Boxen

Boxer Jack Culcay hat kein Problem mit dem "Geisterkampf"

| Lesedauer: 5 Minuten
Björn Jensen
Jack Culcay boxt am 12. Juni in Berlin gegen den Franzosen Howard Cospolite. Er verteidigt den WBO International Titel.

Jack Culcay boxt am 12. Juni in Berlin gegen den Franzosen Howard Cospolite. Er verteidigt den WBO International Titel.

Foto: Axel Heimken/dpa

In den Berliner Havelstudios findet erstmals in Europa seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie wieder ein Profiboxevent statt.

Hamburg. Die historische Tragweite dieses Abends, den er maßgeblich mitgestalten soll, ist ihm bewusst. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – versucht Jack Culcay, Gelassenheit zu bewahren. „Es wird sich anfühlen wie ein Sparringskampf, den ich gewinnen will“, sagt der 34 Jahre alte Boxprofi aus dem Berliner Agon-Stall. Er versuche in seinen Kämpfen stets, die Zuschauer auszublenden, um die Anweisungen aus seiner Ecke zu verstehen. „Diesmal muss ich nichts ausblenden, weil gar keine Zuschauer da sind. Deshalb glaube ich, dass mir die ungewohnten Umstände überhaupt keine Probleme bereiten werden.“

Ungewohnt sind die Umstände, unter denen der in Ecuador geborene Superweltergewichtler an diesem Freitag (19.30 Uhr/Livestream bei bild.de) seinen internationalen WBO-Titel gegen den Franzosen Howard Cospolite (37) verteidigt, tatsächlich. In den Berliner Havelstudios findet erstmals in Europa seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie wieder ein Profiboxevent statt. Acht Kämpfe sind geplant, darunter die EU-Meisterschaft im Mittelgewicht zwischen Agons Lokalmatador Björn Schicke (32) und Marten Arsumanjan (26/Stein in Bayern) sowie im selben Limit das DM-Duell von Vincenzo Gualtieri (27/Wuppertal) mit dem Hamburger Alexander Pavlov (31). Zuschauer sind nicht zugelassen, Zutritt zur Halle haben nur Boxer, Trainer, Manager, Ärzte, Kampfrichter, Security und Kamerateam, insgesamt 50 Personen.

Profiboxer Jack Culcay boxt gegen Howard Cospolite

Das ausgeklügelte Hygienesystem hatte Agons Teammanager Horst-Peter Strickrodt durch den Berliner Senat gebracht. Der Rechtsanwalt hatte zudem dafür gesorgt, dass Agons Boxer Ende April wieder in einen geregelten Trainingsbetrieb starten durften – als erste Profiboxer in Deutschland. „Für uns bedeutet dieser Kampfabend einen weiteren Schritt in die Normalität“, sagt Agon-Chef Ingo Volckmann, der zugunsten seiner Sportler bereit war, eine defizitäre Veranstaltung durchzuführen. „Die Ticketeinnahmen fehlen uns, da müssen wir sehen, wie wir das im Zuge der Lockerungsmaßnahmen aufholen können“, sagt Strickrodt.

Culcay, der seit dem Gewinn der Amateur-WM 2009 den Kampfnamen „Golden Jack“ trägt und mehrere Jahre für die deutschen Platzhirsche Universum (2009 bis 2012) und Sauerland (2012 bis 2018) in den Ring stieg, ist seinem Arbeitgeber sehr dankbar für dessen Beharrlichkeit. „Es war eine harte Zeit, nicht zu wissen, wie es weitergeht. Umso glücklicher bin ich, jetzt wieder kämpfen zu können“, sagt er. Die Vorbereitung sei, nachdem die Ausnahmegenehmigung für den Trainingsbetrieb erteilt worden war, fast normal verlaufen. „Ich konnte drei Wochen Sparring mit verschiedenen Partnern machen und fühle mich bestens in Form“, sagt der Edeltechniker, der 27 seiner bislang 31 Profikämpfe gewinnen konnte und mehr als ein Jahr (2015/16) den Interims-WM-Titel der WBA im Limit bis 69,853 Kilogramm trug.

Während des Lockdowns arbeitete Culcay, der mit seiner Partnerin Anna Höfel und der gemeinsamen Tochter Liana (2) in Charlottenburg lebt, vor allem an Kondition und Kraft, konnte dank eines befreundeten Gym-Betreibers in dessen Halle auch an Geräten und Sandsack trainieren. Sein Vorteil: Da er in seiner Heimatstadt Darmstadt mit seinem Vater Roberto und dem älteren Bruder Michael eine Boxschule leitete, ist er in Trainingslehre bewandert und konnte deshalb auch ohne seinen Coach Michael Stachewitz zielgerichtet arbeiten. „Das hat mir sehr geholfen, um nicht allzu viel Substanz zu verlieren“, sagt er.

Culcay: Keine Angst vor Coronavirus

Im Sparring trainierte Culcay stets mit derselben Gruppe, die sich abseits des Gyms an die gängigen Quarantäneregeln hielt, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. „Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich das sehr ernst genommen habe. Außer Training und Familie gab es für mich in den vergangenen Monaten keine Kontakte zur Außenwelt“, sagt er. Am Montag wurde Culcay, wie auch alle anderen Teilnehmer des Kampfabends, auf Corona getestet, „zum ersten Mal in meinem Leben“.

Lessen Sie auch:

Am Donnerstag vor dem offiziellen Wiegen folgt ein zweiter Test; nur wenn alle negativ ausfallen, kann die Veranstaltung wie geplant durchgeführt werden. Während die auswärtigen Gegner seit dem Wochenende im Hotel kaserniert sind, darf Culcay seine Familie weiterhin sehen. „Das freut mich und tut mir gut“, sagt er.

Bei allem Respekt vor den Maßnahmen: Die Angst vor einer Ansteckung mit dem Virus, das die Welt lahmlegt, steht bei Jack Culcay, der sich seit acht Monaten vegan ernährt, deutlich hinter anderen Ängsten zurück. „Im Boxen kann jeder Schlag zu einer schweren Verletzung führen. Deshalb mache ich mir über das Virus weniger Gedanken, sondern nur darüber, dass ich meinen schlagstarken, aggressiven Gegner in jeder Sekunde ernst nehme“, sagt er. Gegen die Ansteckungsgefahr kämpfen andere für ihn, gegen Cospolite ist Jack Culcay, der mit einem Sieg seinem Ziel, noch einmal um die WM zu kämpfen, näher kommen würde, allein gefordert. Und deshalb tut er gut daran, Gelassenheit zu bewahren, sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren – und nicht auf die historischen Begleitumstände.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Sport