Olympiaserie

Warum Wettkämpfe für Sportler so wichtig sind

| Lesedauer: 14 Minuten
Björn Jensen
Hoffen auf gelungene und coronafreie Olympische Sommerspiele in Tokio (von links nach rechts): Hockeyspielerin Amelie Wortmann, Ruderer Torben Johannesen, Beachvolleyballer Julius Thole und Schwimmerin Julia Mrozinski auf dem Hamburger Rathausmarkt.

Hoffen auf gelungene und coronafreie Olympische Sommerspiele in Tokio (von links nach rechts): Hockeyspielerin Amelie Wortmann, Ruderer Torben Johannesen, Beachvolleyballer Julius Thole und Schwimmerin Julia Mrozinski auf dem Hamburger Rathausmarkt.

Foto: Roland Magunia

Im siebten Teil berichten die vier Protagonisten, wie der Vergleich mit anderen sie zu dem machte, was sie heute sind.

Hamburg. Quälend waren die Monate der Ungewissheit. Und auch wenn noch immer vollkommen unklar ist, unter welchen Bedingungen die Olympischen Sommerspiele in Japans Hauptstadt Tokio vom 23. Juli bis zum 8. August durchgezogen werden sollen, spüren die vier Protagonisten der Abendblatt-Olympiaserie, dass die Vorbereitung auf ihre Premieren unter den fünf Ringen auf die Zielgerade einbiegt.

Der April markiert für das gesamte Quartett den Wiedereinstieg in das Wettkampfgeschehen. Anlass genug, um im siebten Teil dieser Serie einmal genauer zu ergründen, wie aus jungen Menschen Wettkämpfer werden. Was es ihnen bedeutet, sich mit anderen zu messen. Und warum die eine körperliche Duelle liebt und der andere Zweikämpfe überhaupt gar nicht mag.

Julia Mrozinski, Schwimmen

Eineinhalb Jahre hat sie gewartet. Hat trainiert, ohne ein festes Ziel zu haben, und manchmal den Tag verflucht, an dem sie sich für eine Leistungssportkarriere entschieden hat. Und weil das vergangene Jahr uns alle gelehrt hat, dass langfristige Pläne sehr kurzfristig in den Wirren der Pandemie verschüttet werden können, will die Freistilspezialistin von der SGS Hamburg auch nicht zu viel Euphorie aufkommen lassen, bevor sie an diesem Wochenende tatsächlich in Eindhoven auf dem Startblock steht.

In den Niederlanden hat die 21-Jährige die erste Chance, die Olympianormen auf ihren Paradestrecken 100 und 200 Meter Freistil zu erbringen. Gelingt das nicht, gibt es am Wochenende darauf in Berlin eine zweite Chance.

„Natürlich ist das eine extreme Belastung, vor allem mental. Nach einer so langen Phase ohne Wettkampf gleich in Topform sein zu müssen, das ist nicht einfach. Aber wir haben alles dafür getan, deshalb versuche ich, mich von den Bedenken nicht zu sehr mitreißen zu lassen. Die Aufregung kommt früh genug“, sagt Julia Mrozinski, die vor wichtigen Wettkämpfen eher der Typ „Knopf im Ohr“ ist. „Ich höre Musik, werde nicht gern angesprochen und versuche, mich durch Ruhe und Konzentration in den richtigen Fokus zu bringen“, sagt sie.

Die aktuellen Corona-Fallzahlen aus ganz Norddeutschland:

  • Hamburg: 2311 neue Corona-Fälle (gesamt seit Pandemie-Beginn: 430.228), 465 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (davon auf Intensivstationen: 44), 2373 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1435,3 (Stand: Sonntag).
  • Schleswig-Holstein: 1362 Corona-Fälle (477.682), 623 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 39). 2263 Todesfälle (+5). Sieben-Tage-Wert: 1453,0; Hospitalisierungsinzidenz: 7,32 (Stand: Sonntag).
  • Niedersachsen: 12.208 neue Corona-Fälle (1.594.135), 168 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, 7952 Todesfälle (+2). Sieben-Tage-Wert: 1977,6; Hospitalisierungsinzidenz: 16,3 (Stand: Sonntag).
  • Mecklenburg-Vorpommern: 700 neue Corona-Fälle (381.843), 768 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 76), 1957 Todesfälle (+2), Sieben-Tage-Wert: 2366,5; Hospitalisierungsinzidenz: 11,9 (Stand: Sonntag).
  • Bremen: 1107 neue Corona-Fälle (145.481), 172 Covid-19-Patienten in Krankenhäusern (Intensiv: 14), 704 Todesfälle (+0). Sieben-Tage-Wert Stadt Bremen: 1422,6; Bremerhaven: 2146,1; Hospitalisierungsinzidenz (wegen Corona) Bremen: 3,88; Bremerhaven: 7,04 (Stand: Sonntag; Bremen gibt die Inzidenzen getrennt nach beiden Städten an).

