Hamburg

Was die Sportart Badminton erfolgreich macht

Leona Michalski und Thuc Phuong Nguyen (Bildhintergrund rechts) zählen zu Hamburgs Toptalenten im Badminton.

Leona Michalski und Thuc Phuong Nguyen (Bildhintergrund rechts) zählen zu Hamburgs Toptalenten im Badminton.

Foto: Michael Rauhe

Schnellste Ballsportart der Welt erhielt bei Potenzialanalyse Bestnoten. Besuch im Hamburger Leistungszentrum zeigt, warum.

Hamburg. Er wusste, dass sein Sport gut aufgestellt ist. Aber dass Badminton aus der kürzlich veröffentlichten Potenzialanalyse (PotAS), mit deren Auswertung der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und das Bundesinnenministerium künftig die Vergabe von Fördergeldern zielgerichteter steuern wollen, als nationale Nummer eins hervorgehen würde, das hat Wolfgang Wienefeld dann doch überrascht. „Ich habe erwartet, dass wir im oberen Drittel stehen, aber nicht ganz oben“, sagt der 62-Jährige, der seit zehn Jahren den Hamburger Badmintonverband (HBV) ehrenamtlich als Präsident anführt.

Wer verstehen will, warum der nationale Dachverband DBV in den Kategorien „Struktur“ und „Kaderpotenzial/Leistungsentwicklung“ Bestwerte erreichte, der kann den HBV als Blaupause heranziehen. Drei Bundesstützpunkte gibt es in der schnellsten Ballsportart der Welt – der malaysische Profi Tan Boon Heong (32) schmetterte 2013 den Federball mit 493 Stundenkilometern übers Netz. In Mülheim an der Ruhr trainieren die Einzelspieler, in Saarbrücken die Doppelspieler. Der erfolgversprechendste Nachwuchs des Landes, rund 70 Athleten, hat seine Heimat am Gravensteiner Weg im Hamburger Stadtteil Dulsberg, in unmittelbarer Nähe zum Olympiastützpunkt auf dem Gelände der Eliteschule des Sports am Alten Teichweg.

Einzigartiges Modell

Die Nähe zu diesen Einrichtungen hält Fabian Gruss für einen der wichtigsten Trümpfe. Der 29-Jährige ist seit Juli 2018 einer von drei Vollzeittrainern am HBV-Leistungszentrum, dort als Nachwuchskoordinator verantwortlich für das Verbundsystem Schule/Leistungssport. „Diese Verbindung ist in Hamburg im deutschen Badminton einzigartig“, sagt er. Das sieht auch Ben Caldwell so. Der Brite, seit drei Jahren verantwortlicher Landestrainer in Hamburg, sagt: „Die Flexibilität, die die Eliteschule unseren 23 Kaderspielern bietet, habe ich an keinem anderen Standort erlebt.“ Der 37-Jährige, der Erfahrungen aus seiner Heimat, Irland und Spanien einbringt, hat festgestellt, „dass die Spitzenathleten hier bis zu 30 Prozent mehr trainieren können, weil die Wege so kurz sind. Außerdem können sie mehr Turniere spielen, weil die Schule sie freistellt. Das ist ein großer Vorteil.“

Diese Struktur bringt messbare Erfolge mit sich. „Vor fünf Jahren haben wir im Bereich der Altersklassen U15 bis U19 vier Titel bei den deutschen Meisterschaften geholt. Am vergangenen Wochenende in Mülheim waren es fünf“, sagt Wolfgang Wienefeld. Ein gutes Drittel der Nationalmannschaft besteht aus in Hamburg ausgebildeten Akteuren wie Yvonne Li (21), Isabel Herttrich (27) und den Doppelspielern Jan-Colin Völker (21) und Bjarne Geiss (22), die mittlerweile an den Stützpunkten in Mülheim und Saarbrücken trainieren.

Zwei Toptalente aus Hamburg

In Hamburg gibt es mit Thuc Phuong Nguyen (16), gerade als Hamburgs Talent des Jahres ausgezeichnet, und Matthias Kicklitz (17), die in Mülheim gemeinsam im Mixed siegten, zwei Toptalente, die zur Spitze ihrer Altersklasse zählen. Dazu kommt die aus Nordrhein-Westfalen zugezogene Doppelspezialistin Leona Michalski (17), die am Wochenende ebenso wie Kicklitz, der dazu noch im Doppel triumphierte, den Einzeltitel holte.

