Corona-Folgen für den Sport

Der Weg nach Tokio führt derzeit ins Ungewisse

Das Nationalstadion von Tokio, der Hauptaustragungsort der Olympischen Sommerspiele 2020.

Das Nationalstadion von Tokio, der Hauptaustragungsort der Olympischen Sommerspiele 2020.

Foto: --- / dpa

Das Abendblatt begleitet vier Hamburger in der Vorbereitung auf Olympia. Die Corona-Krise überlagert auch ihren Alltag immens.

Hamburg. Zwei Dinge gibt es, die in diesen Tagen die vier Hamburger Athleten einen, die das Abendblatt in einer im Acht-Wochen-Rhythmus erscheinenden Serie bis zwei Monate nach den Olympischen Sommerspielen in Tokio (24. Juli bis 9. August) begleitet. Sie alle leiden unter der Ungewissheit, ob und wann das größte Sportereignis der Welt stattfindet. Und sie haben keine Angst, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, aber großen Respekt vor dessen Folgen für die Gesellschaft – und deshalb uneingeschränktes Verständnis für die einschneidenden Maßnahmen im Kampf gegen dessen Verbreitung. In der zweiten Folge der Serie sprechen die Protagonisten über ihre persönlichen Erlebnisse in Zeiten der Pandemie.

Amelie Wortmann, Hockey

Wie ernst die Lage ist, das wurde Amelie Wortmann am Montagvormittag bewusst. Am Olympiastützpunkt (OSP) in Dulsberg stand die Hockey-Nationalspielerin vom Uhlenhorster HC vor dem verschlossenen Kraftraum. Die Allgemeinverfügung der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz hatte die Schließung aller Sportanlagen in Hamburg bis zum 30. April vorgeschrieben. Die Ausnahmegenehmigung, die OSP-Leiterin Ingrid Unkelbach (60) für das Training der Kaderathleten gestellt hatte, wurde erst am Mittwochmittag positiv beschieden. Also nutzte Amelie Wortmann die Zeit für ein Gespräch mit OSP-Sportpsychologin Anett Szigeti (39). „Sie ist eine wichtige Stütze, weil sie uns hilft, die Lage als Chance zu sehen“, sagt sie.

Für die Mittelfeldspielerin wären die Spiele in Japan die erste Olympiateilnahme. Die deutschen Damen sind bereits qualifiziert, und obwohl die individuelle Nominierung noch aussteht, nimmt das der 23-Jährigen immerhin den Druck, der auf all jenen Sportlerinnen und Sportlern lastet, die die Qualifikation noch nicht geschafft haben. Die sich nun fragen, wie das noch gelingen soll in einer Zeit, in der weltweit keine Sportveranstaltungen möglich sind. Natürlich ist die Frage, ob die Spiele wie geplant in Tokio stattfinden werden, auch im Hockeyteam stets präsent. „Aber solange es dazu keine klare Entscheidung gibt, versuchen wir es auszublenden“, sagt sie.

Intensive Trainingslager in Südafrika und Spanien

Nach intensiven Trainingslagern in Südafrika und Spanien im Februar sei die Stimmung in der Mannschaft des Vizeeuropameisters sehr optimistisch gewesen. „Wir alle haben uns riesig auf die Pro-League-Spiele gefreut, die von Mitte März an stattfinden sollten“, sagt Amelie Wortmann. Spielpraxis sei vor Tokio unerlässlich, um die im Training einstudierten Inhalte im Wettkampfmodus umzusetzen. „Deshalb hoffen wir, dass wir im Mai wieder spielen können.“ Aktuell ist die Pro League, ein Nationenturnier in Ligaform, bis 17. Mai ausgesetzt, die Feldbundesliga startet frühestens Anfang Mai in die Rückrunde.

Über diverse WhatsApp-Gruppen hält Amelie Wortmann Kontakt mit ihren Teamkolleginnen aus Nationalmannschaft und Verein. Trainiert wird aber individuell, mit Läufen oder Einheiten zu Hause. Stocktraining findet aktuell nicht statt. Die erzwungene Auszeit nutzt die Psychologiestudentin – die im Fall einer Absage oder Verlegung der Spiele hofft, ihr Urlaubssemester rückgängig machen zu können –, um in ihrer Wohnung Ordnung zu schaffen. „Es sind Hausarbeiten und viel Papierkram liegen geblieben. Darum kümmere ich mich jetzt“, sagt sie.