Das Wettkampfgen sei schon in Kindertagen geprägt worden. Ihrer Mutter, die Physiotherapeutin beim deutschen Schwimm-Jugendnationalteam war, sah sie oft vom Beckenrand zu – und war fasziniert von den Athletinnen und Athleten, die durchs Wasser pflügten.

„Meine Eltern haben mir erzählt, dass ich schon als Vierjährige bei meinen ersten Schwimmwettkämpfen geheult habe, wenn ich nicht gewonnen habe“, sagt sie. Im Alter zwischen 13 und 16 habe sie den Ehrgeiz, der sie antreibt, dahingehend kanalisiert, „dass ich nie wirklich Inter­esse daran gefunden habe, mich im Training mit anderen zu messen. Ich brauche den Wettkampf mit anderen Rivalinnen. Im Training gibt es nichts zu gewinnen, und ich gewinne nun mal gern“, sagt sie.

Was sich im Übrigen auch auf Uno-Runden oder kleine Wettspielchen im Kraftraum ausdehne. Nur mit der Schule ist es etwas anders. „Da geht es nicht um Gewinnen oder Verlieren. Ich will zwar auch gut sein, aber da bin ich nicht so ehrgeizig wie im Sport“, sagt die Absolventin der Eliteschule des Sports am Alten Teichweg, die am 30. April ihre erste schriftliche Abiturprüfung absolvieren muss.

Interessante Wochen sind das also, vor denen Julia Mrozinski steht. Wenn alles läuft wie erhofft, dann wird sie nach dem Sommer auf zwei Lebenserfahrungen zurückschauen können, die schulische Reifeprüfung und die Erfüllung ihres sportlichen Lebenstraums. Um beides mit der größtmöglichen Gelassenheit anzugehen, arbeitet sie intensiv mit ihrer Mentaltrainerin an Verhaltensweisen, die es ihr möglich machen, sich immer wieder herunterzufahren. „Aber dass die Pumpe ordentlich gehen wird, wenn das erste Rennen ansteht, lässt sich nicht vermeiden“, sagt sie. Und wer wollte ihr das nach dieser ewig langen Pause verdenken?

Torben Johannesen, Rudern

Dass die Arbeit im mentalen Bereich einen so hohen Stellenwert einnehmen würde in seiner Karriere, hätte Torben Johannesen noch vor wenigen Jahren niemals geglaubt. „Ich habe erst 2018 angefangen, mich damit zu befassen. Mittlerweile weiß ich, wie enorm wichtig dieser Ausgleich für mich ist“, sagt der 26-Jährige vom Ruderclub Favorite Hammonia, der seit 2017 Mitglied des legendären Deutschland-Achters ist und mit diesem drei WM-Titel gewinnen konnte.

Die Krönung soll, nachdem er 2016 als Ersatzmann in Rio de Janeiro dabei war, die Goldmedaille bei seinen ersten Sommerspielen werden, für die der Achter qualifiziert und er gesetzt ist.

Dafür ist das Training für den Kopf genauso wichtig wie die Einheiten für den Körper, die sich von ihrer Intensität kaum von denen mit dem Mentalcoach unterscheiden. „Wenn ich eine Stunde über meine Ängste und meinen Kummer geredet habe, brauche ich danach auch Regeneration, weil mich das auslaugt. Aber ich spüre, wie befreiend es ist, wenn man im Kopf ganz frei sein kann. Das Aufarbeiten bringt mich jedes Mal ein Stück voran“, sagt er.

Den bohrenden Ehrgeiz, der ihn seit seiner Jugend antreibt, hat der Lehramtsstudent bisweilen als Wanderung auf einem sehr schmalen Grat erlebt. „Ehrgeiz und Zielstrebigkeit können leicht in Verbissenheit oder gar Verbitterung umschlagen. Wenn das passiert, ist man sehr eingeengt“, sagt er. Für ihn sei es ein intensiver Lernprozess gewesen, das Gefühl abzulegen, Spaß an Sport und Spiel nur dann empfinden zu können, wenn er gewann. „Schon in der Schule konnte ich bei kleinen Spielchen nie verlieren.

