WWF-Projekt

Aussiedlung in Südafrika: Fliegende Nashörner

In einer Rettungsaktion siedelte ein WWF-Projekt die Herde der gefährdeten Spitzmaulnashörner in Südafrika in ein Schutzgebiet aus.

Fast wirkt es wie eine optische Täuschung. Fliegt da ein Nashorn-Ballon? Dreht Steven Spielberg einen Afrika-Film? Kopfüber an Seilen hängend schweben Nashörner über das Hügelland der Östlichen Kap-Provinz in Südafrika 25 Kilometer weit bis zur nächsten Straße. Dort werden sie in Trucks verladen und noch einmal rund 1600 Kilometer weit in die nördlichste Provinz gefahren, nach Limpopo. Insgesamt 19 schwergewichtige Nashornbullen und -kühe ziehen um in einen sicheren Lebensraum.

Die Aktion, eine logistische Herausforderung, hat der Tierarzt Jacques Flamand vorbereitet. Der Leiter des WWF-Umsiedlungsprojekts für Nashörner hat die Militärhubschrauber besorgt und die Einfang-Teams organisiert, die ein Tier nach dem anderen im Freiland mit Narkosepfeilen betäubten, ihnen die Augen verbanden und die Transportseile an den kurzen, dicken Füßen befestigten. Jeweils 15 Minuten dauerte die Hängepartie in der Luft, dann überwachte ein Empfangsteam die Landung und das möglichst sanfte Verladen der Tiere auf die Trucks. Dort wurden sie reanimiert, bevor es weiterging. Wegen der nach Gewicht bemessenen Menge der Betäubungsmittel war ein genaues Timing erforderlich.

"Hauptsache war, die Rhinos auf eine Weise zu bewegen, die nicht stressig für sie ist", sagt der Fotograf Michael Raimondo, der die Aktion in faszinierenden Bilden einfing. "Es war unglaublich, sie sind einfach tonnenschwer." Die Hubschrauber waren zuvor extra getestet worden, ob sie die im Schnitt 1400 Kilo schweren Kolosse heben konnten. Die größte Last war ein 2000 Kilo schwerer Bulle.

***Internationaler Schutz von bedrohten Arten***

***Artensteckbrief***

Es ist mittlerweile schon die siebte Herde, die der WWF in geschütztes Buschland gebracht hat. Das ist notwendig geworden, weil der Lebensraum in der östlichen Kap-Provinz für die Nashörner nicht mehr sicher ist. Sie gehört zu jenen Teilen Südafrikas, in denen Wilderer wegen fehlender Straßen von den Rangern kaum in Schach gehalten werden können. Gerade hat der WWF eine neue Statistik veröffentlicht, die einen traurigen Rekord für Südafrika vermeldet: Schon in den ersten zehn Monaten dieses Jahres wurden dort 341 Nashörner von Wilderern getötet, mehr als im gesamten Vorjahr. 2010 waren es 333 gewesen.

Der Hauptgrund ist die weiter steigende Nachfrage nach Nashornpulver als Arzneimittel. "Vor allem Vietnam ist ein Abnehmerland", sagte WWF-Sprecherin Susanne Honnef dem Abendblatt. "Früher hieß es, das Pulver sei gegen Fieber wirksam. Weil der Handel nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen verboten ist, ging die Nachfrage etwas zurück. Jetzt gibt ihr ein neues Gerücht Auftrieb: Ein hoher politischer Führer in Vietnam behauptet, das Pulver wirke gegen Krebs."

Die Bestände der asiatischen Nashornarten - Sumatranashorn, Javanashorn und Indisches Panzernashorn - sind heute längst so geschrumpft, dass sich der illegale Handel mit Nashornpulver auf die afrikanischen Bestände konzentriert. Und dort vor allem auf Gebiete, die von den lokalen Behörden und internationalen Schutzprogrammen nur schwer verteidigt werden können. "Wenn etwas so wertvoll ist wie Gold, sind es nicht nur einzelne Wilderer, die losziehen. Sondern es sind gut organisierte, fast mafiose Händlerringe, die mit Hubschraubern über die Herden fliegen und sie abschießen", sagt Susanne Honnef. Den erbeuteten Nashörnern werden brutal die Hörner abgesägt - die Bilder sind so schrecklich wie die von getöteten Elefanten, die nur wegen ihrer Stoßzähne verstümmelt werden.

