Ausflüge rund um Hamburg, Teil 6: Wangerooge

Ostfriesische Mischung auf der autofreien Insel

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Eine autofreie Insel, ein Glas Tee und eine Prise Kultur: Wangerooge und Emden sind das ideale Ausflugsziel für ein Wochenende.

Diese Insel ist eine Therapie. Nicht, dass hier viel geredet würde. Ganz im Gegenteil: Auf Wangerooge herrscht das nordisch-knappe "Moin" vor. Ansonsten wird - wie bei einer guten Massage - nur das Wesentliche geklärt. Wie lange man bleiben möchte, wo man wohnt und ob für den Tagesausflug noch ein paar Tipps nötig sind. Die Wangerooger sind hilfsbereit und auskunftsfreudig. Ab und zu blitzt auch ein Funken ostfriesischen Humors auf, etwa bei der Gepäckaufgabe in Harlesiel: "Hier ist immer die Frau die Finanzministerin", scherzt der freundliche Service-Mitarbeiter und nimmt die Gebühr für zwei Koffer entgegen.

Nur beim Wetter verstehen die Landsleute keinen Spaß: Fragen nach einer Drei-Tage-Prognose werden fast als Beleidigung aufgefasst, das Klima mitten im niedersächsischen Wattenmeer ist einfach zu launisch. Hat man das nicht unbedingt begreifliche Ritual der Gepäckabgabe hinter sich gebracht, kann man beginnen, sich treiben zu lassen. Loszulassen. Die Kontrolle abzugeben. Denn wer sich auf Ostfriesland-Tour begibt, nimmt in Kauf, dass ab sofort fremde Kräfte den Lauf der Dinge bestimmen.

Der Fähranleger Harlesiel zum Beispiel ist erst wenige Kilometer zuvor ausgeschildert, auf dem Pkw-Stellplatz heißt es normalerweise "Schlüssel her", denn bei Sturmflut muss die Fläche schleunigst geräumt werden können. Die Fähre legt ab, wenn die Tide es zulässt und auch das letzte Stück Gepäck mühsam mit einem Kran an Bord gehievt wurde. Dann nimmt man Platz an Deck, wenn der Wind es zulässt, und guckt ins weite Nichts - außer Meer und Möwen ist nämlich lange nach der Hafenausfahrt wenig zu entdecken.

Dass der Weg das Ziel ist, wird spätestens im Bummelzug vom Anleger West zum Bahnhof Wangerooge spürbar. In Waggons, die wie aus einem fernen Jahrhundert aussehen, geht es vorbei an der Lagune - einem seichten Salzwassersee, der 1912 beim Ausheben für den Westgrodendeich entstanden ist und sich zur Raststätte für allerlei Seevögel entwickelt hat. In der Ferne sieht man den hoch aufragenden Westturm, Wangerooges Wahrzeichen, in dem sich jetzt eine Jugendherberge befindet, sowie klitzekleine Menschengrüppchen, die im Watt zu verschwinden scheinen. Eine Wattwanderung ist neben der traditionellen ostfriesischen Teezeremonie übrigens eine der wenigen Pflichtübungen, die der Inselgast unbedingt mitmachen sollte - natürlich unter fachkundiger Leitung, denn die Zeiten, in denen zwischen Insel und Festland der Strick-Pad, ein zum Teil von Wasser bestrichener Pfad, als Fuß- und Kutschweg benutzt wurde, sind längst vorbei.

Die der Kutschen übrigens auch. Auf der autofreien Insel ist das Fahrrad Hauptverkehrsmittel. Warum Wangerooge dennoch ein so gut ausgebautes Straßennetz hat, bleibt ein Rätsel. Die Ruhe, die sich im abendlichen Inselort breitmacht, mit vereinzelt mitten auf den Straßen geparkten Rädern, ist faszinierend. Ebenso eindrucksvoll sind die großen Pötte, die man von der Strandpromenade aus am Horizont beobachten kann, während sich die Beine vom langen Spaziergang im Strandkorb oder im geschichtsträchtigen Café Pudding erholen.

Auf dem Dünenhügel des heutigen Cafés wurde 1855 eine Bake als Seezeichen aufgestellt, bevor er im Zweiten Weltkrieg zu einem Bunker ausgebaut wurde. Nach dem Krieg wurde der Hügel entmilitarisiert und zum heutigen Café und Restaurant umgebaut.

