Pro League

Für acht Hockeyspiele einmal durch die Welt

Die neue Pro League bringt den Nationalspielern große Belastungen. UHC-Torjägerin Charlotte Stapenhorst erläutert die Problematik.

Hamburg.  Australien, Neuseeland, Argentinien, China, das alles innerhalb von vier Wochen. Was sich anhört wie der Schnelldurchlauf von „In 80 Tagen um die Welt“, wird für Charlotte Stapenhorst zur ultimativen Belastungsprobe. Die 23 Jahre alte Hockey-Nationalspielerin, die in der Bundesliga für den Uhlenhorster HC aufläuft, tritt mit den deutschen Damen eine Reise ins Ungewisse an. Das, was auf die Auswahlteams der Damen und Herren zurollt in den kommenden Monaten, ist in seinen Ausmaßen noch nicht abzuschätzen. Klar ist jedoch, dass die neue Idee des Weltverbands FIH die Belastung der Besten in eine neue Dimension führt.

Die Idee trägt den Namen Pro League und feierte am 19. Januar in Spanien Premiere. Die deutschen Mannschaften starten an diesem Sonntag in Hobart gegen Australien in die neue Liga. Diese soll den stärksten Nationalteams der Welt die Möglichkeit geben, auch außerhalb von Großereignissen wie WM oder Olympia auf höchstem Niveau in Wettkämpfen gegeneinander anzutreten. Und das nicht, wie in Vorgängerformaten wie Champions Trophy und World League, in Turnierform, sondern in Heim- und Auswärtsspielen.

Je acht bestreiten die Damen, die Herren nach dem kurzfristigen Rückzug Pakistans nur je sieben. Diese werden, so der Plan für die kommenden vier Jahre, jeweils in der ersten Jahreshälfte ausgetragen, anschließend gibt es Ende Juni eine Final-Four-Finalrunde, die 2019 in den Niederlanden stattfindet. Die Finalisten haben als Bonus Heimrecht in zwei Olympia-Qualifikationsmatches. Alle Teilnehmer sammeln Punkte für die Weltrangliste, die sich auf die Ansetzung von Olympia- oder WM-Qualifikationsspielen auswirkt.

Großartige Vermarktungschancen

Für die teilnehmenden Verbände soll sich die Pro League allerdings nicht nur sportlich lohnen. „Die garantierten Heimspiele gegen Topteams bieten großartige Vermarktungschancen. Fast 200 Länder zeigen die Spiele live“, sagt Delf Ness, der beim Weltverband noch bis Ende dieses Monats die Bereiche Marketing und Kommunikation führt. In Deutschland zeigt der bezahlpflichtige Internet-Streamingdienst DAZN alle deutschen Spiele live. Für die Heimspiele in Krefeld und Mönchengladbach (Termine siehe Grafik) erhofft sich der Deutsche Hockey-Bund (DHB), die angepeilte FIH-Vorgabe von 5000 Fans pro Match zu erreichen. Dass es daran ebenso Zweifel gibt wie an der Vermarktbarkeit, stört in der Verbandsführung niemanden. „Die Teilnahme ist alternativlos, wenn man im Welthockey den Anschluss nicht verlieren will“, sagt Präsident Wolfgang Hillmann.

Was die Teilnahme allerdings für die Aktiven bedeutet, kann erahnen, wer das Programm kennt, das Charlotte Stapenhorst exemplarisch erläutert. Nach dem Auftakt im australischen Bundesstaat Tasmanien geht es am Tag darauf weiter nach Christchurch, wo es am 15. Februar gegen Neuseeland geht. Wieder einen Tag später fliegt man durch neun Zeitzonen nach Buenos Aires, wo am 22. Februar das Duell mit Argentinien wartet, ehe das Team nach Europa zurückkehrt. Fünf Tage später bricht der Tross dann nach Changzhou auf, um am 6. März in China anzutreten.

EM-Endrunde Ende August

Nach der Rückkehr wartet für Torjägerin Stapenhorst die Vorbereitung auf die Bundesliga-Rückrunde mit dem UHC, die Ende März beginnt. Vor den ersten Pro-League-Heimspielen steht über Ostern der Europapokal in den Niederlanden an. Nach der Endrunde um die deutsche Meisterschaft Mitte Mai folgen die nächsten Pro-League-Heimspiele, abgeschlossen wird die neue Liga mit einem Trip in die USA und eventuell der Finalrunde in Amsterdam. Und Ende August steht dann in Belgien bereits die EM-Endrunde an.

Wo in diesem Terminkalender Zeit zur Erholung bleibt, oder gar, um das berufliche Fortkommen voranzutreiben? Stapenhorst hat darauf auch noch keine Antwort. „Die Gefahr, dass dadurch die Spieler verheizt werden, ist groß. Ich fühle mich schon zerrissen, weil ich mich dem Verein und dem Nationalteam verpflichtet fühle“, sagt sie. „Für mich ist die Situation vergleichsweise komfortabel, da ich im Nationalteam zu den Gesetzten zähle. Aber wenn die, die um ihren Platz kämpfen müssen, alles andere aufgeben und dann scheitern, werden sich immer mehr Spieler fragen, ob es das noch wert ist.“

Körperliche Strapazen abmildern

Zwar versucht der Verband, die körperlichen Strapazen abzumildern. Die Pro-League-Kader dürfen bis zu 32 Athleten betragen, sodass die Bundestrainer Stefan Kermas (Herren) und Xavier Reckinger viel rotieren können. Für die Überseereisen haben die Ärzte Schlafpläne an die Spieler verteilt und dürfen mit Schlafmedikamenten unterstützen. Welche Folgen die Belastung haben wird, bleibt dennoch abzuwarten.

Charlotte Stapenhorst kann die erste Pro-League-Saison nur durchziehen, weil sie als Architekturstudentin ihre Zeit gut einteilen kann. Das trifft auf die meisten deutschen Auswahlspieler zu. „Wer aber arbeitet oder gar Familie hat, kann das nicht durchziehen. Ich mache das, weil ich das Gefühl, in der Gemeinschaft für Deutschland zu spielen, so sehr liebe“, sagt sie. Sich einmal wie ein Profi fühlen zu können, der sich einzig auf seinen Sport fokussiert, sei spannend. „Leider werden wir nur nicht so bezahlt“, sagt sie. Eine Siegprämie gibt es in der Pro League nur für die vier Finalisten, Gehalt zahlt der DHB nicht. Und so bleibt den Aktiven nichts anderes, als die Belastungsprobe als das zu sehen, was sie für Charlotte Stapenhorst ist: eine Frage der Ehre.