Anonymer Brief

„Dem deutschen Hockey fehlt es an Führung“

Freund klarer Worte: Ehrenpräsident
Stephan Abel (65).

Freund klarer Worte: Ehrenpräsident Stephan Abel (65).

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Das Klima im Verband ist vergiftet, der Ruf hat gelitten. Ehrenpräsident Stephan Abel benennt die Defizite und plant einen Neustart.

Hamburg.  Seit ein anonymer Briefschreiber Ende Januar Misswirtschaft, Klüngelei und Angst anprangerte, herrscht im Deutschen Hockey-Bund (DHB) Aufruhr. Ehrenpräsident Stephan Abel (65), von 2005 bis 2015 Verbandschef, nimmt dazu Stellung und kündigt Konsequenzen an.

Herr Abel, der DHB hat sich stets als große Hockeyfamilie dargestellt. Dass es in Familien auch mal Streit gibt, ist nicht unüblich. Was aber sagt es über das Innenverhältnis, wenn dieser Streit anonym geführt werden muss?

Stephan Abel: Ich finde die Art und Weise, wie die Kritik geäußert wurde, falsch. Inhaltlich stehen allerdings in dem Brief einige wichtige Dinge. Dass es eine solch negative Stimmung geben könnte, hätte ich nicht für möglich gehalten, und ich habe so etwas in meinem Funktionärs- und Berufsleben noch nicht erlebt. Dass sich der Kritiker nicht getraut hat, zu seiner Kritik offen zu stehen, zeigt mir, dass es um das Klima im Verband nicht gut bestellt ist ist. Und das ist sicherlich auch teilweise das Verschulden der heutigen Führung.

Was werfen Sie Ihrem Nachfolger Wolfgang Hillmann vor?

Abel: Es liegt mir fern, Wolfgang Hillmann persönlich Vorwürfe zu machen. Es geht mir um das Verhalten der gesamten aktuellen Führungscrew, egal ob Haupt- oder Ehrenamt. Es fehlt mir an Bereitschaft, Dinge signifikant zu verändern. Mir fehlt richtungweisende Führung des aktuellen Verantwortlichen, der verschiedene Dinge einfach geschehen lässt und mangelnde Kritikfähigkeit zeigt. Das gegenseitige Vertrauen im Team ist meiner Ansicht nach nicht ausreichend vorhanden. Weder zwischen den Führungskräften in Präsidium und Vorstand noch zwischen der DHB-Führung und der Hockeyfamilie. Das ist eine ausgesprochen bedenkliche Lage.

Am vergangenen Wochenende sollen Sie auf einer Struktursitzung des Präsidiums sehr laut geworden sein. Was waren Ihre Vorwürfe?

Abel: Ich sehe es als Pflicht eines Ehrenpräsidenten an, Dinge offen anzusprechen, deshalb habe ich klare Worte gefunden, die teils vielleicht etwas zu drastisch waren. Mir fehlt vor allem die Bereitschaft zur Selbstkritik. Außerdem gibt es keine klare Linie, für welche Inhalte der DHB stehen und kämpfen will. Deshalb fordere ich inhaltliche, strukturelle und personelle Veränderungen.

Was fehlt Ihnen inhaltlich?

Abel: Eine klare Linie, wie wir die Zukunft des Hockeys in Deutschland gestalten wollen. Wir sind ein Verband der Vereine, doch die meisten Clubs werden bei strategischen Themen nur unzureichend einbezogen. Es geht häufig nur noch darum, wie die Nationalteams aufgestellt werden müssen und wie die Vereine, die Nationalspieler stellen und nicht unwesentlich finanziell unterstützen, und die Spieler selber mit der immer größer werdenden Belastung durch die vom Weltverband vorgegebenen Termine umgehen sollen. Nicht ausreichend durchdachte Ideen des Weltverbands, wie zum Beispiel die Einführung der FIH Pro League, werden von der Führung nicht ausreichend hinterfragt. Unter meiner Führung hätten wir eine Teilnahme daran zumindest kritischer hinterfragt.

