Hockey

„Der Verband muss die Vereine ernster nehmen“

Markus Weise
(56) war mit
den deutschen
Hockeydamen
und -herren
Olympiasieger.

Markus Weise (56) war mit den deutschen Hockeydamen und -herren Olympiasieger.

Foto: Witters

Der dreimalige Olympiasieger Markus Weise stellt sich im Streit im Deutschen HockeyBund gegen eine Ligareform.

Hamburg.  Der Führungsstreit im Deutschen Hockey-Bund (DHB) schlägt weiter hohe Wellen. In der vergangenen Woche hatten vier ehemalige Bundestrainer in einem offenen Brief die Zustände angeprangert und Lösungen aufgezeigt. Einer von ihnen: Markus Weise, der einzige Coach, der mit Damen (2004) und Herren (2008/2012) Olympiagold gewinnen konnte. Im Abendblatt erklärt der 56-Jährige, warum er eine Neuordnung in Präsidium und Vorstand befürwortet und wieso die Gründung eines eigenen Ligaverbands den gesamten Sport negativ beeinflussen würde.

Herr Weise, Sie arbeiten seit drei Jahren in der Akademie des Deutschen Fußball-Bundes als Abteilungsleiter Entwicklung und Innovation. Was gehen Sie die Entwicklungen im deutschen Hockey noch an?

Markus Weise: Beruflich gar nichts. Aber Hockey ist für meine Mitstreiter und mich eine Herzensangelegenheit. Das Interview von DHB-Ehrenpräsident Stephan Abel im Abendblatt war der Auslöser, dass wir uns zu Wort gemeldet haben, denn wir fanden es unglücklich, dass sich ein Ehrenpräsident in solcher Form in Position bringt. Dennoch ist die Initiative grundsätzlich wichtig und richtig, es muss vieles deutlich besser werden im DHB. Nur die vorgeschlagenen Lösungswege finde ich zum Teil falsch.

Allerdings teilen Sie die auch von Abel geäußerte Kritik, dass es dem DHB an Führung fehlt und zu viele Aufgaben auf zu wenige Schultern verteilt sind. Namentlich nannten Sie Remo Laschet, Vizepräsident Finanzen und Recht, sowie Sportdirektor Heino Knuf als für alle Leistungssportthemen Verantwortlichen. Laschet hat nun angekündigt, auf dem Bundestag am 25. Mai nicht erneut zu kandidieren. Wird jetzt alles gut?

Weise: Natürlich nicht. Unsere Kritik ist auch weniger an Personen geknüpft, wir haben die Namen als Beispiele genannt, dass zu viel Arbeit von zu wenigen Personen zu schultern ist. Das führt zu Reibungsverlusten und wenig hilfreicher Lagerbildung, wie wir sie aktuell erleben.

Wie ist das zu verbessern?

Weise: Wir brauchen einen arbeitsfähigen Vorstand mit mehr als den aktuell drei Mitgliedern, der mehr Geld kostet, als bislang dafür vorgesehen ist. In diesem Vorstand müssen stimmberechtigte Vertreter der Bundesliga und der Nationalteams sitzen, um auf Augenhöhe miteinander kommunizieren zu können. Dazu braucht man ein Präsidium, das als fähiger Aufsichtsrat fungiert.

Funktionieren wird Ihrer Meinung nach auch der Plan nicht, die Bundesligen in einen eigenen Ligaverband auszugliedern. Was stört Sie daran?

Weise: Ich glaube, dass uns das langfristig auf die Füße fallen würde. Wenn die Vereine Vorrang vor den Nationalteams erhalten und selbst über die Abstellung der Auswahlspieler entscheiden können, schwächt das die Nationalteams. Unsere Stärke war immer, dass wir viel Zeit für zentrale Auswahlmaßnahmen hatten, um auf höchstem Niveau zu trainieren. In diesen sogenannten „Schweinelehrgängen“ mit großen Kadern haben wir mit der stärksten Trainingsgruppe Leistungs- und Teamentwicklung betrieben. Die Vereine argumentieren, dass das Training auf Clubebene auch top sei. Hier hat sich zweifellos unglaublich viel getan. Trotzdem sehe ich nach wie vor eine Lücke im Vergleich von internationalem Spitzenniveau und der Liga. Und diese Lücke wird ganz sicher nicht durch mehr Marketing geschlossen.

In vielen anderen Sportarten gibt es aber eigene Ligaverbände, die den Vereinen in der Vermarktung geholfen haben.

Weise: Ja, auf Kosten der Nationalteams. Nehmen Sie das Beispiel Handball. Die Bundesliga wird gern als beste Liga der Welt bezeichnet, aber die Nationalmannschaft hat dieses Niveau über viele Jahre nicht widergespiegelt. Das liegt vor allem daran, dass die Clubs zu wenig Rücksicht auf die Auswahl nehmen und die Liga vor und nach großen Turnieren viel zu kurz pausiert. Ich sehe auch nicht, dass sich im Hockey die Vereine in Abspaltung vom Verband besser vermarkten könnten. Hockey hat nun einmal keinen großen Markt. Wir brauchen clevere Lösungen, und die liegen in der gemeinsamen Anstrengung von Verband und Vereinen.

Aber die Clubs fühlten sich zuletzt vom DHB oft übergangen und allein gelassen, haben viel weniger Zugriff auf ihre Nationalspieler, obwohl sie sie bezahlen. Verstehen Sie diese Sorgen?

Weise: Natürlich, deshalb plädieren wir ja auch dafür, dass wieder deutlich mehr und vor allem auf Augenhöhe kommuniziert wird. Der Verband muss die Vereine noch deutlich ernster nehmen. Am Ende müssen allerdings beide Seiten im Sinne einer gelebten Streitkultur Kompromisse machen und auf Dinge verzichten, aber eine gemeinsame Anstrengung ist definitiv besser als ein singuläres Leiden.

Bei so viel fundierter Kritik stellt sich noch eine Frage: Warum engagieren Sie und Ihre Mitstreiter sich nicht wieder im Verband? Ist das utopisch?

Weise: Nein, utopisch ist das nicht. Wir haben einen konstruktiv-kritischen Impuls bewusst jetzt gesetzt, um die DHB-Mitglieder rechtzeitig vor dem Bundestag für die Lage zu sensibilisieren, damit sie und nicht einfach nur den Status quo abnicken. Wir vier Ehemaligen wollen, dass es echte Alternativen gibt, aus denen die Mitglieder wählen können. Wir streben alle kein Amt an, wir können uns jedoch eine inhaltliche Mitarbeit in verschiedenen Bereichen vorstellen, wenn sie gewünscht wird.