Torben Johannesen, Rudern

Von Ordnung kann in seiner Wohnung in Rotherbaum keine Rede sein, vielmehr ist das Apartment zum Trainingszen­trum umfunktioniert worden. Weil der Bundesstützpunkt der Riemenruderer in Dortmund geschlossen ist, muss Torben Johannesen seine Einheiten auf den vom Verband angelieferten Ruder- und Fahrradergometern durchziehen. „Das ist sicher nicht optimal. Aber die Frage, wie man Motivation und Wettkampfhärte beibehält, ohne Wettkämpfe zu haben, ist für alle Neuland. Also müssen wir uns dem stellen“, sagt der 25-Jährige vom RC Favorite Hammonia, der in Tokio seine Olympiapremiere erleben möchte.

Am vergangenen Sonntag erfuhren Johannesen und dessen Kollegen aus dem Deutschland-Achter, dass sie ihr Trainingslager im portugiesischen Lago Azul abbrechen müssen. „Bis dahin haben wir Corona wie in einer Blase wahrgenommen. In Portugal war das kaum ein Thema, wir haben in der Apotheke ganz normal Desinfektionsmittel bekommen“, sagt er. Nachdem der Rückreisebefehl erfolgt war, mussten am Sonntagabend bei strömendem Regen die Boote verladen sowie Kraftraum und Zimmer aufgeräumt werden.

Hoffnung auf Ersatzwettkämpfe

Montagmorgen um 2.30 Uhr ging es zurück nach Deutschland. „Der Verband und unser Teammanager Thorsten Schmidt haben das toll gemeistert“, sagt Johannesen. Im Team wurden alle möglichen Szenarien durchgespielt. Dass alle Weltcuprennen bereits abgesagt wurden und es vor Olympia lediglich noch die EM Anfang Juni in Posen (Polen) als Leistungsüberprüfung geben soll, hält der Lehramtsstudent (Physik und Sport) für eine schwere Belastung. Auch wenn der Achter als Weltmeister für Tokio bereits qualifiziert ist, brauche man die Vergleiche mit den anderen Nationen.

„Deshalb hoffe ich, dass der Weltverband noch Ersatzwettkämpfe organisiert, sollte Olympia wie geplant stattfinden.“ Dass es stattfindet, hoffen alle, denn eine Absage der Spiele würde vieles auf den Kopf stellen. „Ich könnte dann sofort mit dem Training aufhören, das Jahr wäre gelaufen. Aber andere würden sogar ihre Karriere beenden. Deshalb ist es gut, dass das IOC so lange wie möglich mit seiner Entscheidung wartet.“

Coronavirus: So können Sie sich vor Ansteckung schützen

  • Niesen oder husten Sie am besten in ein Einwegtaschentuch, das Sie danach wegwerfen. Ist keins griffbereit, halten Sie die Armbeuge vor Mund und Nase. Danach: Händewaschen
  • Regelmäßig und gründlich die Hände mit Seife waschen
  • Das Gesicht nicht mit den Händen berühren, weil die Erreger des Coronavirus über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen können
  • Ein bis zwei Meter Abstand zu Menschen halten, die Infektionssymptome zeigen
  • Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind überflüssig – sie können sogar umgekehrt zu Nachlässigkeit in wichtigeren Bereichen führen

Julia Mrozinski, Schwimmen

Diese Meinung teilt auch Julia Mrozin­ski, obwohl die Ungewissheit sie besonders trifft. Schließlich ist die Freistilspezialistin von der SGS Hamburg die Einzige aus dem Quartett, die ihre Teilnahme noch nicht gesichert hat. Für die 4x200-Meter-Freistilstaffel ist die 20-Jährige zwar vorgesehen, allerdings muss sie dafür die Normzeiten – 1:57,20 Minuten über 200 Meter Freistil, 54:10 Sekunden über die halbe Distanz – erfüllen. Das Problem: Innerhalb des ursprünglich vorgesehenen Qualifikationszeitraums bis Anfang Mai finden keine Wettkämpfe statt. Zuletzt wurden die vom 30. April bis 3. Mai geplanten deutschen Meisterschaften in Berlin abgesagt, auf die viele deutsche Schwimmer ihr Training ausgelegt hatten.