Was fehlt strukturell?

Abel: Die Bundesligisten planen eine Reform, wollen einen eigenen Ligaverband gründen. Ich halte das für eine wichtige Initiative, aber nicht unbedingt für notwendig, weil der DHB selbst mit einer professionelleren Struktur für einen professionellen Spielbetrieb sorgen könnte. Außerdem ist von unseren gut 300 Vereinen nur ein Zehntel von dieser Reform betroffen. Was ist mit den anderen? Darum müssen wir uns als DHB kümmern. Zudem brauchen wir eine Reform der Landesverbände, da sind wir nicht mehr zeitgemäß. Aber zu all diesen Dingen gibt es keine Vorschläge, keine Visionen. Nach der Struktursitzung wurde ein Zehnpunkteplan ins Internet gestellt, der so auch bereits vor zehn Jahren hätte geschrieben werden können. Verbessert wird dadurch aus meiner Sicht nichts Substanzielles.

Bleibt der Bereich Personal. Sie kritisieren vor allem Ihren Nachfolger. Im Verband jedoch wird Remo Laschet, der Vizepräsident Finanzen und Recht, deutlich kritischer gesehen. Es heißt, er sei der heimliche Präsident, habe ein Klima der Angst geschaffen und mit der Vergabe der Vermarktung an eine ihm nahestehende Agentur sogar gegen DOSB-Richtlinien verstoßen. Wie schätzen Sie das ein?

Abel: Ich bin seit Jahren mit Remo Laschet sehr eng befreundet und habe in der Vergangenheit mit ihm stets sehr gut zusammengearbeitet. Ich finde es unfair, ihm vorzuhalten, er mache den Verband kaputt, denn wenn es eine Führung gäbe, wäre so etwas gar nicht möglich. Dass Remo zusammen mit den anderen Präsidiumsmitgliedern nach der Entlassung des dafür zuständigen Vorstandsmitglieds Jan Fischer, die für mich nicht vollständig nachvollziehbar war, die Vermarktungsprobleme mit einer im eigenen Umfeld agierenden Agentur gelöst hat, war ein wenig unsensibel, das habe ich ihm auch gesagt. Aber die Probleme im DHB sind darin nicht begründet.

Am 25. Mai wird auf dem Bundestag das Präsidium neu gewählt. Stehen Sie bereit, um noch einmal Präsident des DHB zu werden?

Abel: Ich bin von vielen darauf angesprochen worden, bin aber überzeugt davon, dass es ein falsches Signal wäre, selbst wenn es einen Rückhalt in der Hockeyfamilie gäbe. Das könnte so interpretiert werden, dass ich zeigen wollte, was verbesserungsfähig ist. Das steht mir als Ehrenpräsident nicht zu. Ich sehe es als meine vornehmliche Aufgabe an mitzuhelfen, das Profil unseres Verbandes zu alter Stärke zurückzuführen.

Aber das tun Sie doch nicht damit, dass alles so bleibt, wie es ist.

Abel: Nein. Wer Kritik übt, muss auch Verbesserungsvorschläge machen oder sich bemühen, Strukturen zu initiieren, um es besser zu machen. Es gibt eine lose Gruppe an Personen, die genau das tun will. Wir finden uns gerade zusammen und werden mit deutlichem Vorlauf, nicht erst auf dem Bundestag, ein Programm und eine neue, denkbare Struktur vorstellen. Es sollte auf dem Bundestag eine Alternative geben, denn der Ruf des DHB hat leider bereits jetzt gelitten. Deshalb müssen alle, denen der Hockeysport am Herzen liegt, aus ihrer Lethargie herauskommen, die richtigen Schlüsse ziehen und sich einbringen. Wir müssen die Mitglieder unseres Verbandes wieder vereinen und alle auf einem überzeugenden Weg mitnehmen. Das sind wir Hockey-Deutschland schuldig.