Südafrika ist in der Zwickmühle. Einerseits hat es noch den größten Nashornbestand der Welt mit 19 000 Tieren, sagt Joseph Okori, Koordinator des WWF-Nashornschutzes in Südafrika, in einem E-Mail-Interview mit dem Abendblatt. "Und die Strafen für Wilderei sind hart. Die südafrikanische Strafverfolgungsbehörde macht einen guten Job. Erst kürzlich wurden zwei Wilderer zu zwölf und 16 Jahren Haft verurteilt." Die Verurteilungsquoten seien aber noch nicht befriedigend. Große Gebiete seien gefährdet. "Das liegt an durchlässigen Grenzen, über die Wilderer etwa aus Mosambik kommen. Oder an zu dünn besetzten Patrouillen in Gebieten mit vielen Nashörnern. Die Syndikate der Wilderer und Händler werden immer raffinierter."

Das Horn eines Nashorns besteht nicht aus Knochen, sondern aus zusammengewachsenen Keratinfasern. Die beiden afrikanischen Arten, das Breitmaul- und das Spitzmaulnashorn, tragen zwei Hörner hintereinander, von denen das vordere im Schnitt 50 Zentimeter lang wird, aber auch bis zu 135 Zentimeter Länge erreichen kann.

Ein solches Horn darf nur mit einem gültigen CITES-Zertifikat aus Südafrika ausgeführt werden, beispielsweise von Jägern, die eine Genehmigung für den Abschuss eines Nashorns eingeholt haben. Die Gebühr dafür soll dann den Nashorn-Schutzprogrammen zugutekommen.

Immer wieder allerdings versuchen Schmuggler und Händler, gewilderte Hörner als angebliche Jagdtrophäen auszuführen.

Aber es gibt auch Erfolge. Nach einem Tiefstand 1995 erlebten Breitmaulnashörner einen Zuwachs von 6,8 Prozent auf rund 14 500 Tiere, Spitzmaulnashörner legten um 4,5 Prozent zu. Vor 50 Jahren gab es noch etwa 70 000 Spitzmaulnashörner. Durch Wilderei und Verdrängung schrumpfte ihre Zahl bis 1997 auf nur noch 2600 Tiere. Heute sind es wieder rund 4000, und die Art steht nicht mehr kurz vor dem Aussterben.

Auch Flamand hat mit seinem Umsiedlungsprogramm erreicht, dass das Spitzmaulnashorn von "hoch bedroht" auf "gefährdet" heruntergestuft wurde. In Afrika allgemein wird der Schutz von Nashörnern stabiler, sagt Dr. Susan Lieberman, Chefin des WWF-Artenschutzprogramms. Das liege auch an dem Engagement von Gemeinden und Regierungen vieler afrikanischer Länder. Wo Frieden ist, gelingt auch der Schutz von Nashörnern oder Elefanten. In "failed states" wie Kongo oder Somalia hingehen gehen die Bestandszahlen dramatisch zurück.

Für Jacques Flamand lohnt sich jeder Aufwand für die Erhaltung der Rhinos. "Früher konnten wir sie nur auf Straßen oder Schienen transportieren oder in einem Netz ausfliegen", sagt der Veterinär. "Das neue Verfahren ist sanfter, weil es die Zeit der Betäubung verkürzt. Die Atmung wird nicht so erschwert wie in einem Netz."

In ihrem neuen Lebensraum sollen die Nashörner sich ungestört vermehren können. Dafür werden zuvor Projektpartner ausgesucht - zum Beispiel Wildlife Parks - , die über genügend Buschland verfügen. Vor allem müssen sie einen hohen Schutzstandard garantieren können.