Unfallreport Norderstedt

Wer hier den U-Turn macht, ist lebensmüde

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Andreas Burgmayer
Tunnelausfahrt Ochsenzoll-Kreisverkehr: Fünf schwere Unfälle bei Wendemanövern.

Tunnelausfahrt Ochsenzoll-Kreisverkehr: Fünf schwere Unfälle bei Wendemanövern.

Foto: Andreas Burgmayer

Verkehrsreport Norderstedt 2018: 1581 Unfälle, vier Tote, 41 Schwerverletzte. Es gibt einen Unfallschwerpunkt.

Norderstedt.  Keiner kennt den Verkehr in Norderstedt so gut wie der Polizist Kai Hädicke-Schories. Es ist also eine gute Nachricht, wenn er über die Bilanz in seinem Verkehrssicherheitsbericht 2018 sagt: „Im Großen und Ganzen läuft der Verkehr in der Stadt sehr gut.“ Was nicht bedeutet, dass es die Schattenseiten nicht mehr gibt. 1581 Unfälle gab es im vergangenen Jahr auf Norderstedter Straßen, deutlich weniger als im Rekordjahr 2017 (1846) und etwa so viele wie in den beiden Jahren davor.

Allerdings waren die Folgen der Unfälle 2018 für die beteiligten Menschen schwerer: Vier Tote sind zu beklagen und 41 Schwerverletzte (2017: 3/32). Dazu kommen noch 332 Leichtverletzte.

Wo es in Norderstedt am häufigsten kracht

„Unfallhäufungsstellen“ nennt Hädicke-Schories die Stellen auf Norderstedter Straßen, an denen die größten Gefahren lauern. „Die Schleswig-Holstein-Straße und den Ochsenzoll-Kreisverkehr haben wir mit Umbauten und Blitzanlagen so gut wie komplett entschärft. Aber es gibt neue Schwerpunkte“, sagt Hädicke-Schories. Und da spielt der Ochsenzoll-Kreisverkehr zumindest eine Nebenrolle. Was kaum zu fassen ist: Am Tunnelausgang in Richtung Hamburg und Süden machen manche Autofahrer auf der Langenhorner Chaussee U-Turns, um wieder in Richtung Norden und Kreisverkehr zu fahren. „Fahrer, die mit ihren Autos aus dem Tunnel kommen, haben kaum eine Chance zu reagieren.“

Fünf gescheiterte Wendemanöver gab es 2018, zwei Schwerverletzte und sieben Leichtverletzte waren zu beklagen. Julia Pörschke von der Verkehrsaufsicht der Stadt Norderstedt kündigt die bauliche Entschärfung des Bereichs an. „Wir werden eine Leitplanke am Tunnelausgang verlegen, um das illegale Abbiegen zu unterbinden.“

Mit acht Unfällen, einem Schwer- und zwei Leichtverletzten wurde die Einmündung der Falkenbergstraße in die Harkesheyde auffällig. „Besonders Autos, die links abbiegen wollen, übersehen den Verkehr auf der Harkesheyde. Beim Zusammenstoß knallen die Autos auf die Mittelinsel und überschlagen sich zum Teil.“. Auch hier will die Stadt baulich ran: „Das Bord in der Straßenmitte wird abgesenkt. Außerdem werden wir die Zweispurigkeit auf der Harkesheyde aufheben. Langfristig ist an der Stelle ein Kreisverkehr denkbar“, sagt Pörschke.

Ein Kreisverkehr war es, der die frühere Unfallhäufungsstelle der Einmündung Marommer Straße in die Ulzburger Straße entschärfte. Doch 2018 kam es hier vermehrt zu Radunfällen. „Leider gibt es immer wieder Radler, die auf der falschen Seite fahren. Der Autofahrer schaut im Kreisverkehr nur nach links und übersieht den von rechts kommenden Radfahrer“, sagt Hädicke-Schories.

Die Toten des Verkehrsjahres 2018

Den ersten tödlichen Unfall gab es am 20. August um 22.07 Uhr auf der Flughafenumgehung. Ein 53 Jahre alter Motorradfahrer will in Richtung Hamburg einen Wagen rechts überholen, gerät an die Bordsteinkante und schleudert gegen einen Lichtmast. „Ein Fahrfehler“, sagt Hädicke-Schories.

Das zweite Todesopfer des Jahres 2018 war wieder ein Motorradfahrer. Ein 47-Jähriger überholte am 17. September, um 19.40 Uhr, auf der Schleswig-Holstein-Straße in Richtung Süden eine Fahrzeugkolonne. Er übersah den Traktorfahrer am Kopf der Kolonne, der nach links auf eine Weidefläche abbog. Der Motorradfahrer bremste, stürzte und rutschte unter die Hängebereifung des Traktor-Gespanns. Er stirbt noch vor Ort. Hädicke-Schories: „Als der Traktorfahrer abbog, scherte der Motorradfahrer gerade aus. Der Traktorfahrer konnte das nicht vorausahnen. Der Motorradfahrer hätte es verhindern können – aber auch er konnte nicht ahnen, dass der Traktor gleich abbiegt. Tragisch.“

Den dritten Toten gab es am 31, Oktober um 0.20 Uhr auf der regennassen Schleswig-Holstein-Straße, 300 Meter hinter der Kreuzung mit der Poppenbütteler Straße. Ein BMW-Fahrer (29) kommt mit etwa 80 km/h nach rechts ab und prallt gegen einen Baum. „Laut Sachverständigem hat der Mann zu stark beschleunigt, kam ins Schlingern und verlor die Kontrolle über den Wagen. Weder andere Verkehrsteilnehmer noch der Straßenzustand waren ursächlich.“

13-Jährige von Opel angefahren

Der vielleicht dramatischste Unfall des Jahres ereignete sich am 6. Dezember um 18.12 Uhr auf Höhe der Hausnummer 164 auf der Ochsenzoller Straße. Ein 13-jähriges Mädchen will die Straße im Laufschritt in Richtung Willy-Brandt-Park überqueren. Sie achtet laut Polizei nicht auf den Verkehr. Eine 54 Jahre alte Opel-Fahrerin kommt mit 50 km/h angefahren und trifft die 13-Jährige frontal. Das Mädchen schlägt gegen den Opel, wird durch die Luft und gegen ein parkendes Auto geschleudert. Ihren schweren Verletzungen erliegt das Kind wenige Tage später in einem Krankenhaus.

Ein Gutachter kommt zu dem Schluss, dass der Opel-Fahrerin keine Vorwürfe zu machen sind. Sie habe den Unfall nicht vermeiden können. „Die Frau muss nun mit diesem schrecklichen Schicksal leben, eine junges Mädchen überfahren zu haben“, sagt Kai Hädicke-Schories.

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