Hamburg macht fit

Boxen: Der Sport, der Muskeln und Geist fordert

| Lesedauer: 6 Minuten
Björn Jensen
Olaf Jessen (54) gibt aus dem Ring seines Hankook-Sportstudios virtuelles Boxtraining.

Olaf Jessen (54) gibt aus dem Ring seines Hankook-Sportstudios virtuelles Boxtraining.

Foto: Roland Magunia

„Hamburg macht sich fit“ – mit einer Sportart, die wie keine andere von Kopf bis Fuß den gesamten Körper trainiert.

Hamburg. Um es vorwegzunehmen: Dies ist keine Anleitung dafür, die in der Coronaquarantäne aufgestauten Aggressionen auf der Straße abzubauen. „Hamburg macht sich fit“, so heißt diese Serie, in der das Abendblatt Sportarten vorstellt, die man in häuslicher Isolation oder allein an der frischen Luft betreiben kann. Und so geht es im heutigen Teil auch nicht um das Wettkampfboxen mit Gegner in einem Ring, sondern um Fitnessboxen – also gewissermaßen Faustkampf ohne Kampf.

Wer Michael Ehnert nach den Effekten des Boxens auf die körperliche Fitness befragt, der erhält als Antwort eine Lobeshymne. Das mag wenig überraschen, wenn man weiß, dass der 57-Jährige viele Jahre leitender Arzt im Hamburger Profistall Universum war und bis heute als Vertrauensarzt im Bund Deutscher Berufsboxer (BDB) fungiert.

Aber weil Ehnert als Leiter des Instituts für Sportmedizin und Prävention an der Asklepios-Klinik St. Georg Athletinnen und Athleten aller Sportarten betreut, ist ihm Neutralität wichtig. Dennoch sagt er: „Es gibt keinen Sport, auf den der Begriff der Ganzheitlichkeit besser passt als auf das Boxen. Kein anderer Sport bietet eine solch umfassende Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit.“

Mitnichten braucht der Boxer nur seine Fäuste

„Boxen spricht alle Muskelgruppen an. Man übt sich in der Beweglichkeit des gesamten Körpers, man arbeitet an Schnelligkeit und Koordination, verbessert Kraftausdauer und Kondition. Es ist ein hoch anspruchsvoller Sport, der zudem auch den Geist extrem fordert und deshalb dafür sorgt, dass man zu Ausgeglichenheit und tiefer innerer Ruhe finden kann“, sagt Ehnert. Und das kann wohl jeder bezeugen, der einmal eine Boxtrainingseinheit hinter sich gebracht hat. Weil man jede Sekunde auf die koordinativen Abläufe konzentriert sein muss, macht Boxen den Kopf frei – solange dieser nicht schwer getroffen wird.

Dass das Ihnen als Anfänger nicht passieren kann, dafür sorgen Menschen wie Olaf Jessen. Der 54-Jährige leitet das Hankook-Sportcenter am S-Bahnhof Langenfelde. Seit der Schließung aller Sportanlagen am 16. März hat der zertifizierte Boxcoach keine Einnahmen mehr, was ihn besonders hart trifft, nachdem er wegen einer Brandstiftung mit fast sechsstelligem Schadenswert am Neujahrstag sein Geschäft sechs Wochen lang nicht hatte öffnen können.

Doch das, was einen guten Wettkämpfer auszeichnet, verkörpert auch Olaf Jessen: Einmal mehr aufstehen, als man zu Boden geht. Auf der Hankook-Facebookseite bietet er dreimal wöchentlich – montags, mittwochs und freitags um 18 Uhr – ein virtuelles Livetraining an, das auf dem Hankook-YouTube-Kanal archiviert wird. Und das nicht nur für seine Mitglieder, sondern kostenfrei für alle, und damit auch für die Abendblatt-Leser, die erste Boxerfahrung sammeln möchten.