Olympia ist der große Traum

„Die aktuelle Lage bricht mir das Herz. Olympia ist mein großer Traum, dafür trainiere ich seit 15 Jahren“, sagt Julia Mrozinski, die das Trainingsverbot am OSP besonders hart traf. „Von ein paar Tagen ohne Wassertraining geht die Welt zwar nicht unter, aber umso wichtiger ist es, dass die Ausnahmegenehmigung jetzt da ist, denn nur Laufen und Stabi-Übungen zu Hause hätte ich nicht lange durchgehalten“, sagt die Schülerin, die 2021 an der Eliteschule des Sports am Alten Teichweg ihr Abitur machen will.

Auch ihr helfen derzeit Gespräche mit Sportpsychologin Szigeti und ihrem Trainer Veith Sieber, „der alles Menschenmögliche tut, um uns bei Laune zu halten“. Außerdem haben ihre Eltern, die beide Leistungsschwimmer waren, viel Verständnis für ihre Situation. „Ich lebe und denke derzeit von Tag zu Tag“, sagt sie, „aber aufgeben und Trübsal blasen ist keine Option!“

Julius Thole, Beachvolleyball

Wohl dem, der solch eine Familie hat! Als Julius Thole nicht im Sand trainieren konnte, verlegte er die Einheiten einfach ins Elternhaus in Groß Borstel. Für Kraft- und Athletikübungen stehen dort im Keller ein Fahrradergometer, Hanteln und Therabänder bereit. Das Balltraining absolvierte der 2,06 Meter große Jurastudent im Garten. Vater Bernhard, ein früherer Hallenvolleyball-Bundesligaspieler, und sein zwei Jahre jüngerer Bruder Konrad, dessen Saison mit den Bundesligamännern der SVG Lüneburg bereits abgebrochen wurde, stehen als Sparringspartner bereit.

„Das ist den Umständen entsprechend eine gute Lösung, aber natürlich nicht vergleichbar mit dem normalen Trainingsbetrieb“, sagt er. Dass er wirklich schon am 24. Juli in Tokio ans Netz gehen wird, bezweifelt auch der 22-Jährige. „Die Fragezeichen sind groß, das Thema ist sehr präsent. Wir versuchen zwar, es auszublenden, aber das gelingt nicht immer“, sagt er. Auch ihm helfen Gespräche mit Psychologin Szigeti, „sie ist eine sehr wichtige Beraterin“, sagt er.

Für Tokio bereits qualifiziert

Außerdem gebe der Fakt Sicherheit, für Tokio bereits qualifiziert zu sein. Mit seinem Partner Clemens Wickler (24) war er im vergangenen Jahr in Hamburg Vizeweltmeister geworden und hatte so viele Weltranglistenpunkte gesammelt, dass ein Platz unter den besten 24 Teams gesichert ist. „Das erspart uns die Qual, nicht zu wissen, ob es überhaupt noch Turniere gibt, auf denen man Punkte sammeln kann“, sagt er. Die deutsche Beach-Tour ist, bis auf die DM in Timmendorfer Strand im September, bereits komplett abgesagt, bis Mai finden weltweit keine Turniere statt.

Zeit und Wettkampfpraxis, um sich mit Wickler in Gold-Form zu bringen, benötigt Julius Thole aber schon. „Unser Plan war, im Mai in Brasilien das erste gemeinsame Turnier zu spielen“, sagt er. Vom 10. Februar bis 2. März waren die Beach-Teams in Rio de Janeiro im Trainingslager, nahmen dort die Nachrichten zum Corona-Ausbruch nur stark gefiltert wahr. Erst in Doha, beim Vier-Sterne-Turnier vom 6. bis 10. März, war das Virus dauerpräsent. In Katar spielte Thole mit Sven Winter (21), da Wickler eine Verletzung am Sprunggelenk vollständig auskurieren sollte. „Aber ich hatte in Rio das Gefühl, dass wir auf einem sehr guten Weg sind“, sagt er. Wohin dieser in den kommenden Wochen führt, fragen sich weltweit alle Spitzenathleten.

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