Stormarn
Mutmaßlicher Kindermörder Martin N.

Die Spur des Maskenmanns führt nach Stormarn

Martin N., der wegen Mordes an drei Jungen vor Gericht steht, soll sich 1996 und 2001 auch in Lütjensee an Kindern vergangenen haben.

Lütjensee. Sonnenstrahlen dringen durch die dichten Baumkronen auf die im Kreis angeordneten Sitzbänke. Verkohlte Holzreste in Mitten der Feuerstelle deuten daraufhin, dass noch vor Kurzem jemand dort war. Es wird eine Jugendgruppe gewesen sein, die sich an den Flammen gewärmt hat. Doch jetzt, an diesem sonnigen Herbsttag, ist der Platz in Lütjensee verlassen. Es ist ruhig und wirkt nahezu beschaulich.

Doch dieses Idyll hat auch Schattenseiten. Der als "Maskenmann" bekannte mutmaßliche Kindermörder Martin N., der sich seit Montag vor dem Landgericht in Stade verantworten muss, soll auf dem Gelände des Kreisjugendringes Jungen missbraucht haben. Besonders prekär: nur einen Monat, nachdem er sich laut Anklage im Juli 2001 in Lütjensee an einem Elfjährigen verging, soll er den damals neun Jahre alten Dennis K. getötet haben. Die Staatsanwaltschaft in Stade wirft N. zudem vor, bereits im Juli 1996 einen Zwölfjährigen in dem Sommercamp am Lütjensee missbraucht zu haben.

+++ Im Angesicht des "Maskenmannes" Martin N. +++

+++ Prozessbeginn: Martin N. trifft auf die Eltern seiner Opfer +++

"Wir haben damals nichts davon mitbekommen", sagt Uwe Sommer, Geschäftsführer des Kreisjugendringes, der schon zu den beiden Tatzeitpunkten die Fläche an Jugendgruppen vermietete. Erst als im Frühjahr 2010 Beamte der "Soko Dennis" sich "auf dem Platz umsehen wollten", habe der 48-Jährige von den grausigen Taten erfahren. Die Polizisten befragten ihn und den damaligen Hausmeister, stellten Belegungspläne sicher.

Was genau vor 15 und zehn Jahren im Zeltlager passiert ist, dazu hätten sich die Ermittler nicht geäußert. "Sie haben mir damals ein Phantombild des Maskenmannes vorgelegt und mich gefragt, ob ich diesen Mann auf dem Zeltplatz gesehen habe", erinnert sich Uwe Sommer. Offenbar nutze Martin N. wie bei den meisten seiner Taten die Abgeschiedenheit des Zeltlagers inmitten von Feldern und eines Waldes aus und schlich sich nachts an. Ob er, wie in den meisten Fällen, mit einer schwarzen Sturmhaube maskiert war, als er sich auf das Gelände in Lütjensee schlich, und ob er die Jungen entführt und dann missbraucht hat, dazu wollten sich die Staatsanwaltschaft Stade wegen des laufenden Prozesses nicht äußern. Auch bleibt unklar, wann die Ermittler der im September 2001 gegründeten Sonderkommission die beiden Stormarner Taten mit dem "Maskenmann" in Verbindung gebracht haben. Erst vor eineinhalb Jahren, als sie vor Ort ermittelten? Auf Anfrage bei der "Soko Dennis" hieß es nur, dass "beide Taten zum Teil erst nach mehreren Jahren angezeigt wurden".

Für Uwe Sommer war es erschreckend zu erfahren, dass im Zeltlager des Kreisjugendrings Jugendliche offenbar Opfer sexueller Übergriffe geworden sind. "Die Jugendgruppen, die zu uns kommen, reisen mit eigenen Betreuern an. Wir vom Kreisjugendring kümmern uns nicht um die Kinder, sind nachts auch gar nicht vor Ort", sagt Sommer und betont: "Unsere eigenen Betreuer müssen alle ein polizeiliches Führungszeugnis sowie ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen."

Inwieweit dies auch die Verantwortlichen der Sportvereine oder Jugendgruppen, die aus der gesamten Bundesrepublik anreisen, von ihren Betreuern verlangen, wisse Sommer nicht. Außerdem mache das Abgeschiedene im Wald ein Sommercamp aus und Zelte seien auch keine Festungen. "Zwar gibt es einen Wildzaun um das Gelände. Doch wer die Absicht hat, diesen zu überwinden, der schafft das auch", sagt Uwe Sommer, der erleichtert ist, dass Martin N. Mitte April dieses Jahres von der Polizei geschnappt wurde. Denn offenbar kannte sich der "Maskenmann", der als Pädagoge mit Jugendlichen gearbeitet und diese auch in Feriencamps betreut hat, gut auf dem Zeltplatz in Lütjensee aus.

Rund 80 Kinder zwischen sieben und 16 Jahren verbringen in den zehn Wochen, in denen in Deutschland Sommerferien sind, in Lütjensee ihre Freizeit. Sie schlafen in Zehn-Personen-Zelten, spielen tagsüber Beachvolleyball, gehen im Lütjensee baden und sitzen abends zusammen am Lagerfeuer.

Ob Martin N. die beiden Taten in Lütjensee gesteht und weitere Einzelheiten nennt, wird das Gericht in Stade erst am 26. Oktober, erfahren. Am zweiten Verhandlungstag wollen die Anwälte des 40-Jährigen eine etwa eineinhalbstündige Erklärung abgeben. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Hamburger 23 Straftaten vor. N. soll seine Opfer zwischen 1992 und 2001 missbraucht haben. Drei Jungen töte er: Einen 13-jährigen holte N. 1992 aus einem Internat im niedersächsischen Scheeßel, einen achtjährigen 1995 aus einem Zeltlager bei Schleswig und den neunjährigen Dennis K. aus einem Schullandheim nahe Bremerhaven. Zudem solle rund 40 weitere Jungen missbraucht haben, Jedoch sei die Hälfte der Fälle inzwischen verjährt, dass nur insgesamt 23 Straftaten angeklagt sind.