Berlin

Neugeborene: Der große Streit ums Stillen

Immer wieder werden stillende Mütter aus Cafés oder Restaurants verbannt, dabei sollten sie immer die Möglichkeit haben, zu stillen, fordern Ärzte

Immer wieder werden stillende Mütter aus Cafés oder Restaurants verbannt, dabei sollten sie immer die Möglichkeit haben, zu stillen, fordern Ärzte

Foto: iStock / BM

Kindern öffentlich die Brust zu geben, gilt immer noch als Tabu. Die Welt-Stillwoche soll mit Vorurteilen aufräumen.

Berlin.  Für viele Mütter ist es der innigste und intensivste Kontakt zum neugeborenen Kind. Rund 90 Prozent der deutschen Frauen stillen ihre Babys nach der Geburt. 70 Prozent tun das noch nach zwei Monaten, und etwa 50 Prozent stillen auch ihre Halbjährigen weiter. Muttermilch gilt als beste Ernährung für Säuglinge. Manche Babys fordern sie in den ersten Lebensmonaten stündlich. Doch das Stillen in der Öffentlichkeit – in Deutschland ist es ein Tabu.

Vor einigen Tagen warf eine Bahnmitarbeiterin eine stillende Mutter aus dem Zugrestaurant, im Juni setzte ein Hamburger Busfahrer eine Mutter mit Kind aus. Woher kommen die Vorbehalte – und was lässt sich dagegen tun? Die Welt-Stillwoche, die noch bis diesen Sonntag läuft, erinnert in 120 Ländern an die Vorteile des Stillens.
Warum wird Stillen in der Öffentlichkeit immer wieder kritisiert?

„Es gibt Menschen, die am Stillen Anstoß nehmen. Das ist überhaupt nicht nachvollziehbar“, sagt Dr. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, „das ist ein gesellschaftliches Problem.“ Früher sei das Brustgeben auch in der Öffentlichkeit Teil des Alltags gewesen, mittlerweile sei es fast völlig Verschwunden. „Dabei ist es wichtig, dass Frauen ihrem Kind jederzeit die Brust geben können, da sonst die Milchbildung zurückgehen kann“, so Albring. Gemeinsam mit der Nationalen Stillkommission setzte sich sein Verband 2013 für eine Petition ein, die das Ziel hatte, Stillen in der Öffentlichkeit gesetzlich zu schützen. Ein Gesetz, wie es etwa in Großbritannien existiert, ist daraus bislang nicht entstanden. Dort ist es seit 2010 verboten, in der Öffentlichkeit stillende Frauen zu diskriminieren.

Ein weiteres Problem: „Mütter werden heute gleich von zwei Seiten unter Druck gesetzt“, glaubt Rhea Seehaus, promovierte Erziehungswissenschaftlerin und Mitarbeiterin am Gender- und Frauenforschungszentrum der Hessischen Hochschulen. „So heißt es in der Gesellschaft, Mütter sollten in jedem Fall und möglichst lange stillen. Gleichzeitig hören Frauen immer wieder von Fällen, in denen Mütter mit ihren Babys aus Restaurants und Cafés verbannt werden.“


Welche Rechte haben stillende Frauen in der Öffentlichkeit?

Wehren können sich Mütter nicht, wenn sie einer Gaststätte verwiesen werden. „Es gibt zwar kein Verbot, in der Öffentlichkeit zu stillen, aber natürlich können Cafés, Geschäfte oder Restaurants von ihrem Hausrecht Gebrauch machen, wenn sie das nicht möchten“, so Heike Bruland-Saal, Mitarbeiterin der „Babyfreundlich“-Initiative von Unicef und der Weltgesundheitsorganisation WHO. Ihr Tipp: Der Deutsche Hebammenverband zeichnet Geschäfte aus, die Stillräume anbieten, darauf könnten Mütter achten.
Ist Stillen am Arbeitsplatz erlaubt?

Nach dem Mutterschutzgesetz haben Vollzeitbeschäftigte das Recht, zwei Mal am Tag 30 Minuten oder eine Stunde am Stück zu Stillen, ohne dass ihnen dies von der bezahlten Arbeitszeit abgezogen wird. „Zudem muss der Arbeitgeber einen Raum zum Stillen anbieten sowie eine Möglichkeit, abgepumpte Milch zu kühlen“, so Bruland-Saal. Bei der Umsetzung dieser Vorgaben hapere es jedoch häufig.


Welche Probleme belasten stillende Frauen häufig?

„Stillen in der Öffentlichkeit empfinden vielen Mütter als unangenehm“, sagt Aleyd von Gartzen, Beauftragte für Stillen und Ernährung des Deutschen Hebammenverbandes. Das liege vor allem an Beobachtern, die den Anblick der Stillenden offenbar als anstößig empfinden, besonders wenn das Kind schon älter als sechs Monate sei.

Viele Frauen leiden aber auch unter den Schmerzen beim Geben der Brust, so lautet das Ergebnis einer internationalen Umfrage eines US-amerikanischen Stillprodukteherstellers unter mehr als 13.000 Frauen. Für rund ein Fünftel der Befragten war hingegen das nächtliche Aufstehen das Schlimmste.


Warum lohnt sich das Stillen trotzdem?

„Muttermilch ist die beste Ernährung in den ersten Lebensmonaten eines Säuglings. Sie ist genau an die Bedürfnisse des Kindes angepasst“, erklärt von Gartzen. Stillen stärke die Mutter-Kind-Bindung, schütze Säuglinge und ihre Mütter vor Erkrankungen und beuge sogar Allergien vor. „Ich würde jeder Mutter empfehlen, zu stillen“, so die Expertin.

Damit es klappt, sei die Betreuung durch eine Hebamme sehr zu empfehlen. Die Leistungen werden von der Krankenkasse bis zum Ende der Stillzeit bezahlt. „Mütter sollten vier bis sechs Monate ausschließlich stillen und auch in der Zeit der Beikosteinführung nach Bedarf ihres Kindes weiter stillen“, so von Gartzen.