Corona-Folgen für den Sport

Das macht Corona mit Hamburgs Olympioniken

Die vier Protagonisten der Abendblatt-Serie (v.l.): Amelie Wortmann, Torben Johannesen, Julius Thole und Julia Mrozinski.

Die vier Protagonisten der Abendblatt-Serie (v.l.): Amelie Wortmann, Torben Johannesen, Julius Thole und Julia Mrozinski.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Das Abendblatt begleitet die vier Tokio-Kandidaten in einer Serie. Zwei der Sportler berichten jetzt von ihrer Corona-Erkrankung.

Hamburg. Neun Monate ist es nun schon fast her, seit Deutschland den ersten Corona-Lockdown erlebte. Neun Monate, in denen die Menschen versucht haben, sich auf Veränderungen einzustellen und mit dem Virus zu leben.

Auch die vier Hamburger Olympiakandidaten, die das Abendblatt seit Januar in einer Serie bis zu den auf 23. Juli bis 8. August 2021 verlegten Sommerspielen in Japans Hauptstadt Tokio begleitet, haben erlebt, wie Corona Teil ihres Alltags wurde. Zwei von ihnen haben die Erkrankung bereits am eigenen Körper gespürt. Wie sich diese Erfahrungen auswirken und wie sich ihr Leben verändert hat, darüber erzählen die vier in Teil fünf der Serie.

Torben Johannesen, Rudern

Ob er als geheilt gelte? Torben Johannesen muss kurz überlegen, als er diese Frage gestellt bekommt, dann antwortet er: „Ich weiß es nicht.“ Und wahrscheinlich ist das die einzige Antwort, die ein Mensch geben kann, der eine Infektion mit Sars-CoV-2 überstanden hat. Weil niemand weiß, was da noch kommen kann. Weil das Virus, das die Welt verändert, auch und vielleicht gerade in den Körpern von Hochleistungssportlern Schäden hinterlassen kann, die eine Karriere kostet, wenn es schlecht läuft.

Bei dem 26-Jährigen vom RC Favo­rite Hammonia ist es, so lautet zumindest die Einschätzung der Ärzte, normal gelaufen. Nachdem er sich im Oktober, eine Woche nach dem EM-Gold mit dem Deutschland-Achter, beim Langstreckenrennen auf dem Nord-Ostsee-Kanal infiziert hatte, plagten ihn Fieber, Kopfschmerzen und der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns, der als so typisches Symptom von Covid-19 gilt. Diesen zurückzuerlangen habe drei Wochen gedauert, alles andere war innerhalb von acht, neun Tagen ausgestanden. „Aber ich habe mich unglaublich schlapp gefühlt, lag nur im Bett, habe viel geschlafen“, sagt er.

Sein Blick auf die Krankheit, die er schon vorher ernst genommen hatte, habe sich noch einmal verändert. „Dieses Virus ist kein Spaß, die Folgen können brutal sein“, sagt er. Eine deutliche Einschränkung seiner körperlichen Leistungsfähigkeit habe er festgestellt. „Mein Körper war in einer Extremsituation, und genauso fühlt es sich an.“ Er könne von Glück reden, dass seine Lungenfunktion nicht eingeschränkt sei, was mit regelmäßigen Tests kontrolliert wird. Die Auswirkungen auf das Herz sind allerdings noch nicht abzusehen. Bei zwei kardiologischen Untersuchungen habe es keine Auffälligkeiten gegeben. „Aber meine Entzündungswerte im Blut sind noch immer nicht normal. Deshalb taste ich mich langsam an mein gewohntes Trainingsniveau heran“, sagt er.

Lesen Sie hier den dritten Teil der Serie

Lesen Sie hier den zweiten Teil der Serie

Lesen Sie hier den ersten Teil der Serie

Da das nächste Trainingslager im Dezember in Portugal geplant ist, hofft der Lehramtsstudent (Physik und Sport), der mit dem deutschen Paradeboot bereits für Tokio qualifiziert ist, auf eine rasche Genesung. Wettkämpfe stehen zwar über den Winter keine an, aber die Phase des Kraft- und Konditionsaufbaus ist enorm wichtig, um im Sommer 2021 zum erhofften Saisonhöhepunkt in Topform sein zu können. Aktuell trainieren die Riemenruderer am Bundesstützpunkt in Dortmund.

