Norderstedt
Nachhaltigkeit

Ex-Umweltminister mahnt zu Nachhaltigkeit

Ex-Bundesumweltminister Klaus Töpfer referiert beim Abend der Norderstedter Wirtschaft

Ex-Bundesumweltminister Klaus Töpfer referiert beim Abend der Norderstedter Wirtschaft

Foto: Michael Schick

Klaus Töpfer sprach beim Abend der Norderstedter Wirtschaft vor etwa 400 Gästen. Ein rastloser Botschafter für Energiewende.

Norderstedt.  „Ich war schon mal in Norderstedt, doch da gab es die Stadt noch gar nicht, und die meisten von ihnen waren noch nicht geboren“, sagte Klaus Töpfer – der frühere Bundesumweltminister hatte für seinen Auftritt in der „TriBühne“ in der Erinnerung gekramt. In den 60er-Jahren sei er in Garstedt über den Boden gerobbt, Außendienst, während er an der Offiziersschule in Hamburg war. Und der Blick des prominenten Referenten, der am Abend der Norderstedter Wirtschaft vor 400 Gästen über Energie und Nachhaltigkeit sprach, ging noch weiter zurück, ganz nach dem Motto: „Eine junge Stadt braucht Geschichte.“

Nachhaltigkeit, ein ebenso moderner wie abgenutzter und oft falsch verwendeter Sammelbegriff, geht auf Hans Carl von Carlowitz zurück, erklärte der Professor mit dem doppelten Doktortitel. Launig, mit der Gelassenheit und Weisheit des Alters und regelmäßigem Nippen am Weißwein („der ist gut, den können sie trinken“) kurvte Klaus Töpfer informativ und unterhaltsam durch das Thema.

Der kurfürstlich-sächsische Kammer- und Bergrat schrieb 1713 „Haußwirthliche Nachricht und Naturgemäße Anweisung zur wilden Baum-Zucht“ – das erste geschlossene Werk über die Forstwirtschaft. In dem 432 Seiten starken Buch kommt das Wort „nachhaltend“ zwar nur einmal vor, dennoch gilt der Autor als Schöpfer des Begriffes „Nachhaltigkeit“.

Er selbst ersetze den Begriff lieber durch „enkelfähig“. Töpfer: „Wenn wir Kosten auf andere, in diesem Fall die nächsten Generationen abwälzen, ist das nicht nachhaltig.“ Das gelte auch für den Energieverbrauch in den Industriestaaten. Der CO2-Ausstoß habe dazu beigetragen, dass sich das Klima verändert, in Teilen Afrika so unwirtlich wird, dass die Menschen dort nichts mehr anbauen können. „Da müssen wir uns über Wirtschaftsflüchtlinge nicht wundern“, sagte der 77-Jährige, trotz seines Alters noch immer ein rastloser Botschafter für die Energiewende.

Die hat er als Minister mit angeschoben, damals habe der Staat Solarenergie noch mit einem Euro pro Kilowattstunde vergütet, aktuell gibt es laut Einspeisevergütung noch 12,31 Cent. Die erneuerbaren Energien seien bei den Menschen angekommen, die Zahl derjenigen, die ihren Strom auf dem eigenen Dach erzeugen, steige, denn: „Die Sonne schickt keine Rechnung.“ Aber: Windenergie im Wert von 90 Millionen Euro würde jedes Jahr weggeschmissen, weil die Leitungen vom Norden in den Süden fehlten. Da seien Speichertechnik und neue Mobilitätskonzepte gefragt, Elektro-Autos beispielsweise.

„Sie werden die Antwort von VW auf die Dieselaffäre sein“, sagte der Referent, den der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan 1998 zum Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen machte. Deutschland müsse Verantwortung übernehmen für den Klimaschutz und die Lebensqualität kommender Generationen. „Natürlich scheint die Sonne in meiner Heimatstadt Höxter nur 900 Stunden im Jahr, in Marokko und Tunesien aber 3000. Doch dort gibt es keine Infrastruktur, um diese Energiequelle zu erschließen“, sagte Töpfer, der sich mit seinen innovativen Konzepten immer wieder Skepsis und Spott ausgesetzt sah.

„Wenn sie so wollen, steht vor ihnen der Grüne Punkt persönlich. Das ist mir aber noch lieber als gelber Sack“ – so erinnerte „Mister Umwelt“ an die Anfänge der Mülltrennung, inzwischen selbstverständlich und erfolgreich.