Havarierte Förderinsel "Elgin"

Das Gasleck ist geortet - wie wird es gestopft?

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Angelika Hillmer

Es befindet sich laut Betreiber auf der Förderinsel und nicht im Meer. Explosionsgefahr bleibt hoch. Das Abendblatt gibt einen Überblick.

Aberdeen/Hamburg. Eine havarierte Gasförderinsel hält Techniker und Umweltschützer in Atem: Am Sonntagmittag entstand auf der Nordsee-Plattform "Elgin" ein Leck. Seitdem strömen in dem Fördergebiet 240 Kilometer östlich von Schottland Gas und sogenannte Kondensate - leichtflüchtige Erdölverbindungen - ins Meer und in die Luft. Da die Gasfackel auf der Bohrinsel noch brennt, herrscht akute Explosionsgefahr. Alle 238 Besatzungsmitglieder wurden ausgeflogen oder auf benachbarte Plattformen gebracht und blieben unverletzt. Das Abendblatt gibt einen Überblick zur Situation.

In welchem Status befindet sich die Förderplattform jetzt?

Die Produktion war vor der Havarie zwar bereits eingestellt, doch die Anlage war noch mit dem Gasfeld verbunden. Wegen der Havarie wurde sie komplett heruntergefahren, das heißt, alle Ventile sind geschlossen worden, sodass durch das Rohrsystem theoretisch kein Gas nach oben strömen sollte. Der Vorgang erinnert an die Schnellabschaltung eines Kernkraftwerks.

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Wo ist das Leck aufgetreten?

Der Betreiber Total gab gestern Abend bekannt, dass das Leck 25 Meter oberhalb der Wasseroberfläche, auf der Plattform am Kopf der Bohrung, lokalisiert wurde. Das Gas trete in die Luft aus und lege sich zum Teil als Kondensat auf der Meeresoberfläche ab. Ob die Erkenntnis, dass das Leck nicht unterhalb des Meeresgrundes liegt, Vorteile bei möglichen Abdichtungsversuchen bringt, wollte Total nicht bestätigen.

Warum brennt auf der verlassenen Bohrplattform noch die Gasfackel?

Wenn eine Gasförderung planmäßig heruntergefahren wird, werden Rohrsystem und Installationen komplett vom Gas und den mit ihm aufströmenden flüssigen Ölsubstanzen entleert. In einer Notsituation wie am Sonntag muss alles jedoch sehr schnell gehen. Dadurch blieben Kondensatreste im System. Sie verdunsten und werden über die Gasfackel verbrannt. "Aus Sicherheitserwägungen hat Total offenbar beschlossen, die Fackel brennen zu lassen, um zu verhindern, dass unverbranntes, explosives Gas auf der Plattform austritt", sagt Jürgen Messner von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. Wenn die Kondensatreste verdunstet sind, wird die Fackel automatisch erlöschen, so die Kalkulation der Betreiber. Dann ließe sich die Plattform gefahrlos betreten. Dafür wurde die Explosionsgefahr durch die brennende Fackel in Kauf genommen.

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Neben Gas strömt auch leichtes Erdöl aus. Was bedeutet das für die Umwelt?

Das geförderte Gas lagert etwa fünf Kilometer tief im Meeresboden bei Temperaturen um 200 Grad und einem Druck von rund 1000 bar. Mit ihm strömen flüssige Erdölbestandteile an die Oberfläche, Verbindungen, die chemisch zwischen den Gasen (Methan, Propan, Butan) und den Benzinkomponenten liegen. Diese Stoffe schwimmen an der Wasseroberfläche und verdunsten sehr schnell. Deshalb gibt es dort nur einen lokal begrenzten Ölfilm und nicht, wie etwa bei der Havarie der Bohrplattform "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko, einen weitläufigen, dicken Ölteppich.

Können weitere Schadstoffe ins Meer oder an die Luft geraten?

Ja, Schwefelwasserstoff. Er ist hochgiftig, schwerer als Luft und wasserlöslich. Zwar enthält das Gas nach Angaben von Total nur sehr geringe Schwefelanteile unter 0,01 Prozent, doch ist der Stoff auch schon in sehr geringen Konzentrationen hochgiftig.

Welche Gefahr besteht für die Meeresumwelt?

Der Schwefelwasserstoff sei das größte Umweltproblem, sagt Greenpeace-Sprecher Christoph von Lieven. "Außerdem entweichen große Mengen Methan, ein wirksames Treibhausgas. Aber vor allem zeigt der Unfall, dass auch zwei Jahre nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko weder Sicherheits- noch Notfallvorkehrungen funktionierten. Wir sehen dies als Zeichen des Versagens der Ölindustrie."

Wie groß ist das Risiko bei stillgelegten Bohrlöchern?

Die Bohrung sollte laut Fachjargon zunächst nur eingeschlossen werden. Das heißt, das Bohrloch wird nicht mit Beton verfüllt und der obere Teil des Rohres entfernt, um es endgültig stillzulegen. Vielmehr wird ein sogenanntes Eruptionskreuz am Meeresboden hinterlassen: Ein Rohrende, das mit einem Ventil und mehreren Anschlussstellen für Rohre versehen ist. Damit bleibt die Förderstelle zugänglich.

Solche Anlagen am Meeresboden seien Stand der Technik und deshalb nicht besonders risikoreich, sagt Geowissenschaftler Jürgen Messner. Doch müsse man den "Gegebenheiten Rechnung tragen". Messner: "Es herrschen im Gasfeld extreme Bedingungen - hoher Druck bei 200 Grad - die von sich aus ein höheres Risiko bedeuten." Der Unfall sei vermutlich wie bei der "Deepwater Horizon" "ein unsägliches Zusammentreffen" aus technischem Defekt, ungünstigen Umständen und menschlichem Versagen.