Das war manchmal extrem“, sagt er. Heute könne er Gewinnen eher als Belohnung ansehen und trotzdem Freude am Miteinander empfinden, ohne dass das Gewinnen im Mittelpunkt stehen müsse. „Mein Fokus hat sich verändert. Natürlich trainiere ich im Rudern hart dafür, Niederlagen nicht erleben zu müssen. Aber in anderen Bereichen kann ich damit besser umgehen.“ Die dauerhafte Anspannung, die entsteht, wenn man immer und überall den Wettkampf suche, sei ungesund für Kopf und Körper. „Ich habe verstanden, dass ich auf mich selbst hören muss“, sagt er.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Wer, wie Torben mit Eric, einen älteren Bruder hat, der im Achter zweimal olympisches Gold und einmal Silber gewinnen konnte, und dazu einen Vater, der sportlichen Ehrgeiz vorlebte, kann sich einem Aufwachsen im Wettkampfmodus wohl schwer entziehen. Wobei Torben Johannesen Wert darauf legt, von der Familie keinerlei Druck zu verspüren. „Die wären genauso stolz, wenn ich norddeutscher Meister wäre“, sagt er. Es sei sein eigenes Anspruchsdenken, überall der Beste sein zu wollen. „Deshalb brauche ich auch den Wettkampf, um mich zu messen“, sagt er.

Umso glücklicher ist der Modell­athlet, der vor Wettkämpfen mit seinen Teamkollegen gern über das Kochen redet, um Zerstreuung zu finden, dass nach einer fast komplett ausgefallenen Saison 2020 in diesem Jahr alle internationalen Rennen noch im Kalender stehen, angefangen mit der EM in Varese (Italien) von diesem Freitag bis Sonntag. Sein Ziel? Der Titel natürlich. Schließlich macht Gewinnen ihm weiterhin am meisten Spaß.

Julius Thole, Beachvolleyball

Er hat auch Fußball ausprobiert. Er mag den Sport, und in einem großen Team gemeinsam Siege zu feiern und Niederlagen zu verarbeiten, sich aber auch mal hinter anderen verstecken zu können, wenn der eigene Tag gebraucht zu sein schien, fand er spannend. Dennoch wusste Julius Thole schnell, dass Fußball nicht seine Erfüllung sein würde, denn: „Ich mochte keine Zweikämpfe und war auch nicht gut darin. Es mangelte stets an den körperlichen Voraussetzungen, daher bin froh, dass in meinem Sport ein Netz zwischen mir und meinen Gegnern steht“, sagt er.

Nun könnte man sich den 2,06 Meter langen Angreifer vom Eimsbütteler TV durchaus auch in Kopfballduellen in der zweiten Etage des Fußball-Strafraums vorstellen. Aber der Verzicht auf Körperkontakt bedeutet schließlich nicht, dass das Messen mit der Konkurrenz weniger intensiv wäre. „Beachvolleyball ist aufgrund der Mischung so faszinierend. Es gibt die mentale und die taktische Ebene, man hat verschiedenste Anforderungen, um Techniken zu entwickeln, die einem aus Schwächephasen heraushelfen. Diese Komplexität finde ich hochspannend.“

Sein Wettkampfgen hat Julius Thole in der Familie ausgeprägt. Mit seinem Vater Bernhard, selbst ehemaliger Volleyballer, und dem beim Bundesligaclub SVG Lüneburg aktiven Bruder Konrad (21) lieferte er sich stundenlange Battles in Karten- und Strategiespielen. „Bis heute verliere ich nicht gern gegen die beiden“, sagt er.

Als er als 13-Jähriger mit seinem ersten Beach-Partner Max Hey die U-15-Konkurrenz des Hamburger Nachwuchsturniers „Young Beach Tour“ gewann, war sein sportlicher Ehrgeiz angefacht. „Ausloten, was maximal möglich ist, fasziniert mich“, sagt er, „und immer, wenn ich eine neue Schwelle über-schreite, bringt mir das sehr viel Spaß und Motivation.“ Die Schwelle zur Olympiaqualifikation hat er mit seinem Spielpartner Clemens Wickler (25) als Vizeweltmeister von 2019 genommen.

Nachdem er am vergangenen Dienstag aus dem Trainingslager auf Fuerteventura zurückkehrte, sollte es am Montag gemeinsam nach Cancun (Mexiko) gehen, wo drei Turniere in Folge auf dem Plan stehen. Weil Wickler im Trainingslager jedoch am Blinddarm operiert werden musste, spielt Thole die ersten beiden Turniere mit Yannick Harms.

