Landwirtschaft

Zu viel Gülle: Und ewig stinken die Felder

Landwirtschaftsflächen werden oft mit Gülle überdüngt. Regierungsberater fordern weitere Beschränkungen. Erstmals haben die drei Expertengremien der Bundesregierung gemeinsam eine Stellungnahme übergeben.

Berlin/Kiel. Wenn bei einem Ausflug aufs Land plötzlich unangenehmer Geruch in die Nase steigt, war in der Nähe zuvor oft ein Traktor unterwegs und hat eine abgemähte Wiese oder ein Feld mit Gülle gedüngt. Noch immer verteilen die deutschen Landwirte zu viele Nährstoffe auf ihren Flächen, sodass wichtige Umweltziele nicht erreicht werden. Das kritisierten unlängst gleich drei wissenschaftliche Beiräte der Bundesregierung – und forderten dringend eine Reform der Düngegesetzgebung.

Der wichtigste Nährstoff in der Landwirtschaft ist der Stickstoff. Wie andere Nährstoffe wird er mit der Ernte der Fläche entnommen und muss durch Düngung wieder zugegeben werden. Doch vor allem bei der Massentierhaltung entsteht viel mehr Stickstoffdünger (meist in Form von Gülle), als die Böden zur Regeneration benötigen. Wird zu viel von dem Flüssigdünger ausgebracht, kommt es zu einem Stickstoff-Überschuss, der Gewässer belastet, das Grundwasser gefährdet und die Wildpflanzenvielfalt verarmen lässt. Das geschieht auch, wenn die Gärreste aus Biogasanlagen zu großzügig ausgebracht werden. In diesen Bereichen und bei manchen Sonderkulturen (Gemüseanbau) sei der Stickstoff-Überschuss zum Teil sogar angestiegen, bemängeln die Regierungsberater.

Erstmals haben die drei Expertengremien der Bundesregierung gemeinsam eine Stellungnahme übergeben: Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik (WBA) und der Wissenschaftliche Beirat für Düngefragen (WBD) beraten das Bundeslandwirtschaftsministerium, der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) die Bundesregierung. Jeder Rat hat in der Vergangenheit die Überdüngung kritisiert, nun sahen sie den Anlass, in einer gemeinsamen Stellungnahme eine „über die bisherigen Vorschläge hinausgehende Reform der Düngegesetzgebung“ zu fordern.

Trotz Verbesserungen in den vergangenen 20 Jahren „führen hohe Stickstoff- und Phosphatausträge aus der Landwirtschaft nach wie vor dazu, dass zentrale Umweltziele der Bundesregierung, wie auch der EU, nicht erreicht werden“, heißt es in der Erklärung. Ein Schlüsselproblem sei, dass von vielen landwirtschaftlichen Betrieben nicht ausreichend erfasst werde, welche Nährstoffüberschüsse dort anfallen. Dadurch sei ein zentrales Umweltziel der Landwirtschaft nur schwer erfüllbar: die Reduzierung des Stickstoff-(N)-Überschusses auf 80 Kilogramm pro Hektar (kg/ha) Land.

Die 80-Kilo-Marke sollte bis 2010 erreicht sein. Doch im Durchschnitt der drei Jahre 2009, 2010 und 2011 lag der Überschuss noch bei 97 kg/ha. Gemessen an einem durchschnittlichen Überschuss von 130 kg/ha in den Jahren 1990 bis 1992 ist dies zwar eine deutliche Abnahme (zum Teil hervorgerufen durch reduzierte Tierbestände in den neuen Bundesländern), aber der Stickstoffeinsatz liegt noch immer viel zu hoch.

Das gilt seit Jahrzehnten für die Zentren der intensiven Tierhaltung im Bereich Cloppenburg/Vechta, wo aufgrund steigender Tierzahlen vermehrt Kot anfällt. Aber inzwischen seien auch die Milchviehregionen im nördlichen Niedersachsen und auf der Geest in Schleswig-Holstein betroffen, sagt Prof. Friedhelm Taube von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, der die Stellungnahme federführend koordiniert hat. „Der überbordende Mais wirkt über die Biogasanlage letztendlich wie Gülle. Denn die entstehenden Gärreste enthalten ebenfalls Stickstoff und werden als Dünger eingesetzt. Weil dieser Stickstoff nicht tierischen sondern pflanzlichen Ursprungs ist, wird er von der geltenden Düngegesetzgebung nicht erfasst.“