Nach 30 Minuten Boxtraining sind Anfänger ausgepumpt

„Wichtig ist, dass das Training niedrigschwellig ist und jeder die Übungen mitmachen kann. Wir trainieren 30 Minuten durch, danach sind Anfänger ausgepumpt. Die, die besser trainiert sind, können dann in Eigenregie weitermachen oder zusätzlich eine frühere Videoeinheit wiederholen“, sagt Jessen, der im Ring seines Studios von seiner Ehefrau Susanne gefilmt wird. Den Platz im Ring, auf dem er die Übungen vormacht, hat er extra auf rund zweimal 1,5 Meter verkleinert. „Das reicht, und so viel Platz ist in der kleinsten Wohnung“, sagt er.

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Elementar ist ein Aufwärmprogramm mit lockeren Geh- oder Sprungübungen auf der Stelle, um den Kreislauf hochzufahren. Anschließend folgen grundlegende Technikübungen, bei denen die Neulinge den Unterschied zwischen Führhand und Schlaghand erfahren und die Grundschläge Gerade, Aufwärts- und Seitwärtshaken exerzieren. Auch koordinative Übungen, wie zum Beispiel das Ausführen der Grundschläge bei gleichzeitigem Überkreuzspringen, lässt Jessen nicht aus.

Dazu kommen Anleitungen dahingehend, wie man im Falle eines späteren Partnertrainings oder gar Wettkampfes seine Deckung geschlossen halten und Schlägen ausweichen kann. Alles macht er vor und gibt Ratschläge zur korrekten Ausführung. „Anfänger sollten sich immer anleiten lassen, nach Corona gern in einem der vielen Hamburger Vereine oder Studios, und bis dahin per Videocoaching“, sagt Jessen.

Anfänger sollten nie ohne Anleitung Boxen betreiben

Michael Ehnert kann das nur unterstreichen. „Wer die Übungen nicht korrekt ausführt, beispielsweise beim Schlagen die Ellbogen überstreckt, riskiert Gelenkschäden, aber auch Muskelprobleme, Sehnenrisse oder sogar Knochenbrüche“, sagt er. Ein Spiegel helfe, die korrekte Haltung und Ausführung zu überprüfen. Fortgeschrittene könnten auch zu Partnerübungen übergehen. Dazu reiche es, sagt Olaf Jessen, als Ziel die flachen Handflächen entgegenzustrecken, sofern die Schlaghärte des Gegenübers auszuhalten sei. Alternativ könne man sich auch mittels Gummibändern Kissen an den Handgelenken fixieren, um Pratzen zu simulieren.

Handschuhe oder anderes Zubehör wie Kopf- oder Zahnschutz sind für das Fitnessboxen im Homeoffice nicht notwendig. „Man benötigt nicht einmal Schuhe, kann die Übungen auf Socken oder barfuß mitmachen“, sagt Ehnert. Voraussetzung sei allerdings eine belastbare Physis und eine gute Grundlagenbeweglichkeit. Völlig Untrainierte sollten lieber zunächst auf Walking oder Radfahren setzen.

Grundlagentraining dauert einige Wochen

Wer das Grundlagentraining über einige Wochen durchgezogen hat, der kann sich im nächsten Schritt auch ohne Anleitung im Schattenboxen oder am Sandsack trimmen. „Boxen eignet sich bestens als Sportart, die man allein ausüben kann“, sagt Olaf Jessen. Dennoch hofft er, dass die Regeln möglichst schnell gelockert werden und er seine Schülerinnen und Schüler wieder analog anleiten kann.

„Mir fehlt der persönliche Kontakt sehr, auch wenn das Feedback, das ich auf das virtuelle Training bekomme, enorm ist. Wenn ich auf diesem Weg helfen kann, dass es den Menschen in der Krise besser geht und sie fit bleiben, dann ist das mehr wert als Geld. Aber nichts ersetzt den persönlichen Kontakt“, sagt er. Das stimmt – aber eine Anleitung zum Fitwerden und Fitbleiben ist das virtuelle Boxtraining dennoch.

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