Serie: Der Streit um das legale Doping mit Schmerzmitteln

Handball-Arzt warnt: "Da werden ganze Packungen geschluckt"

Im Hotel "Turist" in Varazdin herrscht reges Treiben. Es ist der Tag, an dem die 21. Handballweltmeisterschaft der Männer eröffnet wird.

Varazdin. Im Hotel "Turist" in Varazdin herrscht reges Treiben. Es ist der Tag, an dem die 21. Handballweltmeisterschaft der Männer eröffnet wird. Bundestrainer Heiner Brand hat gerade seinen Lagebericht abgegeben, nun haben seine Spieler den engen Raum geflutet und plaudern mit der Presse. Michael Kraus muss als Erster wieder weg. Mit einer knappen Geste beordert Mannschaftsarzt Berthold Hallmaier den deutschen Spielmacher zur Physiotherapie. Fünf Tage zuvor hat sich Kraus an der Wade verletzt. Schmerzen? "Es wird von Tag zu Tag besser", sagt Kraus. Zur Not gibt es da ja noch Hallmaiers Koffer. Noch habe er ihn nicht öffnen müssen, berichtet der Sportmediziner, "allenfalls hier und da eine Aspirin".

Inzwischen ist die Weltmeisterschaft eine Woche alt, und man darf vermuten, dass es mit Massagen nicht mehr getan ist. Fünf Spiele stecken den Weltmeistern in den Knochen. Fünfmal 60 Minuten Schläge, Stürze, Vollkontakt. Und es ist erst Halbzeit.

"Ohne die Unterstützung aus der Apotheke ist eine Dauerbelastung wie bei der Weltmeisterschaft kaum möglich", heißt es in einer Pressemitteilung des Pharmakonzerns Novartis. Es stellt das Präparat Voltaren her, das sich bei Handballern großer Beliebtheit erfreut. Voltaren und Aspirin seien "die gängigen Mittel", um schmerzfrei durch so ein Turnier zu kommen, erzählte Florian Kehrmann auf dem Weg zum Titelgewinn vor zwei Jahren. Das einstige Handballidol Stefan Kretzschmar verriet, dass er "vor jedem Spiel eine Voltaren einschmeißen" müsse, um seine chronischen Knieschmerzen zu ertragen.

Hallmaier findet nichts dabei. "Wenn Sie Rückenschmerzen haben, gehen Sie doch auch zum Arzt, und lassen sich etwas verschreiben, um wieder zur Arbeit zu gehen. Das ist bei den Jungs nichts anderes: Sie gehen nur ihrer Arbeit nach." Doch seit den intimen Bekenntnissen der deutschen Handballer während der WM im eigenen Land ist die offenbar gängige Praxis öffentlich in Verruf geraten.

Voltaren basiert auf dem Wirkstoff Diclofenac. Es gehört zur Gruppe der sogenannten nicht opioidhaltigen Analgetika und wird bei leichten bis mittleren Schmerzen und Entzündungen angewandt. Auf der Dopingliste steht es nicht. Zu Unrecht, wie der Heidelberger Molekularbiologe und Anti-Doping-Kämpfer Werner Franke meint: "Es fällt noch nicht unter Doping, sollte es aber. Eigentlich bewegen wir uns hier in einer Grenzzone." Voltaren ermögliche längeres schmerzfreies Trainieren, die hemmenden Impulse, die den Körper vor Überlastung schützen sollen, werden unterdrückt. Ähnlich argumentierte Rudolf Scharping, Vorsitzender des Bundes Deutscher Radfahrer, in einem ZDF-Interview - und erntete wütende Proteste der Handballszene.

Schmerzmittel als legales Doping? Die Frage, wo Heilung aufhört und Manipulation anfängt, ist nicht so leicht zu beantworten. "Wenn jede Therapie als Doping eingestuft wird, ist auch die Physiotherapie zu hinterfragen", meint Professor Klaus-Michael Braumann, Leiter des Instituts für Sport- und Bewegungsmedizin der Universität Hamburg: "Es muss eine gewisse therapeutische Freiheit geben." Besonnen angewendet, sei Voltaren weitgehend frei von Beschwerden und Nebenwirkungen. Allerdings gelte wie bei allen Medikamenten: "Die Dosis macht das Gift."

Das Bewusstsein für die Gefahren aber scheint bei den Handballprofis nicht sonderlich ausgeprägt zu sein. Oder besser: Sie werden bewusst ausgeblendet. "Der Umgang mit Schmerzmitteln ist sehr unkritisch, da fehlt die Sensibilität", klagt Hauke Mommsen, Mannschaftsarzt der SG Flensburg-Handewitt. Als Bedarfsmedikation hege er keine Bedenken gegen Voltaren. Aber seiner Erfahrung nach sei dessen dauerhafte Einnahme eher Regel als Ausnahme: "Da werden ganze Packungen geschluckt ohne Rücksprache mit dem Arzt." Die Athleten würden regelmäßig über Risiken aufgeklärt. Doch der Ehrgeiz sei oft stärker als die Angst vor Nebenwirkungen.

Die können beträchtlich sein. Typisch bei Voltaren sind Magen-Darm-Beschwerden oder Geschwüre, bei längerer Einnahme steigt das Risiko von Nierenerkrankungen. Mommsen sind aus dem Handball mehrere Fälle von Nierenfunktionsstörungen und Magenblutungen bekannt, die auf übermäßige Schmerzmitteleinnahme zurückzuführen seien. Sein Schluss: "Voltaren ist ein Riesenproblem." Beliebt seien auch leistungssteigernde Nahrungsergänzungsmittel wie das Muskel aufbauende Kreatin, von dem es in der "Ärztezeitung" heißt, dass es "keine validen Daten über mögliche Spätschäden" gibt.

Regelmäßige Schmerzmitteleinnahme im Sport beschränkt sich beileibe nicht auf den Profibereich. So legen Erkenntnisse aus der Schweiz nahe, dass bis zu 40 Prozent der Teilnehmer eines Marathons ihre Beschwerden mit Medikamenten betäuben. Eine Studie unter US-amerikanischen Schulsportlern brachte ans Licht, dass bereits Zehnjährige Kreatin einnehmen. Bei den 18-Jährigen lag die Quote bereits bei 44 Prozent. Der leichtfertige Umgang mit Medikamenten und Nahrungsergänzungsmitteln scheint eine Nebenwirkung unserer Leistungsgesellschaft sein.

Im Spitzenhandball ist der Missbrauch gleichsam durch den Spielplan vorgegeben. Die besten Profis kommen auf mehr als 100 Spiele im Jahr, zur Regeneration bleibt keine Zeit. Wenn es weiter so gut läuft, haben die deutschen Handballer in den kommenden neun Tagen noch fünf Spiele vor sich. "Bei so einem Turnier kann man gar nicht fit sein", sagt der Hamburger Torsten Jansen.

Aber jammern gilt nicht. Zur Not gibt es ja den Koffer von Doktor Hallmaier.

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