Hamburgs größtes Krankenhaus

Wie ist der ideale Chef des Universitätsklinikums Eppendorf?

Im Jahr des 125-jähriges Bestehen ist das Klinikum auf der Suche nach einem neuen Chef. Die Ziele und Aufgaben von Hamburgs größtem Krankenhaus.

Nach dem Tod von Prof. Martin Zeitz Ende November vergangenen Jahres ist das Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) auf der Suche nach einem neuen Chef. Doch in Hamburgs größtem Krankenhaus bleibt die Zeit nicht stehen: Viele Aufgaben müssen gelöst, Entscheidungen getroffen werden. Darüber sprach das Abendblatt mit Prof. Christian Gerloff, der als stellvertretender ärztlicher Direktor zurzeit die Geschäfte der Klinik führt, und Prof. Uwe Koch-Gromus, dem Dekan der Medizinischen Fakultät.

Hamburger Abendblatt: Herr Prof. Gerloff, worauf konzentrieren sich im Moment Ihre Aufgaben?

Prof. Christian Gerloff: Auf die strategisch-medizinische Planung, die zukünftige Ausrichtung des UKE und die weitere Optimierung der Prozesse. Eine besondere Herausforderung ist der Bau der neuen Kinderklinik. 2003 wurde das Projekt auf 40 Millionen Euro geschätzt und ist jetzt mit allen Sicherheiten auf 69,5 Millionen Euro geplant. Das liegt daran, dass neue Elemente hinzugekommen sind wie die Kernspintomografie, ein Hybrid-OP, Intensivbetten und eine allgemeine Kostensteigerung im Bereich Bau. Und wir haben auch erhebliche Sicherheitsbeträge eingeplant. So erklärt sich, dass der Preis deutlich höher geworden ist.

Wie werden die Mehrkosten finanziert?

Gerloff: Nach dem ursprünglichen Konzept bezahlt die Stadt die Hälfte, und die andere Hälfte wird durch Spenden finanziert. Wir haben wirklich tolle Spender, die uns über die lange Zeit treu geblieben sind. Hauptspender ist Michael Otto. Die Stadt hat beschlossen, die zugesagten 20 Millionen zu bezahlen, aber auch nicht mehr. Unser Ziel ist es, vom verbleibenden Betrag so viel wie möglich durch Spenden zu finanzieren, mindestens 20 Millionen Euro. Den Rest müssen wir über einen Kredit finanzieren. Alle, die Senatorin und sämtliche Fraktionen, sind sich einig, dass wir eine neue Kinderklinik für Hamburg brauchen. Wir wollen den Kindern nicht das vorenthalten, was wir erfolgreich seit 2009 im UKE-Neubau den Erwachsenen bieten können. Nachdem wir in den vergangenen vier Monaten richtig Gas gegeben haben, ist der Bau der neuen Universitätskinderklinik jetzt nicht mehr aufzuhalten. Die Aktivitäten laufen.

Welche sind das?

Gerloff: Wir haben uns zum Beispiel darum gekümmert, dass das Baufeld zeitgerecht frei gemacht wird. Ein wichtiger Punkt, weil man wegen der Vogelbrutzeit nicht einfach im April oder Mai Bäume fällen kann. Wenn man aber bis Februar 2015 gewartet hätte, wäre wieder ein Jahr verloren gewesen und ein großes Problem entstanden, auch mit den Spendern, die sich natürlich zu Recht fragen, warum es nicht schneller geht. Nun haben wir eine belastbare Planung, einen konkreten Fahrplan und sind zuversichtlich, dass das Projekt bis Mitte 2017 fertiggestellt ist.

Prof. Uwe Koch-Gromus: Zur Finanzierung ist noch zu sagen, dass die neue Kinderklinik eine verbesserte Infrastruktur mit sich bringen wird, was zum einen mit einer Verbesserung der Versorgung der jungen Patienten, zum anderen mit ökonomischen Vorteilen verbunden ist. Mit attraktiven Versorgungsangeboten können wir auch neue Patienten aus dem Kinder- und Jugendbereich gewinnen. Darüber hinaus erwarten wir, dass wir weitere Spender gewinnen, wenn die Hamburger Bürgerschaft definitiv dem Bau der Kinderklinik zugestimmt hat.

Gibt es Projekte, die Prof. Zeitz noch angestoßen hat, die aber noch nicht umgesetzt sind?

