HSV-Chef im Interview

Jarchow: "Fan-Anleihe ist ein interessantes Instrument"

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Der HSV-Boss bestätigt, dass die Vereinsführung über neue Finanzmodelle nachdenkt, und erklärt die neue Transferpolitik des Klubs.

Hamburg. Carl Jarchow wirkt erholt. Drei Tage lang genoss der HSV-Chef das gute Wetter in Dänemark - und vor allem die Tatsache, dass eine der schlimmsten HSV-Spielzeiten aller Zeiten doch noch ein versöhnliches Ende fand. Beim Termin in seinem Arena-Büro gibt der 57-Jährige einen Rückblick auf die ablaufende und einen Ausblick auf die kommende Saison.

Hamburger Abendblatt: Herr Jarchow, können Sie sich erinnern, welche Zielsetzung Sie in einem Abendblatt-Interview im Winter für die kommende Saison ausgegeben hatten?

Carl Jarchow: Ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Ich habe damals gesagt, dass wir um Platz sechs mitspielen wollen, also um die Europa League.

Halten Sie nach der desillusionierenden Rückrunde an dieser Zielsetzung fest?

Jarchow: Ich bleibe jedenfalls dabei, dass wir einen großen Schritt nach vorne machen wollen und müssen. Nach der sportlich unbefriedigenden Saison halte ich es aber für sinnvoller, diese Zielsetzung nicht an einem Tabellenplatz festzumachen. Wichtig ist, dass eine positive Entwicklung erkennbar ist.

Diese war in der abgelaufenen Saison viel zu selten erkennbar, oder?

Jarchow: In vielerlei Hinsicht war das zu wenig, stimmt. Auch wenn wir zwischendurch immer wieder ordentliche Auftritte wie gegen Bayern, Gladbach oder Hannover hatten, war die Mannschaft grundsätzlich zu wenig stabil.

Als Sie anfingen, bemängelten Sie das Fehlen einer Hierarchie. Nun werden mit David Jarolim, Mladen Petric und wohl auch Jaroslav Drobny drei weitere erfahrene Spieler den Verein verlassen. Müssen Sie wieder von vorne anfangen?

Jarchow: Ich denke schon, dass sich trotz der unbefriedigenden Saison mehrere Spieler weiterentwickelt haben und zu echten Persönlichkeiten herangewachsen sind, Dennis Aogo etwa oder auch Heiko Westermann. Ich bin mir sicher, dass viele Spieler von der Erfahrung des überstandenen Abstiegskampfes profitieren werden.

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Für den HSV nicht mehr davon profitieren kann Mladen Petric. War es im Nachhinein ein Fehler, den Stürmer nicht vergangenen Sommer abzugeben, als er seinen Vertrag nicht verlängerte?

Jarchow: Generell hat Frank Arnesen ja ganz klar gesagt, dass wir mit Spielern, deren Vertrag im kommenden Jahr ausläuft, aus finanziellen Gründen möglichst verlängern oder sie verkaufen wollen. Das ist jetzt beispielsweise bei Jansen oder bei Arslan der Fall, aber bei Petric war es ein wenig anders. Wir wussten nie so genau, ob er nun unterschreibt oder nicht. Die Verhandlungen zogen sich so lange hin, bis irgendwann die Transferperiode vorbei war. Und davon mal abgesehen, lag uns auch nie ein Angebot für Mladen Petric vor.

Wo wir bei den Abgängen sind: Gab es einen Zeitpunkt, als Sie überlegten, David Jarolim doch länger zu halten?

Jarchow: Das war ja eine Vorgabe der sportlichen Leitung. Wir hatten David im Winter angeboten, ablösefrei wechseln zu können und ihm gesagt: Auch wenn du früher gehst, steht unser Angebot, dass du nach deiner Karriere beim HSV als Jugendtrainer arbeiten kannst. Daran hat sich nichts geändert.

Ist eine Erkenntnis, dass man ein größeres finanzielles Risiko eingehen muss?