Auch den anderen beiden Achter-Mitgliedern, die sich wie Torben Johannesen in Rendsburg infiziert hatten, geht es den Umständen entsprechend wieder gut. Das Hygienekonzept wurde noch einmal ver-, die Sinne geschärft. „Die Maßnahmen sind für uns mittlerweile Alltag, wir ordnen uns dem selbstverständlich unter, denn wir haben alle nur ein Ziel“, sagt er. Deshalb habe man sich auch darüber gefreut, dass der deutsche Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach, in der vergangenen Woche bei einer In­spektionsreise nach Tokio erklärt hat, die Spiele auf jeden Fall durchziehen zu wollen. „Für mich wäre es auch okay, wenn keine Zuschauer dabei wären oder man im olympischen Dorf abgeschirmt leben müsste. Ich will einfach den Wettkampf und die Medaille, für die ich seit vier Jahren arbeite“, sagt Johannesen.

Julia Mrozinski, Schwimmen

Ganz so einfach ist die Sache für Julia Mrozinski nicht. Das liegt zum einen daran, dass sie noch gar nicht qualifiziert ist für Tokio, wo sie mindestens auf einen Platz in der Staffel hofft. Zum anderen verbindet die 20-Jährige mit Olympischen Spielen gewisse Ideale. „Olympia zeichnet sich durch diesen Spirit aus, die Offenheit gegenüber anderen und das gemeinsame Erleben. Wenn das eingeschränkt wird, ist das nicht das, wofür Olympia steht, und das fände ich komisch“, sagt die Freistilspezialistin von der SGS Hamburg, die allerdings auch zugibt, aktuell gar nicht allzu viel an Tokio zu denken. „Im Moment sind die Zahlen noch so hoch, dass man abwarten sollte, was überhaupt möglich ist. Auf Biegen und Brechen sollte man Olympia nicht durchziehen“, sagt sie.

Manche könnten meinen, dass Julia Mrozinski sich um die Gefahren einer Corona-Infektion keine Gedanken mehr zu machen bräuchte. Schließlich ist die Schülerin, die an der Eliteschule des Sports am Alten Teichweg ihr „Strecker-Abitur“ über 14 Schuljahre macht, die Zweite aus dem Quartett der Abendblatt-Serie, die die Erkrankung hinter sich gebracht hat. Aber da niemand sagen kann, ob und wie lange Infizierte eine Immunität aufweisen, bleibt sie weiterhin vorsichtig – und ärgert sich maßlos über Menschen, die das Virus noch immer nicht ernst nehmen. Die sich weigern, Masken zu tragen, oder sich auf Demonstrationen als Märtyrer gerieren. „Ich verstehe nicht, wie man so ignorant und egoistisch sein kann“, sagt sie.

Über die Symptome, die sie im Oktober während der 14 Tage in Quarantäne – zehn verordnete, vier weitere freiwillig – plagten, möchte sie in der Öffentlichkeit nicht sprechen. Grundsätzlich habe sie Corona gut überstanden, allerdings haben sie die vier Wochen komplette Sportpause weit zurückgeworfen. Ein Lungenfunktionstest ergab zwar keine Auffälligkeiten, was bei einem Ausdauersport wie dem Schwimmen eine besonders wichtige Erkenntnis ist. „Aber es ist alles anstrengender als vorher“, sagt sie. Ob das indes an der Erkrankung selbst oder der dadurch erzwungenen Pause liege, könne sie nicht einschätzen. In der kommenden Woche steht ihre turnusmäßige Grunduntersuchung bei Michael Ehnert, Chefarzt im Deutschen Schwimm-Verband und mit dem sportmedizinischen Institut am Asklepios-Klinikum St. Georg Partner des Hamburger Olympiastützpunktes (OSP), auf dem Programm. „Danach weiß ich mehr“, hofft sie.

