue Sportchef des FC St. Pauli, spricht im Interview mit dem Abendblatt über seine Aufgabe und seine Pläne in Hamburg.

Tourrettes. Rachid Azzouzi ist zu spät. Aus dem Auto ruft St. Paulis neuer Sportchef an, entschuldigt sich und sagt, er sei in fünf Minuten am verabredeten Treffpunkt. Gemeinsam mit seiner Frau Stefanie und seinen Töchtern Khadija (7) und Naima (4) wollte Azzouzi, der derzeit seinen zweiwöchigen Urlaub in Südfrankreich verbringt, beim Nachmittagstraining der deutschen Nationalmannschaft in Tourrettes zuschauen. Vorher traf Azzouzi noch das Abendblatt zum ersten Interview als St.-Pauli-Sportchef.

Hamburger Abendblatt: Herr Azzouzi, noch vor wenigen Tagen haben Sie öffentlich gesagt, dass ziemlich viel passieren muss, ehe Sie Ihre Wahlheimat Fürth aufgeben. Was ist also passiert?

Rachid Azzouzi: Der FC St. Pauli hat angefragt. Es stimmt zwar, dass ich mich auf der einen Seite sehr schwergetan habe, Fürth zu verlassen. Aber auf der anderen Seite gab es schon länger den Wunsch, mich zu verändern. Man verlässt keinen Verein, mit dem man gerade in die Bundesliga aufgestiegen ist, so ohne Weiteres. Aber nach vielen Gesprächen mit meiner Familie waren wir uns einig, dass St. Pauli der richtige Schritt zum richtigen Zeitpunkt ist.

Der Aufstieg war die Krönung Ihrer 15-jährigen Zeit im Verein, bei dem Sie als Spieler, Jugendtrainer, Teammanager und Sportchef tätig waren. Warum gehen Sie freiwillig in die Zweite Liga zurück?

Azzouzi: Für viele mag das überraschend kommen. Aber für mich war es wichtiger, den nächsten Schritt in meiner persönlichen Entwicklung zu machen, als mich einfach nur so Erstligamanager zu nennen. Und was ich mit Fürth geschafft habe, kann ich mit St. Pauli in der Zukunft ja auch schaffen.

Ist St. Pauli ein Aufstiegskandidat?

Azzouzi: In der kommenden Saison ist das obere Tabellendrittel das Ziel und mittelfristig die Bundesliga.

Sie hatten schon eine ganze Reihe von Gesprächen mit St. Paulis Präsidium. In welchen Bereichen sehen Sie den größten Handlungsbedarf?

Azzouzi: Ich bin nicht der große Messias, der alles ändern will. Ich möchte mir jetzt erst mal in Ruhe einen Überblick verschaffen, will mir den Kader anschauen und vor allem auch den Nachwuchsbereich.

Sie gelten als großer Nachwuchsförderer, das Fürther Nachwuchszentrum wurde mit Bestnote lizenziert. Wann werden sich bei St. Pauli erste Erfolge einstellen?

Azzouzi: Das dauert natürlich seine Zeit. Zunächst mal geht es darum, infrastrukturell Fakten zu schaffen. Mit dem neuen Trainingszentrum gehen wir schon in die richtige Richtung. Natürlich ist es ein Ziel, eine ähnliche Durchlässigkeit zwischen Nachwuchs und Profis anzustreben, wie wir es in Fürth geschafft haben. Aber auch in Fürth hat es seine Zeit gebraucht, bis wir fünf bis sechs Spieler aus dem eigenen Nachwuchs bei den Profis hatten. Perspektivisch wäre es für St. Pauli ein Erfolg, wenn wir einen bis zwei Nachwuchsspieler pro Jahr in der ersten Mannschaft etablieren könnten.

Die aktuelle Kaderplanung ist bereits voll im Gang. Mit wie vielen Neuzugängen neben Lennard Thy und Daniel Ginczek kann man noch rechnen?

Azzouzi: Der Stamm steht. Wir müssen noch abwarten, ob Moritz Volz, dessen Vertrag ausläuft, bei uns bleibt. Auch die Personalie Carlos Zambranos ist noch offen. Wenn beide bleiben, sehe ich in der Defensive keinen Handlungsbedarf. In der Offensive müssen wir natürlich die Lücke schließen, die Max Kruse hinterlässt. Generell wollen wir mit einem 24er-Kader in die neue Saison gehen, aber da hat ja Trainer André Schubert ein Wörtchen mitzureden.

Er urlaubt derzeit in der Karibik. Hatten Sie trotzdem schon Kontakt?

Azzouzi: Bislang hat es noch nicht geklappt, er soll ein Problem mit seinem Handy haben. Aber sobald er zurück ist, werden wir alles besprechen.

André Schubert hatte bekanntermaßen ein schwieriges Verhältnis mit Teilen der Mannschaft. Wollen Sie als Sportchef moderierend auftreten?

Azzouzi: Natürlich habe auch ich in Fürth mitbekommen, dass es da einige Unstimmigkeiten gab. Aber der Verein hat sich ganz klar zu André Schubert bekannt, und ich freue mich auf die Zusammenarbeit. Auch in Fürth hatten wir intern häufiger mal kontroverse Meinungen, was aber überhaupt nicht schlimm ist. Es darf auch mal richtig krachen, solange der Erfolg des Vereins dabei nicht gefährdet ist.

Suchen Sie denn mit Ihrem Vorgänger Helmut Schulte das Gespräch?

Azzouzi: Wir kennen uns sehr lange und kommen auch sehr gut miteinander aus. Natürlich werde ich ihn anrufen, aber dabei wird es weniger um Detailfragen gehen. Ich will ganz unvoreingenommen an meine Aufgabe rangehen.

Schulte war eines der letzten Urgesteine von St. Pauli, und auch Sie gelten als vereinstreu. Darf man sich jetzt auf 15 Jahre Rachid Azzouzi in Hamburg einstellen?

Azzouzi: So etwas gibt es leider nur noch sehr selten in unserem Geschäft, aber ich muss zugeben, dass ich Vereinstreue mag. Ich war nicht nur 15 Jahre lang in Fürth, sondern war auch als Spieler sechs Jahre lang beim MSV Duisburg. Übrigens hatte ich schon damals eine Anfrage vom FC St. Pauli. Stephan Beutel war damals Manager. Und obwohl das Angebot sehr verlockend war, musste ich schweren Herzens ablehnen. Umso mehr freue ich mich, dass es diesmal geklappt hat.

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