Bei Kaffee und Kuchen aus der eigenen Konditorei lässt sich wunderbar entspannen. Auf der einen Seite der uneingeschränkte Blick aufs Meer, auf der anderen das Treiben auf der Flaniermeile Zedeliusstraße. Auf der Terrasse wärmt die Sonne Gesicht und Gemüt. Vielleicht plant man eine Radtour für den kommenden Tag, besucht eine der Nachbar-Inseln oder macht einen Abstecher aufs Festland. Dann aber lieber nach Emden als nach Wilhelmshaven! Denn in Emden hat ein prominenter Landsmann seine Spuren hinterlassen: "Ostfriesland, diese windüberschüttete Ebene mit ihren grünen Weiden, den leuchtenden Rapsfeldern, den Deichen, hinter denen sich die Unendlichkeit des Meeres erstreckt, dieses Land mit seinen Mühlen und den mächtigen Backsteinkirchen, den Burgen und den Wasserschlössern, Ostfriesland mit seinem alles überwölbenden und zu jeder Zeit bewegten Himmel, in dessen Azurblau sich die Wolken türmen und davonsegeln, einem Himmel, der selbst bei Regen nie trist und langweilig ist - dieses Land ist wohl eine Reise wert." Besser als der begnadete Journalist Henri Nannen könnte kaum einer Werbung für die Region machen.

Eine Ostfriesin durch und durch ist auch Eske Nannen, Witwe des 1996 verstorbenen "Stern"-Gründers. Nach einem turbulenten Berufsleben mit Stationen in Hamburg, Berlin und London kehrten beide 1983 in ihre Heimatstadt Emden zurück, gründeten eine Stiftung und erbauten drei Jahre später das "Haus für Henri Nannens Bilder", die Kunsthalle Emden. Neben der Sammlung von Henri Nannen mit dem Schwerpunkt Klassische Moderne und der Kunst-Schenkung des Münchner Galeristen Otto van de Loo werden wechselnde Sonderausstellungen gezeigt. Die Besucher sollen vor allem eins: sich richtig wohlfühlen im Museum. Dafür sorgen kleine Details wie die Blumen, die von einer befreundeten Floristin gebunden werden, und die Museumsgastronomie "Henri's", wo im liebevoll renovierten Restaurant über 200 private Fotos des Gründers gezeigt werden.

Die Geschäftsführerin der kleinen, feinen Kunsthalle steht in Kontakt mit renommierten Museen und Stiftungen. Sie wird zu Ausstellungseröffnungen in aller Welt eingeladen - erst kürzlich war sie im Nationalmuseum in Peking - und führt Gespräche mit Sponsoren und Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Kultur. Selbstbewusst nennt Nannen ihre Heimatstadt auch "die Kulturhauptstadt am Meer". Schließlich habe Emden neben der Kunsthalle noch das ostfriesische Landesmuseum und die Johannes-a-Lasco-Bibliothek, vor rund 15 Jahren aus alten Kirchenruinen wiederaufgebaut, zu bieten.

"Immer wenn ich von meinen Reisen zurückkehre, erfreue ich mich an der Weite des Landes und der guten Luft. Hier atme ich buchstäblich auf", sagt die 69-Jährige. In Emden seien ihre Wurzeln, sie fühle sich mit Land und Leuten sehr verbunden. Mit der See sowieso - "ich war elf Monate mit einem Schiff auf Weltreise". Auf die Frage, wie denn die Ostfriesen so seien, antwortet sie: "Heimatverbunden, verlässlich und treu." Wenn es ihre Zeit zulässt, macht Eske Nannen einen Ausflug auf die nahe gelegene Insel Norderney, mietet sich direkt am Anleger ein Fahrrad und radelt drauflos.

Ihr Lieblingsplatz? "Mein Büro in der Kunsthalle mit Blick auf Stadt und Kanal." Besuchern rät sie, die Stadt mit dem Fahrrad zu erkunden, entlang der Kanäle, die Emden so ein holländisches Flair geben, oder über die vielen Deiche. Anlässlich neuer Ausstellungseröffnungen fährt sie mit ausgewählten Besuchern auch gern über die Kanäle bis zu ihrem Haus, natürlich auch ein Lieblings-Platz und einmal jährlich Treffpunkt für die ganze Familie zu Ehren des mütterlichen Geburtstages. "Ich möchte nicht, dass sich alle nur noch zu Beerdigungen treffen", sagt Eske Nannen. Der 8. Oktober wird ebenfalls ein besonderer Tag, dann feiert die Kunsthalle ihr 25-jähriges Bestehen mit prominenten Gästen aus Kultur und Politik. Spätestens dann ist Ostfriesland mal wieder eine Reise wert.

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