Auswärtsspiel des HSV

Motivation der BVB-Stars für Hamburg ist gering

Alte Liebe rostet nicht: Jürgen Klopp tröstet seine früheren Dortmunder Schüler Marcel Schmelzer und Mats Hummels

Alte Liebe rostet nicht: Jürgen Klopp tröstet seine früheren Dortmunder Schüler Marcel Schmelzer und Mats Hummels

Foto: Bernd Thissen / dpa

Nach dem dramatischen Ausscheiden aus der Europa League in Liverpool muss Borussia Dortmund seine Saison retten. Jetzt kommt der HSV.

Dortmund.  Text und Bild stimmten perfekt überein. „Ziemlich beschissen“, fühle er sich, das gab Hans-Joachim Watzke am Freitagnachmittag zu Protokoll. Und tatsächlich machte der Geschäftsführer von Borussia Dortmund einen ebenso beklagenswerten Eindruck wie die übrige Delegation, die gerade mit dem Sonderflug TK 3344 aus Liverpool zurückgekehrt war. Hängende Köpfe, hängende Schultern, leere Blicke – die 3:4-Niederlage vom Vorabend wirkte deutlich nach.

Dabei schmerzte nicht nur das Ergebnis an sich und das damit verbundene Ausscheiden aus der Europa League, sondern vor allem die Art und Weise. 2:0 und 3:1 hatte der BVB geführt, um dann den Ausgleich und in der Nachspielzeit das entscheidende Gegentor hinzunehmen. Liverpools Trainer Jürgen Klopp, der vor genau einem Jahr unter großen Emotionen seinen Rücktritt beim BVB verkündet hatte, stand wie paralysiert an der Seitenlinie. „Ich konnte nicht glauben, dass der Ball wirklich drin war“, sagte Klopp.

BVB-Drama in Liverpool:

BVB findet kaum eine Erklärung

Auch am Tag danach konnten die Verantwortlichen kaum glauben, was an der Anfield Road passierte. „Es fällt noch sehr schwer, das zu erklären“, sagte Sportdirektor Michael Zorc am Gepäckband des Dortmunder Flughafens. Verschiedene Ansätze kursierten in der Dortmunder Reisegruppe: Man habe sich vielleicht zu sicher gefühlt nach dem 3:1, mutmaßten die einen. Man habe sich einschüchtern lassen vom infernalisch lautstarken Liverpooler Publikum und der aggressiven Spielweise der Hausherren, meinten andere.

Sicher war, dass der BVB nach einer starken Anfangsviertelstunde und zwei Toren durch Henrikh Mkhitaryan und Pierre-Emerick Aubameyang komplett die Linie verloren hatte. Liverpool hätte schon in der ersten Halbzeit zum Ausgleich kommen können, kurz nach der Pause traf dann Divock Origi. Marco Reus schien dann mit seinem 3:1 die Weichen endgültig aufs Weiterkommen gestellt zu haben. „Sowas gibt einem normalerweise Sicherheit“, sagte Julian Weigl. Aber an diesem Abend war nichts normal. Liverpool brauchte nun drei Treffer in einer knappen halben Stunde – und rannte einfach weiter an, als sei nichts gewesen. „Da muss man ihre Mentalität auch mal loben“, sagte Watzke und sprach nicht aus, was alle dachten: die der BVB-Spieler nicht unbedingt.

Labbadia wollte den Fernseher nicht ausschalten

Bruno Labbadia verfolgte die Partie in Hamburg vor dem Fernseher. Am Sonntag tritt der HSV-Trainer mit seiner Mannschaft in Dortmund an. „Es war ein Wahnsinnsspiel, außergewöhnlich“, sagte Labbadia am Freitag. Eine ausführliche Gegneranalyse wollte er an diesem Abend nicht betrieben. „Ich habe das Spiel als Fußballfan genossen.“ Ob er nach dem 3:1 durch Reus überlegt habe, ins Bett zu gehen, wurde Labbadia gefragt. „Nein, das wäre zu schade gewesen.“

Für den BVB endete der Abend tragisch. Die Frage wird nun sein, ob die Dortmunder sich von dieser Niederlage schnell erholen können. Nachdem Trainer Tuchel die Meisterschaft durch seine B-Elf im Derby auf Schalke schon in der Vorwoche abschenkte, bleibt jetzt nur noch der DFB-Pokal als letzter Titeltraum. Sportchef Michael Zorc wollte seine Analyse nicht vor den Journalisten ausbreiten, deutete aber an, dass diese für einige Dortmunder Akteure unangenehm werden könnte: „Manchmal gibt es keinen Erklärungsansatz – außer bei den elf oder vierzehn, die auf dem Feld standen.“

Tuchel wusste um das Defizit

Oder doch eher bei dem, was auf dem Platz fehlte? Die, die spielten, präsentierten sich nach starkem Beginn zu weiten Teilen hilflos gegen die immer wieder anrollenden Angriffe Liverpools. Ganz so, als würde man sich nur mit Wischtuch und Eimer bewaffnet einer Sturmflut in den Weg stellen. Es fehlte ein Wellenbrecher, einer, der sich im Mittelfeld dem Gegner mit aller Macht und Physis entgegenwirft, der inmitten der Zauberfüße „den Takt angibt“, wie es Torhüter Roman Weidenfeller forderte, der Kraft seiner Aura die eigene Mannschaft beruhigt und dem Gegner Respekt einflößt.

Tuchel wusste um diese Lücke, als er im Sommer seinen Dienst in Dortmund antrat. Gerne hätte er den Weltmeister Sami Khedira geholt. Stattdessen bekam er Julian Weigl. Der ist ohne Frage ein hochbegabter Spieler – und hätten alle Dortmunder in Liverpool ähnlich ruhig und abgeklärt agiert, wäre der Ausflug nie so schrecklich schiefgegangen. Aber ein Spieler, an dem sich die Mannschaft inmitten des Sturms festhalten und aufrichten kann, ist er (noch) nicht. Auch wenn sich Sportdirektor Zorc diese Einschätzung öffentlich nicht zu eigen machen wollte, dürfte die Debatte nun intern erneut geführt werden.

Aubameyang pflichtschuldig gegen den HSV

Erst einmal steht die nähere Zukunft an, nämlich das Spiel gegen den HSV. Weil am Mittwoch dann das Pokal-Halbfinale bei der Berliner Hertha folgt, dürfte Tuchel erneut kräftig durchrotieren. Die, die in Liverpool auf dem Rasen standen, machten gar keinen Hehl daraus, dass es nun schwierig werden dürfte, sich für die Liga zu motivieren. „Natürlich wollen wir weiter für Furore sorgen“, sagte Weidenfeller. „Aber wir müssen jetzt den Kopf erst einmal freibekommen.“ Und Torjäger Pierre-Emerick Aubameyang gab offen zu erkennen, dass der Fokus nun auf dem Spiel gegen Berlin liegt – bevor er pflichtschuldig nachschob: „Wir müssen erst gegen Hamburg spielen und gewinnen.“