Koch-Gromus: Die Angebote für das Centrum für seltene Erkrankungen werden ausgebaut und die dazugehörige Forschung vertieft. Wir haben gerade beschlossen, eine Professur für die Organisation des Centrums einzurichten, um einen Kristallisationspunkt zu bilden. Es macht keinen Sinn, alle seltenen Erkrankungen künftig in Hamburg behandeln zu wollen. Das national vereinbarte Konzept sieht für Deutschland vor, dass es an einzelnen Universitätskliniken für Teilgruppen von seltenen Erkrankungen, bei denen diese eine besondere Expertise haben, entsprechende Angebote gibt. Bei uns am UKE gibt es diese Expertise zum Beispiel für einzelne Lebererkrankungen und in der Kindermedizin für den Bereich der Stoffwechselerkrankungen.

Wie gehen die Forschungsergebnisse in die Therapie ein?

Gerloff: In der modernen Medizin müssen Therapien durch große Studien mit vielen Patienten abgesichert sein. Solche Studien bringen wir am UKE auf den Weg. Wir werden aber auch immer wieder Patienten mit seltenen Erkrankungen haben, bei denen Therapien nicht in solchen Studien getestet werden können. Trotzdem werden sie natürlich behandelt. Deswegen ist das Stichwort personalisierte Medizin sehr interessant für Universitätskliniken. Mit unseren komplexen Labors haben wir die Möglichkeit, bei einem einzelnen Menschen genau zu untersuchen, warum etwa bestimmte Immunzellen vermehrt oder verändert sind, können diese Zellen charakterisieren und die Befunde mit speziellen Symptomen in Zusammenhang bringen. Und dann kann man sagen: Es gibt einen spezifischen Antikörper, der das Problem normalisiert. Wenn das gut funktioniert, kann es auch anderen Patienten mit einer ähnlichen Konstellation helfen. Ein gutes Beispiel dafür war EHEC. Da wurden auch Antikörper eingesetzt, die vorher nur einigen wenigen Patienten geholfen hatten.

Welche Voraussetzungen müssen für diese Forschung erfüllt sein?

Gerloff: In diesem Bereich werden wir nur Fortschritte machen, wenn die Ärzte in den Unikliniken genug Zeit haben, um nachzudenken und klinische Arbeit mit Forschung zu vereinen. Unikliniken dürfen nicht danach bemessen werden, wie man mit minimalem Personal möglichst viele Patienten behandeln kann.

Welchen Stand hat die Forschung am UKE?

Koch-Gromus: Das UKE ist in der Forschung in den letzten Jahren enorm gewachsen. Wir sind 2006 mit jährlich 30 Millionen Euro Drittmitteln gestartet und haben heute 69 Millionen Euro. Aus diesen zusätzlichen 39 Millionen beschäftigen wir inzwischen zusätzliche 450 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Wir platzen aus allen Nähten und werden damit Opfer unseres eigenen Erfolgs. Wenn wir in der Forschung weiter wachsen wollen, und das wollen wir, brauchen wir vor allem räumliche Expansionsmöglichkeiten.

Und bei der Lehre?

Koch-Gromus: Wir haben vor knapp eineinhalb Jahren mit dem Modellstudiengang begonnen, der darauf zielt, theoretische und klinische Inhalte des Studiums über den gesamten Studienverlauf sehr eng zu vernetzen. Der neue Studiengang ist trotz seiner Komplexität ohne große organisatorische Pannen angelaufen. Die Bereitschaft der Studierenden und der Lehrenden, sich auf das neue Curriculum einzulassen, ist sehr hoch. Die Rückmeldungen fallen sehr positiv aus. Perspektivisch werden wir uns in den nächsten beiden Jahren mit der Frage befassen, ob wir für die Zahnmedizin etwas Vergleichbares machen.

Sie arbeiten jetzt fünf Jahre in dem neuen Klinikum. Hat sich die Zusammenarbeit von vielen Disziplinen unter einem Dach bewährt?

Gerloff: Das ist eine grandiose qualitative Verbesserung. Medizin ist ein Bereich, in dem nicht nur die Nähe zum Patienten, sondern auch die Nähe im interdisziplinären Arbeiten extrem wichtig ist. Ein hervorragendes Beispiel ist die Zusammenarbeit von Neurologie und Neurochirurgie, die früher auf sechs bis sieben Gebäude verteilt waren. Da war man immer mit dem Fahrrad unterwegs. Jetzt sitzt man nebeneinander, läuft sich ständig über den Weg und kann schnell einmal Befunde von Patienten gemeinsam anschauen.

