Agrarpolitik

Bauern sollen mehr für die Umwelt tun

Das Umweltbundesamt und die Verbraucherzentrale Bundesverband prangern vor allem die Überdüngung an. Öko-Landbau bleibt hinter den Zielen zurück. Experten fordern eine Umkehr in der Agrarpolitik.

Berlin. Sie ist die weltgrößte Messe für Landwirtschaft und Ernährungsindustrie: die Internationale Grüne Woche, die am Freitag beginnt. Zehn Tage lang bietet sie der Branche Gelegenheit, auf ihre Leistungen hinzuweisen: den hohen Erträgen pro Hektar, der stetig steigenden Fleischproduktion, den dabei immer noch niedrigen Preisen und der wachsenden Beliebtheit deutscher Lebensmittel im Ausland. Jeden vierten Euro verdient die Branche mit dem Export.

Der wirtschaftliche Erfolg hat aber auch eine Schattenseite: Die Produktion von Lebensmitteln belastet die Gewässer, dezimiert die Artenvielfalt und trägt zum globalen Klimawandel bei. Die Ernährungsbranche verursacht schon heute rund ein Fünftel der deutschen Treibhausgasemissionen, warnen das Umweltbundesamt und der Verbraucherzentrale Bundesverband in ihren am Mittwoch vorgestellten Handlungsempfehlungen „Für umweltfreundliche Lebensmittel“.

Zu viel Stickstoff

Problematisch ist demnach vor allem die Überdüngung der Felder. Denn nur ein Teil des Stickstoffs wird von den Pflanzen auch tatsächlich aufgenommen und führt zu stärkerem Wachstum und damit zu besseren Ernten. Die überschüssigen Nährstoffe entweichen als Lachgas in die Luft, oder sie sickern durch den Boden bis in das Grundwasser. Viele Trinkwasserbrunnen mussten wegen hoher Nitratbelastungen bereits aufgegeben werden.

Eine Studie des Bundesumweltministeriums hat gezeigt, das jedes überschüssige Kilogramm Stickstoff auf den Äckern die Wasseraufbereitung rund fünf Euro teurer macht. Allein für diese Umweltschäden der intensiven Landwirtschaft zahlen die Verbraucher demnach acht Milliarden Euro im Jahr.

Umweltexperten und Verbraucherschützer fordern daher strengere Vorschriften für den Umgang mit Düngemitteln. Notwendig wäre eine verbesserte „Düngeplanung und Nährstoffbilanzierung“, heißt es in den Handlungsempfehlungen. Bei Überschreitung der Grenzwerte sollte es für die betreffenden Landwirte eine „Beratungspflicht“ geben, damit sie lernen, den Dünger richtig einzusetzen.

Zu wenig Ökolandbau

Die Umstellung auf ökologischen Landbau könnte zur Lösung des Problems beitragen. Kunstdünger und der Einsatz von Pestiziden sind nämlich für Ökobauern tabu. Doch derzeit liegt der Anteil des Biolandbaus in Deutschland bei gerade einmal 6,2 Prozent. Die Bundesregierung sollte die Bauern bei der Umstellung ihrer Betreibe daher stärker unterstützen, heißt es in den Handlungsempfehlungen. Schließlich sei in der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie eine Zielmarke von 20 Prozent formuliert.

Doch es ist nicht nur der Ackerbau, der Umwelt und Natur in Mitleidenschaft zieht. Auch die intensive Tierhaltung hat Folgen. Angefangen bei den Futtermitteln wie Soja, die in großen Mengen aus Südamerika nach Deutschland importiert werden müssen und für deren Anbau immer noch Regenwälder gerodet werden.

Auch auf fast der Hälfte der zwölf Millionen Hektar Ackerfläche in Deutschland wachsen Futterpflanzen. Verbunden mit der intensiven Tierhaltung ist die große Menge Gülle, die häufig noch auf Feldern entsorgt wird und das Problem der Überdüngung verschärft.

Zu große Ställe

In immer größeren Ställen werden in Deutschland immer mehr Tiere gehalten. Die Fleischproduktion boomt. Gerade erst wurde in Brandenburg eine Anlage für mehr als 30.000 Mastschweine genehmigt. Selbst Milchkühe werden zunehmend im Stall gehalten, obwohl sie eigentlich Weidegänger sind. Und Masthähnchen hocken die wenigen Wochen ihres kurzen Lebens vorwiegend auf dem Stallboden, wo es mit jedem Gramm Gewichtszunahme immer enger wird.

Gerade gegen die intensive Tierhaltung regt sich zunehmend ein Unbehagen in der Bevölkerung. Die Verbraucher wollen Fleisch essen und genießen – ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Für den kommenden Sonnabend hat daher ein Bündnis von mehr als 100 Organisation in Berlin zu einer Demonstration für eine andere Agrarpolitik aufgerufen. „Wir haben es satt!“ lautet das Motto des Protests.

