HSV: Auf Spurensuche in Geffen

Wo aus dem jungen Ruudje der Weltstar Ruud wurde

Foto: dpa

Hamburgs neuer Stürmer Ruud van Nistelrooy wuchs in einer kleinen Ortschaft in der niederländischen Provinz Noord-Brabant auf. Ein Ortstermin.

Geffen. Marinus van Dinther duldet keine Widerworte. Der 65-Jährige besteht darauf, den Fußballplatz, auf dem vor mehr als einem Vierteljahrhundert alles begann, persönlich zu zeigen. Langsam schiebt der 65-Jährige seinen Gehwagen Meter für Meter in Richtung des Fußballfeldes, auf dem gerade ein Dutzend Kinder in rot-weißer Tracht Torschüsse und Pässe üben. „Das ist der Platz“, sagt van Dinther mit brüchiger Stimme. Der Frührentner, der vor sieben Jahren vier Gehirnschläge erlitt und seitdem nur noch schwerfällig gehen, essen und sprechen kann, zeigt stolz auf den Rasen: „Hier hat der sechsjährige Ruudje seine ersten Karrieretore geschossen.“

Ruudje heißt mittlerweile Ruud, ist 33 Jahre alt und gilt heute als einer der besten Torjäger aller Zeiten. „Er ist der Beste“, sagt van Dinther, Ruud van Nistelrooys erster Fußballtrainer beim Amateurklub V.V. Nooit Gedacht („Nicht gedacht“) – und duldet erneut keine Widerworte. „Ruudje ist ein echter Geffener – ehrgeizig, aber bescheiden.“ Willkommen in Geffen. Willkommen im Ruud-van-Nistelrooy-Land.

Hier, in der kleinen Ortschaft der niederländischen Provinz Noord-Brabant, ist der neue HSV-Stürmerstar aufgewachsen. In Geffen wohnen hauptsächlich Arbeiter, „fleißige Menschen, die wissen, dass man seine Ziele nur mit harter Arbeit erreichen kann“, sagt van Dinther. Mit dem Auto braucht man keine fünf Minuten, um die 5000-Einwohner-Gemeinde zwischen dem Städtchen Oss und der Provinzhauptstadt ’s-Hertogenbosch von Norden nach Süden einmal zu durchqueren. Die Straßen sind mit roten Steinen gepflastert, Straßenhügel erinnern daran, nicht zu schnell zu fahren. Fünf Cafés, ein Gebrauchtwarenhandel, ein Supermarkt, eine Bank, ein Sportwarenladen und zwei Fahrradgeschäfte, das ist Geffen.

Ein zweistöckiges Backsteinhaus direkt am Marktplatz, in den Fenstern hängen bunte Clowns und Märchenfiguren. Hier sitzt Ineke Gerrits, 53, die Haare an den Spitzen leicht ergraut, rote Brille, freundliches Gesicht. Sie erinnert sich noch ganz genau an den kleinen Jungen, der immer nur Fußball im Kopf hatte. „Ruud war ein fröhliches und geselliges Kind. Aber spielen wollte er nur mit den Schulfreunden, die genauso fußballbegeistert waren wie er“, sagt die Grundschullehrerin, die seit 33 Jahren an der Sankt-Aloysius-Grundschule in Geffen unterrichtet. Zwei Jahre lang – mit acht und zehn – war van Nistelrooy ihr Schüler, von dem sie besonders eines erinnert: „Ruud und sein Freund Mark spielten in jeder Pause Fußball. Sie wetteiferten immer, wer der Bessere sei. Mark hatte das größere Talent, Ruud den größeren Ehrgeiz.“

Keine 500 Meter entfernt von der Katholieke Basisschool wohnt Mark Beekmans mit seiner Frau Ilse und seinen beiden Kindern Sven (2 Jahre) und Gansje (8 Monate) in einem kleinen, aber hübschen Mietshaus gegenüber einer Kuhwiese. „Ich habe schon oft gehört, dass ich das größere Talent gehabt hätte“, sagt Beekmans, „aber das stimmt nicht.“ Beinahe jeden Tag hat der heute 34-jährige Anstreicher mit van Nistelrooy gespielt, vor der Schule, während der Schule und nach der Schule – „und immer war Ruud der Beste. Natürlich war er sehr ehrgeizig, aber gleichzeitig auch unglaublich talentiert.“

1. DIE ANALYSE VON HSV-EXPERTE DIETER MATZ


2. RUUD VAN NISTELROOY IM INTERVIEW

Als ihr Trainer die Kinder wegen Regens einmal nach Hause schicken wollte, habe Ruud angefangen zu weinen. Am häufigsten hätten sie aber auf dem Bolzplatz neben dem Spielplatz „De Klimop“ gespielt, oft und gerne auch bei den van Nistelrooys zu Hause auf der Auffahrt in der Kapelstraat 9a. „Ruud hat mehrfach das Garagentor kaputtgeschossen“, erinnert sich Beekmans, der es selbst als Spieler bis in die fünfte niederländische Liga bei Margriet Oss gebracht hatte. Vor drei Jahren musste er allerdings die Fußballschuhe an den Nagel hängen. „Ich hatte ständig irgendwelche Verletzungen, man wird eben älter“, sagt Beekmans, der damals zwei Jahre jünger war, als van Nistelrooy heute ist.