Da in der aktuellen Situation weder Trainingslager noch Wettkämpfe geplant werden können, hat Julia Mrozin­ski Zeit, sich Zug um Zug wieder an Trainingsbelastung zu gewöhnen. Diese Zeit will sie sich auch nehmen. „Corona ist in meinem Alltag angekommen, dadurch habe ich gelernt, nicht mehr so viel zu planen, sondern spontaner zu sein.“

Julius Thole, Beachvolleyball

Mit dem Planen ist das tatsächlich so eine Sache, das hat auch Julius Thole festgestellt. „Man ist flexibler und entspannter im Umgang mit externen Rückschlägen, die man nicht beeinflussen kann“, sagt der 23-Jährige vom Eimsbütteler TV nach neun Monaten Leben im Corona-Rhythmus. Er könne sich jedoch mit der aktuellen Lage besser arrangieren als viele andere Leistungssportler, weil er mit seinem Partner Clemens Wickler (25) als Vizeweltmeister von 2019 für die Tokio-Spiele bereits qualifiziert ist. „Das gibt uns einerseits die Motivation zu wissen, auf was wir hinarbeiten. Andererseits haben wir nicht mehr den Druck, auf Qualifikationsturniere hoffen und dort performen zu müssen.“

Man darf diese Worte nicht in einem Sinne missverstehen, der unterstellt, dass der Jurastudent deshalb das Training schleifen ließe. Das Gegenteil ist der Fall; am OSP arbeiten die Beachvolleyballer derzeit in zwei täglichen Einheiten am Kraft- und Konditionsaufbau ebenso wie an balltechnischen Feinheiten. „Ich empfinde es weiterhin als Privileg, dass wir unseren Beruf ausüben und uns ohne große Einschränkungen auf Tokio vorbereiten dürfen“, sagt Thole.

Dass Corona auch in seinem Alltag dennoch weiterhin eine wichtige Rolle spielt, verhehlt er nicht. 15- bis 20-mal sei er schon getestet worden, seine Schutzmaske vergesse er, anders als noch im Frühjahr, auch nicht mehr mitzunehmen. Julius Thole informiert sich regelmäßig über die aktuellen Entwicklungen und hat natürlich auch die Diskussionen um das Thema Impfpflicht mitbekommen. „Meine Meinung ist, dass es eine Pflicht nicht geben sollte, da jeder über einen solchen Eingriff selbst entscheiden können muss. Aber ich persönlich stehe dem Impfen offen gegenüber.“

Angst vor einer Infektion habe er nicht grundsätzlich, allerdings fürchte er schon, wegen der Folgen nicht in Tokio in den Sand gehen zu können, selbst wenn die Erkrankung dann schon ausgestanden sein sollte. „Eine Impfung, die zu 95 Prozent schützt, könnte deshalb eine erhebliche Rolle dabei spielen, die Spiele durchführen zu können“, sagt er. Die Entscheidung über eine Impfung werde im Team gemeinsam fallen, nach Beratung mit den medizinischen Fachleuten. Was insofern interessant werden könnte, weil Michael Tank, Verbandsarzt der deutschen Beachvolleyballer und als Impfskeptiker Autor einschlägiger Fachbücher, kürzlich im Abendblatt vor den möglichen Spätfolgen eines zu wenig untersuchten Impfstoffes gewarnt hatte.

„Ich schätze Michi sehr, er hat mir mehrfach in schwierigen Situationen, in denen kurzfristige medizinische Maßnahmen notwendig wurden, geholfen“, sagt Julius Thole, „aber wir werden abwägen, was die beste Lösung ist, und uns dann zu gegebener Zeit entscheiden.“ Bis dahin, findet er, könne man positiv in die nächsten Monate schauen. „Wir wissen heute viel mehr über Corona als am Anfang. Deshalb hoffe ich, dass wir 2021 sichere Olympische Spiele in Tokio erleben werden.“