Welche Auslandsaktivitäten verfolgt das UKE?

Koch-Gromus: Hier gibt es zunächst eine lange Tradition von stützenden Aktivitäten in Schwellen- und Entwicklungsländern wie z. B. Ruanda oder in den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens. Darüber hinaus haben wir in den vergangenen Jahren gezielt den Ausbau mit internationalen Spitzenuniversitäten vorangetrieben. In letzter Zeit haben wir insbesondere die Kontakte in China und zum Karolinska-Institut in Stockholm ausgeweitet. Die Vereinbarungen sehen den Austausch von Wissenschaftlern, Ärzten, Studierenden und die Zusammenarbeit in einzelnen Forschungsvorhaben vor. Die meisten internationalen Kooperationen beruhen auf individuellen Beziehungen einzelner Wissenschaftler mit Kollegen.

Wie steht das UKE zurzeit finanziell da?

Gerloff: Wir werden 2013 mit einer soliden schwarzen Null abschließen, einem leichten Überschuss. Das bestätigt uns darin, dass die Optimierung der Prozesse, die Modernisierung und die Verbesserung der interdisziplinären Zusammenarbeit der richtige Weg ist. Aber wir haben auch einen Investitionsstau. Neben der Kinderklinik müssen wir auch andere Bereiche renovieren. Und dafür gibt es bislang keine Zusagen für eine auskömmliche Finanzierung für die nächsten fünf bis zehn Jahre. Für 2014 gibt es die Prognose, dass deutlich über die Hälfte der deutschen Unikliniken negative Zahlen schreiben. Wir haben kein Defizit. Aber wenn wir noch viele weitere Projekte allein schultern sollten, sind wir im Defizit.

Wie läuft die Suche nach einem neuen Chef?

Koch-Gromus: Ich rechne nicht damit, dass wir vor Herbst dieses Jahres einen neuen Ärztlichen Direktor haben werden. Deshalb bin ich auch so froh, dass Prof. Gerloff als Vertreter des Ärztlichen Direktors diese Aufgabe so engagiert und kompetent wahrnimmt.

Herr Prof. Gerloff, könnten Sie sich vorstellen, aus der kommissarischen Leitung in eine Dauerposition als Ärztlicher Direktor zu wechseln?

Gerloff: Darauf haben mich schon viele angesprochen. Ich bin mit Leib und Seele Neurologe und Neurowissenschaftler. Dauerhaft ohne direkten Kontakt mit Patienten zu arbeiten, kann ich mir im Moment nicht vorstellen. In meiner neurologischen Klinik, mit vielversprechenden klinischen Studien, tollen Mitarbeitern und dankbaren Patienten fühle ich mich extrem wohl. Herr Zeitz und Herr Koch-Gromus haben mich gebeten, diesen Job zu übernehmen. In dem Moment war mir klar, dass ich mich der Verantwortung stellen muss. Und nachdem ich das mit meiner Familie besprochen habe, habe ich von ihr die Lizenz für ein Jahr im Amt als Ärztlicher Direktor bekommen.

Was müsste Ihr Wunschkandidat für den neuen UKE-Chef mitbringen, und wo sehen Sie Ihr Haus in zehn Jahren?

Koch-Gromus: Ich wünsche mir eine Persönlichkeit, die als Wissenschaftler und Hochschullehrer ausgewiesen ist, über breite klinische Erfahrungen verfügt, Kompetenz in der Leitung von medizinischen Einrichtungen aufweist und die Bereitschaft und Kompetenz hat, das UKE gemeinsam mit den anderen Vorstandskollegen weiterzuentwickeln.

Gerloff: Das kann ich völlig unterstreichen. Ich wünsche mir vor allem, dass die Hamburger stolz auf das UKE sind, dass sie es wertschätzen und als Klinikum der Stadt betrachten. Es gibt einen klaren Trend dahin, dass es in zehn bis 20 Jahren einige wenige große Zentren für Hochleistungsmedizin und klinische Forschung in Europa geben wird. Ich wünsche mir, dass das Universitätsklinikum dazugehört. Das wird eine der Herausforderungen für einen neuen UKE-Chef sein.