„Die Vorfreude auf eine halbwegs normale Saison mit Tokio als Highlight ist weiterhin riesig. Wir leben für diese Höhepunkte“, sagt er. Und wenn im Sand mal Pause ist, hat er ein neues Feld entdeckt, um sich mit anderen zu messen: Onlineschach. „Das ist gerade ein Hype in der Beachvolleyballszene“, sagt er. Das Beste daran: Körperliche Zweikämpfe muss er vor dem Laptop nicht fürchten.

Amelie Wortmann,Hockey

Gäbe es keine Zweikämpfe in ihrem Sport, dann würde ihr ein wichtiges Element fehlen. „Die Körperlichkeit im Hockey gibt mir viel“, sagt Amelie Wortmann. Die Mittelfeldspielerin, die für den Uhlenhorster HC in der Bundesliga aufläuft und aktuell um ihren Platz in der für Tokio qualifizierten Damennationalmannschaft kämpft, sieht Zweikämpfe als gutes Mittel an, um ins Spiel zu finden. „Ich mag es einfach, mich in Eins-gegen-eins-Duellen zu messen. Das hat sich durchs Hockey ganz besonders entwickelt.“

Während viele Individualsporttreibende am Teamsport abstößt, von der Leistung anderer abhängig zu sein, hatte die Psychologiestudentin damit nie Probleme, im Gegenteil. „Ich habe schon immer viel mehr Freude daran gehabt, gemeinsam mit meinen Freundinnen Erfolg zu haben, als nur meine eigene Leistung abzurufen. Außerdem ist es toll, wenn man sich gegenseitig unterstützen und Fehler gemeinsam ausbügeln kann. Das Team gibt mir Sicherheit, die mir guttut“, sagt die 24-Jährige.

Auch im Hockey gab es coronabedingt über den Winter eine fast fünfmonatige Spielpause. Erst Anfang März kehrte das Nationalteam mit zwei Spielen im Nationenwettbewerb Pro League in den Niederlanden in den Wettkampfbetrieb zurück. „Wettkämpfe sind das, wofür wir alle unseren Sport überhaupt betreiben“, sagt Amelie Wortmann. Zwar habe sie auch im Training Spaß daran, sich mit ihren Kolleginnen zu messen.

„Aber es ist einfach noch mal ein anderer Schnack, wenn die internationale Härte dazukommt.“ Das Spieltempo im Nationalteam sei deutlich höher als in der Bundesliga, die am vorvergangenen Wochenende aus dem Winterschlaf erwacht war. „Außerdem schweißen Wettkämpfe eine Mannschaft noch einmal ganz anders zusammen, als es im Training möglich ist“, sagt sie.

Auch Amelie Wortmann hat mit dem Verlieren so ihre Probleme, sie spielt ungern Gesellschaftsspiele, weil sie früher oft gegen ihren jüngeren Bruder verlor. Eine familiäre Wettkampfprägung habe sie indes nicht vorzuweisen.

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„Meine Eltern und Geschwister sind zwar sportlich, aber bei uns stand im-mer der Spaß im Vordergrund. Ich selbst bin auch harmoniebedürftig.“ Der Antrieb, es bis ins Nationalteam geschafft zu haben, sei aus ihr selbst heraus entstanden. „Auch in der Uni bin ich ehrgeizig, ich gebe in allen Bereichen alles und habe einen sehr hohen Anspruch an mich“, sagt sie.

Erste Priorität hat aber in diesen Monaten der Sport, der Amelie Wortmann über Ostern eine für diese Zeit außergewöhnliche Reise bescherte. Mit der deutschen Auswahl flog sie nach Buenos Aires, wo zwei Pro-League-Spiele gegen Argentinien anstanden, die mit einem Sieg und einem 2:3 im Penaltyschießen endeten.

„Natürlich fühlt es sich komisch an, auf die Südhalbkugel zu fliegen, während viele ihr Zuhause kaum verlassen“, sagt sie. Aber das Hygienekonzept sah eine strenge Isolation und fast tägliche Testungen vor, sodass sie sich so sicher wie irgend möglich fühlte. „Außerdem brauchen wir Spiele auf höchstem Niveau, um die Wettkampfhärte zu erlangen, die nötig ist, um in Tokio eine Medaille zu holen“, sagt sie.

Es mag in Vergessenheit geraten sein nach einem Jahr im Ausnahmezustand. Aber Wettkämpfe sind für den Spitzensport die Luft, die er zum Überleben braucht. Umso wichtiger also, dass auch das Abendblatt-Quartett nun end-lich wieder tief durchatmen kann.

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