Amelie Wortmann, Hockey

Einen an Corona erkrankten Menschen gab es in ihrem näheren Umfeld bislang noch nicht, weder in der Familie noch im Hockey-Nationalteam oder bei ihrem Verein, dem Uhlenhorster HC. Aber natürlich verfolgt auch Amelie Wortmann gespannt die Entwicklung der Pandemie; vor allem, was das Thema Impfstoff betrifft. Sie hat gelesen und gehört, dass die Fachleute gespalten sind. Dass es Mediziner gibt, die Leistungssportlern davon abraten, sich impfen zu lassen, solange die Begleiterscheinungen der Vakzine nicht ausreichend untersucht sind. Und dass es auf der anderen Seite Ärzte gibt, die eine Impfpflicht fordern, um die Olympischen Spiele so sicher wie möglich zu machen.

„Ich persönlich habe mir meine Meinung dazu noch nicht abschließend gebildet“, sagt die Mittelfeldspielerin, die sich mit den deutschen Damen im November 2019 für Tokio qualifiziert hatte. Weder sei sie erklärte Impfgegnerin noch ein Mensch, der den erstbesten verfügbaren Stoff in seinen Körper injizieren lassen würde. „Ich denke, dass wir über den Umgang mit der Impfung im Team entscheiden werden. Ich hoffe auf eine umfassende Beratung durch die Ärzte aus unserem Staff, um mir dann kompetenter ein Bild machen zu können“, sagt sie. Angst vor einer Infektion mit Sars-CoV-2 hat sie vorrangig auch nicht wegen der Folgen für ihre eigene Gesundheit, sondern weil sie Risiko­personen schützen möchte.

Im Vergleich zum Frühjahr, als Covid-19 als vollkommen unbekannte Erkrankung über die Welt kam, sei sie nun, nach neun Monaten Gewöhnung an die Pandemie, entspannter im Umgang mit den Schutzmaßnahmen. „Es ist erstaunlich, wie schnell manche Dinge zur Gewohnheit werden“, sagt sie. Zum Beispiel, dass Mannschaftsbesprechungen nur noch 20 Minuten dauern, alle dabei Masken tragen und Abstand halten. Das sei beim letzten Lehrgang mit dem Nationalteam, der vom 6. bis 12. November in Moers stattfand, wie selbstverständlich umgesetzt worden. Das Hygiene­konzept, überwacht von einer Hygienebeauftragten, sei mittlerweile gelebte Normalität, ebenso die regelmäßigen Corona-Tests, von denen sie bislang sechs hinter sich gebracht hat.

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Nicht gewöhnen kann – und will – sich die 24-Jährige allerdings an die Kontaktbeschränkungen. Nur mit der Zimmerpartnerin gemeinsam essen zu dürfen, die Teamkolleginnen nicht umarmen zu können, „all das widerspricht komplett dem, was Mannschaftssport eigentlich ausmacht“, sagt sie. Die Einsicht in die Notwendigkeit sei indes im gesamten Hockey so verbreitet, dass trotz des Lockdowns die nächsten Trainingsmaßnahmen innerhalb Deutschlands – ein Lehrgang im Januar in Mannheim und das Athletiktraining an den jeweiligen Stützpunkten – gesichert seien.

Die Ungewissheit, wann Länderspiele, die die deutschen Damen dringend brauchen, um sich auf internationalem Niveau für Tokio einzuspielen, wieder möglich sein werden, nagt indes auch weiterhin an Amelie Wortmann. Allerdings nicht so schlimm wie beim ersten Lockdown. Einerseits, weil sie über den Winter sowieso auf die Hallensaison verzichtet­ hätte, um den vom Verband vorgeschriebenen, zehnwöchigen Athletikblock bestmöglich durchzuziehen. Und andererseits, weil sie sich aktuell mit ihrer Bachelorarbeit beschäftigt. „Sprachentwicklung bei Kleinkindern“ lautet das Thema. Und auch wenn die Studie ebenfalls nur per Skype durchgeführt werden konnte, waren die Einjährigen eine so willkommene wie angenehme Ablenkung vom tristen Alltag, zu dem die Corona-Pandemie mittlerweile geworden ist.

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