Zu viel Antibiotika-Einsatz

Reinhild Benning, Agrarexpertin beim Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland und eine der Organisatorinnen der Demonstration, kritisiert vor allem den Einsatz von Antibiotika in der industriellen Tierhaltung.

Im Jahr 2012 waren es in Deutschland mehr als 1600 Tonnen Antibiotika, die oft auch gesunden Tieren vorsorglich verabreicht wurden. Es bestehe die Gefahr, dass sich als Folge der massiven Anwendung resistente Keime bildeten, die auch dem Menschen gefährlich werden könnten, sagt Benning. Sie fordert, die Verabreichung von Antibiotika genauer zu dokumentieren und zu reduzieren, etwa durch kleinere Bestände und ein besseres Stallmanagement.

Auch Hormone, die als Wachstumsförderer in der Tiermast zwar seit Langem verboten sind, werden weiterhin etwa in der Schweinehaltung eingesetzt, um die Ferkelproduktion von Sauen zu optimieren. „Verbraucher wollen mehr Tierschutz und mehr Ökologie in der Landwirtschaft“, sagt Benning.

Zu wenig Tierschutz

Etwa 20.000 Teilnehmer werden zu der Demo in Berlin erwartet. Ihr Protest richtet sich vor allem gegen eine industrielle Fleischproduktion, die den Tierschutz zu wenig berücksichtige. Der Protest soll aber auch ein Appell an den neuen Bundesagrarminister Hans-Peter Friedrich (CSU) sein, Wünsche der Verbraucher nach mehr Tier- und Umweltschutz ernst zu nehmen.

Kurz nach seinem Amtsantritt hatte Friedrich bereits erklärt, sich für eine bäuerliche Landwirtschaft starkmachen zu wollen. Er wehre sich gegen eine Überregulierung aus Brüssel, die versuche, die vielseitigen Agrarstrukturen in Europa über einen Kamm zu scheren, sagte Friedrich im Interview mit der „Welt“. Er wolle alle nationalen Handlungsspielräume ausschöpfen. Doch diese Spielräume sind eher beschränkt, und auch die Agrarminister der Bundesländer müssen zustimmen

Zu wenig „Greening“

Der große Rahmen für die Agrarpolitik wird in Brüssel abgesteckt, wo sich die vereinbarten Vorschriften hinter einem Dickicht von Fachbegriffen verstecken. Gerade erst haben sich die Mitgliedstaaten im Zuge einer EU-Agrarreform darauf geeinigt, nach welchen Kriterien der jährliche Agrartopf von rund 60 Milliarden Euro in den kommenden Jahren verteilt wird. Deutschland erhält mehr als sechs Milliarden Euro im Jahr.

Rund 30 Prozent der Mittel sollen demnach an ökologische Vorgaben gekoppelt werden wie eine bestimmte Fruchtfolge auf den Feldern. „Greening“ nennet sich dieser Ansatz. Der Begriff soll für eine grünere Agrarpolitik stehen. Doch Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamts für Naturschutz (BfN), befürchtet, dass diese Vorgaben in der Praxis unterlaufen werden.

Als Beispiel nennt Jessel das „ökologische Herzstück“ des Greenings – die sogenannten ökologischen Vorrangflächen. Der sperrige Begriff steht für Naturflächen, die als besonders wertvoll eingestuft werden und deshalb von den Landwirten besonders pfleglich behandelt werden sollen. Dazu zählen beispielsweise Hecken, die Lebensraum für bedrohte Feldvögel sind und zugleich vor Winderosion schützen. Oder die Randstreifen von Gewässern, wo oft seltene Pflanzen wachsen. Jeder Betrieb mit mehr als 15 Hektar Fläche soll künftig fünf Prozent solcher Öko-Flächen ausweisen.

Zu wenig Naturschutz

Konsequent umgesetzt könnten so bundesweit rund 500.000 Hektar unter einen besonderen Schutz gestellt werden, hat das BfN berechnet. Bei insgesamt 17 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche in Deutschland wäre das aus Jessels Sicht ein entscheidender Beitrag zu einer umweltfreundlicheren Lebensmittelproduktion.

„Für die Milliarden, die deutsche Bauern jedes Jahr aus Brüssel erhalten, sollen sie auch Gegenleistungen im Sinne des Umweltschutzes erbringen“, sagt Jessel. In einem am Mittwoch veröffentlichten Forderungskatalog hat sie gemeinsam mit dem Umweltbundesamt Kriterien für die Ausweisung der besonderen Öko-Flächen formuliert.

Die wichtigste Grundvoraussetzung müsse sein, dass weder Dünger noch Pestizide zum Einsatz kämen, sagt Jessel. Das Greening dürfe kein grüner Deckmantel werden.