Fußball-Nationalmannschaft

WM-Qualifikation: Das Glück der Untüchtigen

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Kai Schiller

Beim Länderspiel in Österreich zeigt die deutsche Mannschaft große Schwächen. Mit Toren von Reus und Özil reicht es aber zum 2:1.

Wien. Jubel? Kaum eine Spur. Bundestrainer Joachim Löw umarmte nach dem Abpfiff nur kurz seinen Co-Trainer Hansi Flick und blickte ansonsten außerordentlich angespannt drein. Kein Wunder, schließlich hatte sein Team den viel zitierten Dusel-Faktor in seiner nunmehr sechsjährigen Cheftrainer-Ära kaum so sehr strapaziert wie gestern im Wiener Ernst-Happel-Stadion. Der 2:1(1:0)-Erfolg war am Ende das Glück der Untüchtigen.

Wirklich zufrieden konnte Löw daher nur mit dem Sieg sein, der ihm mit nunmehr sechs Punkten einen optimalen Start in die WM-Qualifikation bescherte. "Über unsere Fehler müssen wir reden", bekannte denn auch Kapitän Philipp Lahm selbstkritisch. "Wir haben uns immer wieder selbst in Bedrängnis gebracht", sagte Löw. Mit allem Recht ärgerte sich Martin Harnik, Österreicher in Stuttgarts Diensten: "Dieses Spiel hätten wir gewinnen müssen."

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Zumindest vor dem Anpfiff war die Stimmung im seit Monaten ausverkauften Ernst-Happel-Stadion kaum zu toppen. Als die beiden Mannschaften den Rasen betraten, schwenkten rund 46.000 Fans der insgesamt 47.500 Zuschauer enthusiastisch ihre rot-weiß-roten Fähnchen, was selbst die 1173 angereisten Piefkes durchaus zum Staunen brachte. "Schenkt uns ein Wunder" hatte die vor dem Spiel verteilte zwölfseitige Sonderausgabe der "Österreich"-Zeitung gefordert - und das ganze Stadion schien an das Unmögliche zu glauben oder zumindest glauben zu wollen. 26 Jahre ohne Sieg gegen den großen Nachbarn hatten die Sehnsucht nach einer Sensation offenbar ins Unermessliche steigen lassen.

Und tatsächlich dauerte es nicht mal vier Minuten, ehe der gebürtige Hamburger Harnik den Hoffnungen der lautstarken Anhänger Nahrung gab. Da der Wahl-Stuttgarter aber auf dem Weg zum frühen Führungstor in letzter Sekunde von Holger Badstuber gestört wurde, landete sein Schussversuch aus deutscher Sicht glücklicherweise über und nicht im Tor. Wie erwartet hatte Österreichs Nationaltrainer Marcel Koller seine Mannschaft erstmals mit elf Legionären auflaufen lassen, wobei neben Harnik acht weitere Profis - und damit insgesamt einer mehr als auf der Gegenseite - aus der deutschen Bundesliga dabei waren.

Wie richtig Joachim Löw mit seiner Einschätzung lag, dass diese österreichische Mannschaft dieser deutschen Mannschaft an diesem Abend ernsthaft gefährlich werden könnte, wurde zumindest in der ersten Hälfte deutlicher, als dem Bundestrainer lieb sein dürfte. Besonders das rot-weiß-rote Offensivquartett mit Marko Arnautovic, Zlatko Januzovic (beide Werder Bremen), Andreas Ivanschitz (Mainz 05) und eben Harnik stellte Löws Abwehrreihe vor gehörige Probleme. Daran konnte auch die Rückkehr zum altbewährten 4-2-3-1-System, in dem der etwas defensivere Toni Kroos Dortmunds Mario Götze verdrängte, nichts ändern. Der Außenseiter, der in der Weltrangliste auf Rang 60 zu finden ist, war der offiziellen Nummer zwei der Welt in nahezu allen Belangen überlegen - allerdings nur bis zur 44. Minute.

Eine Minute vor der Pause war es ausgerechnet der bis dahin kaum in Erscheinung getretene Marco Reus, der die Brutalität des so faszinierenden Spiels Fußball eindrucksvoll demonstrierte, als er mit nur einem Dribbling alles zuvor Geschehene vergessen machte. Nach einem feinen Pass Mesut Özils umkurvte der Borusse György Garics und Wolfsburgs Emanuel Pogatetz, ehe er mit einem humorlosen Schuss ins kurze linke Eck abschloss. In der Halbzeit kritisierte ARD-Experte Mehmet Scholl zwar das deutsche Abwehrverhalten, prognostizierte aber, dass es das Löw-Team in der zweiten Halbzeit mit der Führung im Rücken leichter haben werde. Und in der Tat erwischten Neuer und Co. einen optimalen Start: Mit viel Übersicht legte Toni Kroos den Ball nach hinten zu Müller ab, der vom Österreicher Veli Kavlak höchst ungeschickt weggestoßen wurde. Mesut Özil nahm das Elfmeter-Geschenk dankend an und schob ein zum 2:0. Jetzt waren die deutschen Fans blendend gelaunt und höhnten mit Sprechchören Richtung Gastgeber: "In Europa kennt euch keine Sau."

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Die frohe Stimmung sollte den DFB-Anhängern indes schnell vergehen. Denn die Österreicher gaben keineswegs auf. In der 57. Minute tankte sich Arnautovic am rechten Flügel durch. Dessen Pass drückte Junuzovic im Duell mit Lahm über die Linie - nur noch 1:2, was die Nervösität im deutschen Team weiter erhöhte. Beispielhaft die verunglückte Rückgabe (72. Minute) von Lahm, der im nächsten EM-Qualifikationsspiel gegen Irland gelbgesperrt fehlen wird. Zum Glück für Deutschland konnte Neuer gegen Georg Burgstaller retten. In der 88. Minute wäre es dann fast doch noch passiert, doch Arnautovic verstolperte aus fünf Metern völlig freistehend die Riesenchance zum Ausgleich. "Da haben wir Glück gehabt", analysierte später Löw. Wie eigentlich den gesamten Abend.

Österreich: Almer - Garics, Pogatetz, Prödl, Fuchs - Baumgartlinger (75. Janko), Kavlak - Arnautovic, Junuzovic, Ivanschitz (75. Jantscher) - Harnik (55. Burgstaller).

Deutschland: Neuer - Lahm, Hummels, Badstuber, Schmelzer - Khedira , Kroos - Müller, Özil, Reus (46. Götze) - Klose (75. Podolski). Tore: 0:1 Reus (44.), 0:2 Özil (Foulelfmeter, 52.), 1:2 Junuzovic (57.). SR: Björn Kuipers (Niederlande). Z.: 47 500. Gelb: Fuchs, Kavlak, Prödl, Baumgartlinger - Lahm.