Der HBV hat sich strukturell gut aufgestellt und ein Trainerteam, das sehr zielorientiert arbeitet.

Ingrid Unkelbach, Leiterin des Olympiastützpunktes Hamburg

Die Arbeit des HBV beeindruckt auch Ingrid Unkelbach. Die Leiterin des Olympiastützpunktes sagt: „Der HBV hat sich sehr gut entwickelt. Sie haben sich strukturell gut aufgestellt und ein sehr gutes Trainerteam zusammengestellt, das sehr zielorientiert arbeitet. Das Ergebnis sind viele aufstrebende Talente, die in ihren Jahrgängen national, aber auch international auf sich aufmerksam machen.“ Zudem nutze der Verband alle Möglichkeiten des Verbundsystems Schule/Leistungssport bis hin zu allen Serviceleistungen, die der OSP zu bieten hat, konsequent aus.

Hartes Training

Dass schon U-17-Spieler achtmal pro Woche leistungsbezogen trainieren können, sei der Einsatzbereitschaft des Trainerstabs, zu dem neben Caldwell und Gruss noch der Niederländer Eric Pang und die Chinesin Yao Jie zählen, zuzurechnen, sagt Wolfgang Wienefeld. Eine wichtige Rolle spielen aber auch die rund 50 Vereine, die in Hamburg die im Schulsport verankerte, seit 1992 zum olympischen Programm zählende Sportart anbieten.

„Die Vereine sind ein ganz wichtiger Bestandteil, weil sie die Grundlagenausbildung leisten“, sagt Fabian Gruss. Mit dem TSV Trittau gibt es in der Metropolregion sogar einen Bundesligisten, dessen zweite Mannschaft ebenso wie der Horner TV in der Zweiten Liga aufschlägt. 3500 Menschen spielen in 25 Jugend- und rund 70 Erwachsenenteams organisiert Badminton, in Deutschland sind es insgesamt rund 100.000.

Thorsten Flatow leitet in Horn die 110 Mitglieder starke Badmintonsparte. Dort sind die meisten am Leistungszen­trum trainierenden Nachwuchsasse Mitglied. „Wir können ihnen dank unserer Zweitligamannschaft bieten, sie früh in den Erwachsenen-Leistungsbereich zu integrieren, profitieren aber auch extrem von der Arbeit im Verband“, sagt Flatow. Die Rolle der Vereine als Zulieferer für die Leistungszentren sieht er kritisch. „Wir schaffen das dank engagierter Trainer noch ganz ordentlich, aber viele andere leiden daran, dass es immer weniger ehrenamtliche Helfer und immer knappere Hallenkapazitäten gibt“, sagt er.

Der Verband wünscht sich eine eigene Trainingshalle

Die fehlenden Trainingsmöglichkeiten treiben auch die HBV-Verantwortlichen um. „Wenn wir uns etwas wünschen dürften, um unsere Strukturen zu optimieren, dann wäre es eine eigene Halle“, sagt Wolfgang Wienefeld. Aktuell teilt man sich die Räumlichkeiten mit dem Volleyballverband. „Die Absprachen sind nicht immer einfach, es fehlt gerade in den Vereinen auch an Trainern, die an Nachmittagen die Einheiten abdecken und die Jugend motivieren und anziehen können“, sagt Fabian Gruss.

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Zur Potenzialanalyse zählt noch eine dritte Kategorie, der „Erfolg“, der erst nach den Olympischen Sommerspielen in Tokio (24. Juli bis 9. August) in die Gesamtbewertung einfließt. Da die asiatischen Nationen wie China, Japan, Südkorea, Indonesien oder Malaysia, wo Badminton Volkssport ist, uneinholbar scheinen, dürfte sich die PotAS-Platzierung des DBV noch einmal relativieren.

„Wir werden weiterhin alles dafür tun, um unseren Beitrag zu leisten, Badminton in Deutschland erfolgreicher und bekannter zu machen“, sagt Wolfgang Wienefeld. Wenn das weiterhin so funktioniert wie zuletzt, dürfte mittelfristig niemanden mehr überraschen, dass der Badmintonverband Bestnoten erhält.