Das müsse sich ändern, so Taube. Wenn Deutschland nicht bald reagiere, werde Brüssel aktiv werden. „Ein Masterstudent hat bei mir durchgerechnet, dass im Raum Schleswig heute mehr als die erlaubten 170 Kilogramm Stickstoff pro Hektar Maisacker aufgebracht werden, wenn die Gärreste in die Rechnung einbezogen werden“, sagt Taube. „Nördlich des Nord-Ostsee-Kanals werden noch immer neue Ställe gebaut, obwohl klar ist, dass mit der novellierten Gülle-Verordnung der überschüssige Dünger mit langen Transporten aus der Region herausgebracht werden muss.“

Die übermäßigen Stickstoffschübe haben ökologische Folgen. Die bekannteste ist das Auswaschen von Nitrat aus den Böden. Der Nährstoff belastet Bäche, Flüsse, Seen, Küsten und Meere. Die Gewässer werden überdüngt, sodass zu viele Algen wachsen. Wenn diese absterben und bakteriell abgebaut werden, führt dies zu Sauerstoffmangel im Gewässer. Die Nitratbelastungen gefährden die Qualitätsziele der EU-Wasserrahmenrichtlinie und der EU-Meeresstrategie, betonen die Beiräte. Das gelte vor allem für die Küstengewässer der Nordsee.

Das Messnetz der Europäischen Umweltagentur zeigt zudem, dass auch das Grundwasser bundesweit mit Nitrat belastet ist. Etwa die Hälfte der 162 eingerichteten Messstellen weisen hohe Nitratwerte (mehr als 50 Milligramm pro Liter Wasser) auf, im Zeitraum 1992 bis 1994 waren es sogar gut 64 Prozent der Messstellen. Dieses Wasser kann nicht ohne Weiteres zur Trinkwassergewinnung dienen, denn dort liegt der Grenzwert bei 50 Milligramm Nitrat pro Liter.

Eine zweite Stickstoff-Verbindung, das Ammoniak (NH3), richtet ebenfalls großen Schaden an. Es entweicht in die Luft und gerät direkt oder mit dem Regen in Gewässer und Böden, die es düngt und versauert. Die Düngung aus der Luft reduziert die biologische Vielfalt. Denn sie zerstört allmählich die besonders empfindlichen Ökosysteme auf nährstoffarmen Böden. Hier wachsen Pflanzen, die von Natur aus auf die schlechte Ernährungslage eingestellt sind. Der Stickstoff aus der Luft begünstigt Allerweltsgewächse wie Gräser oder Brennnesseln, die den Nährstoff besser verwerten können und die pflanzlichen Hungerkünstler verdrängen.

„Allgemein sinkt mit zunehmendem Stickstoffeintrag die Artenzahl“, heißt es in der Stellungnahme. Bereits 2004 hatten englische Biologen hochgerechnet, dass in Zentraleuropa 23 Prozent des Artenrückgangs allein dem NH3 zuzuschreiben sei. Eine EU-Richtlinie gibt Emissionslimits für die wichtigsten Luftschadstoffe vor. Der NH3-Höchstwert für Deutschland beträgt 550.000 Tonnen pro Jahr – 2011 waren es 563.000 Tonnen.

Das wichtigste Instrument, um den Stickstoffüberschuss zu reduzieren sei die sogenannte Hoftorbilanz, betont Friedhelm Taube: „Heute versucht der Landwirt, die Erträge und damit die Stickstoffentnahme für die einzelnen Ackerschläge zu ermitteln. Das ist sehr aufwendig. Viel einfacher ist eine Stickstoff-Bilanz, die am Hoftor ansetzt: Wie viel Stickstoff kommt in Form von Dünger und Kraftfutter in den Betrieb hinein, und wie viel geht mit den Produkten hinaus? Eine Hoftorbilanz ist die einzige Methode, die verlässliche Zahlen liefert.“ Die Daten für die Bilanz müssen nicht extra erhoben werden, sie sind Rechnungen und Lieferscheinen zu entnehmen.

Zudem sollten Gülle und Gärreste nur in der Vegetationszeit bis kurz vor der Ernte ausgebracht werden dürfen, schlagen die Beiräte vor. Auch die sogenannten Prallteller, die den Flüssigdünger fächerförmig versprühen, sollten der Vergangenheit angehören. Moderne Maschinen arbeiten mit Schläuchen, die sie hinter sich herziehen. Das reduziert die Ammoniak-Emission – und die Geruchsbelästigungen.