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„Ruuds Erfolge bei Manchester United und Real Madrid sind beeindruckend“, sagt Beekmans, „aber sein größter Erfolg ist, dass er sich trotz seines Ruhms und seiner Millionen nie verändert hat.“ Beekmans erzählt, wie sich sein Klassenkamerad immer wieder nach Judith Strik, einer gemeinsamen Schulfreundin, die vor wenigen Jahren an Krebs erkrankt war, erkundigte. „Als sie Ruud vor einigen Jahren bei einem Spiel in Madrid besuchte, lief er nach der Partie zu ihr und schenkte ihr sein Trikot“, sagt Mark. Im vergangenen November ist Judith Strik gestorben, auf der Beerdigung in Geffen fehlte natürlich auch van Nistelrooy nicht: „Er hat einfach nie aufgehört, der Typ von nebenan aus Geffen zu sein.“

So habe er van Nistelrooy 2001 nach langer Zeit durch Zufall in einem Pub in der Nachbarschaft wiedergetroffen. Sie hätten sich begrüßt und van Nistelrooy habe seinen Schulfreund eingeladen, mal ein Spiel in Manchester anzuschauen. „Ich dachte erst, dass er das nur aus Höflichkeit sagt. Aber dann hat er tatsächlich zehn Karten für mich und einige Freunde von früher klargemacht.“ Beekmans fuhr nach Manchester, sah den 6:1-Sieg gegen Southampton im Stadion Old Trafford und traf van Nistelrooy später auf ein Bier im Hotel. Noch immer hängt eine Fotocollage mit Erinnerungen an den Kurztrip nach Manchester in seinem Arbeitszimmer: „Es war ein super Abend.“

Ähnliche Erfahrungen hat auch Wilco Cremers gemacht. „Ruud hat uns nach Manchester und auch nach Madrid eingeladen. Und auf jeden Fall werden wir auch nach Hamburg kommen“, sagt der heutige Vereinssekretär vom V.V. Nooit Gedacht in fließendem Deutsch. Er war während des Militärdienstes in der Nähe von Hamburg stationiert gewesen, erklärt Cremers seine Sprachkenntnisse. Damals habe er auch die Hansestadt von ihrer besten Seite kennengelernt.

„Ruud wird sich beim HSV wohlfühlen“, sagt Cremers. In seinem Vereinshaus hängt ein Ölgemälde van Nistelrooys, das der Superstar seinem früheren Klub, der jeden Mai ein E- und F-Jugendturnier mit seinem Namen ausrichtet, geschenkt hat. „Für meine Freunde und Freundinnen von Nooit Gedacht, euer Ruud“, steht auf dem gerahmten Bild. Cremers lächelt, zeigt stolz auch ein unterschriebenes Trikot von Manchester United und ein unterschriebenes Trikot von Real Madrid, die beide im Vorstandszimmer hängen. „Natürlich ist der ganze Klub stolz auf ihn, besonders weil er so ein guter Junge geblieben ist.“

Auch Wim van Zawdvoout, 56, hat den „guten Jungen“ noch bestens in Erinnerung. Seit 24 Jahren wohnt er mit seiner Frau Louis in der Kapelstraat 9b, also bis vor Kurzem in unmittelbarer Nachbarschaft zu den van Nistelrooys. „Sein Vater ist erst im vergangenen Oktober nach Oss gezogen“, sagt van Zawdvoout, dessen Sohn Joris die Doppelhaushälfte 9a – zwei Fenster, eine Tür, eine Garage – von Tiny van Nistelrooy übernommen hat. Als Ruud am 10. Juli 2004 seine Schulfreundin Leontien, mit der er mittlerweile zwei Kinder hat, in der Maria-Magdalena-Kirche in Geffen heiratete, fehlten natürlich auch die Zawdvoouts auf der Feier nicht. „Ruud hat sich nie für etwas Besonderes gehalten. Er wusste, wo er herkam und war immer stolz darauf.“

Marinus van Dinther ist sich sicher, dass genau das van Nistelrooys Erfolgsgeheimnis ist: „Ein Geffener bleibt ein Geffener.“ Der frühere Jugendtrainer lächelt, wirkt aber kaputt. Mit einer kurzen Handbewegung signalisiert er seiner Tochter, dass er nun langsam nach Hause müsse. Zuvor will er aber noch klarstellen, dass sich niemand um die Fitness seines früheren Zöglings Gedanken zu machen braucht. „Ruudje hat immer seine Tore gemacht – beim PSV Eindhoven, bei Manchester United, bei Real Madrid und auch beim V.V. Nooit Gedacht“, sagt der frühere Trainer, „und er wird auch in Hamburg seine Tore machen.“ Natürlich weiß van Dinther, dass aus seinem kleinen Ruudje mittlerweile ein echter Weltstar geworden ist. Eine Träne kullert über seine Wange. „Grüßen Sie Ruud von mir.“

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