Jarchow: Wir müssen davon weg, dass alles immer nur an den Finanzen hängt. Besonders die Vereine, die in der Tabelle direkt vor uns stehen, haben doch in dieser Saison bewiesen, dass nicht nur viel Geld zum Erfolg führen muss. Diese Vereine arbeiten alle mit einem Gehaltsetat, der deutlich unter unserem liegt. Viel wichtiger wäre es, dass wir weiterhin daran arbeiten, eigene Nachwuchsspieler herauszubringen und gute, unbekannte Spieler durch unser Scouting, in das wir kräftig investiert haben, zu entdecken. Zumal wir wissen, dass wir das Geschäftsjahr wieder mit einem Minus abschließen. Das kann ja kein Dauerzustand sein.

Das heißt?

Jarchow: Wir sind fest entschlossen, die kommende Saison mit einer schwarzen Null abzuschließen. Das bedeutet, dass wir auch bei den Kosten noch was tun müssen. Das betrifft alle Bereiche, auch den Profifußballbereich. Wir sind konkret dabei, den Etat zu kürzen. Es macht allerdings keinen Sinn, uns in diesem Bereich kaputtzusparen, schließlich leben wir alle im Verein ja von der Bundesliga-Mannschaft.

Wie weit sind Sie mit dem Plan, die Stadionfinanzierung zu strecken?

Jarchow: Dass diese noch bis 2015 läuft, ist ja bekannt. Wir im Vorstand sehen es als unsere Aufgabe an, uns mit allen Optionen zu befassen, um die Liquiditätssituation zu verbessern, und zwar in allen möglichen Bereichen. Gehen Sie davon aus, dass wir daran arbeiten. Im Gegensatz zu anderen Vereinsvertretern werde ich mich erst äußern, wenn es was zu verkünden gibt, und nicht, wenn die Dinge im Entstehen sind.

Sie kritisieren damit Supporters-Chef Ralf Bednarek, der mit der Idee einer Fan-Anleihe vorgeprescht ist ...

Jarchow: Ich habe Ihnen meinen grundsätzlichen Standpunkt dargelegt, den Sie interpretieren können, wie Sie mögen. Herr Bednarek und andere Personen im Verein wissen, dass wir schon länger mit der Thematik befasst sind. Aber ich bin der Ansicht, dass man erst dann an die Öffentlichkeit geht, wenn es etwas zu berichten gibt. Was die Anleihe angeht, so halte ich sie für ein interessantes Instrument, die aber immer verbunden sein muss mit einem bestimmten Projekt, einem Zweck. Zum Beispiel, um die Einrichtungen des Vereins zu verbessern. Der Verein müsste in einem Verkaufsprospekt ganz klar sagen, wofür er diese Anleihe auflegt. Ich kann mir das durchaus vorstellen. Aber es wird für uns nicht infrage kommen, nur kurzfristig liquide Mittel für Spielerbeine zu akquirieren.

Ihr Vorgänger Bernd Hoffmann stellte einst Pläne für eine Erweiterung des Volksparks vor, die aber aus Kostengründen nicht realisiert wurden.

Jarchow: Das wäre eine Möglichkeit.

Eine andere Möglichkeit, die Liquidität zu verbessern, sind Spielertransfers. Werden sich die Fans auf einige schmerzhafte Transfers gefasst machen müssen?

Jarchow: Wir werden nur die Spieler abgeben, die wir abgeben wollen.

Besonders der Fall Drobny/Adler wird diskutiert. Was sagen Sie zu der These, dass der HSV lieber das Geld in einen Mittelfeldspieler stecken sollte?

Jarchow: Erst mal sage ich, dass noch keine Entscheidung gefallen ist. Wir werden ja nur einen Wechsel vornehmen, wenn Drobny eines der Angebote, die ihm vorliegen, annimmt. Wenn der HSV die Chance hat, einen René Adler zu bekommen, ist das ja auch der Situation geschuldet, dass der seit einem Jahr nicht gespielt hat. Wäre er Stammspieler bei Leverkusen und in der Nationalmannschaft, könnten wir ihn uns gar nicht leisten. Da er aber im besten Torwartalter ist und wir davon ausgehen, dass er wieder völlig hergestellt ist, sicher auch eine langjährige Perspektive hat, nebenbei bemerkt auch beim DFB, ist das eine Chance für den HSV.

Aber klar ist, dass es ein Duo Drobny/Adler nicht geben wird.

Jarchow: Wir werden sicher nicht mit zwei hochklassigen und hoch bezahlten Torhütern in die neue Saison gehen.