Motorola-Kauf

Internet-Konzern Google baut bald auch Handys

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Weltweit größter Suchmaschinenkonzern sichert sich durch Milliardenübernahme mehr als 17.000 Patente für den Mobilfunk von Motorola.

Hamburg. Vier Jahre nach dem Start von Googles Smartphone-Betriebssystem Android steigt der Suchmaschinenkonzern in die Handyproduktion ein. Wie das Unternehmen mitteilte, übernimmt es für 12,5 Milliarden Dollar (8,7 Milliarden Euro) die Motorola-Mobilfunksparte. Damit zahlt Google pro Aktie von Motorola Mobility einen kräftigen Aufpreis von 63 Prozent. Bislang hatte Google lediglich das Android-Betriebssystem entwickelt und an Handyhersteller verschenkt.

Hintergrund der Übernahme, die nach Genehmigung der Wettbewerbshüter Ende 2011 oder Anfang 2012 abgeschlossen sein soll, ist eine Schlacht um Patente, die derzeit in der Mobilfunkbranche tobt. "Unsere Übernahme von Motorola wird den Wettbewerb verschärfen, indem sie Googles Patentportfolio verstärkt", schreibt Google-Gründer und CEO Larry Page im Unternehmensblog. "Das wird uns in die Lage versetzen, Android vor der wettbewerbsfeindlichen Bedrohung von Microsoft, Apple und andere Unternehmen zu schützen."

Motorola verfügt mit mehr als 17 000 Lizenzen über eine der umfangreichsten Patentsammlungen in der Mobilfunkindustrie. Google hatte bereits in der Vergangenheit versucht, Patente zu kaufen, die in Handys zum Einsatz kommen. Zuletzt musste der Konzern zusehen, wie er von einem Konsortium unter Führung seiner Konkurrenten Apple, Microsoft und Blackberry-Hersteller Research in Motion (RIM) im Bieterwettstreit um das Patentportfolio des gescheiterten Mobilfunkausrüsters Nortel geschlagen wurde. Rund 4,5 Milliarden Dollar hatte das Konsortium für mehrere Tausend Nortel-Patente gezahlt. Google hatte ursprünglich zusammen mit Intel 900 Millionen Dollar geboten. Der Konzern warf seinen Konkurrenten im Nachhinein eine "feindliche, organisierte Kampagne" gegen Android vor. Googles Chefjurist David Drummond wetterte: "Statt sich dem Wettbewerb mit neuen Features oder Geräten zu stellen, kämpfen sie mit Gerichtsverfahren."

Google versucht seit einiger Zeit, sein Patentportfolio auszubauen. Das Unternehmen hat zuletzt 1000 Patente von IBM übernommen, ohne den Kaufpreis zu nennen. Berichten zufolge soll sich Google auch um die Übernahme des Portfolios des Patentrechtehändlers InterDigital bemühen.

Innerhalb der Mobilfunkbranche verklagen sich die Unternehmen untereinander, um Konkurrenten Steine in den Weg zu legen. Das Betriebssystem Android ist aktuell einer Reihe von Patentklagen von Konkurrenten ausgesetzt. So hat der Softwareriese Oracle Google vorgeworfen, mit Android Patente für die Programmiersprache Java zu verletzten, und verlangt eine milliardenschwere Entschädigung.

Motorola gehört zu den Pionieren im Mobilfunk. Vor fast 30 Jahren brachte der Hersteller in den USA das erste Handy auf den Markt. Es sah aus wie ein unförmiger Knochen. Im Verlauf seiner Mobilfunkgeschichte ist Motorola dann eher Achterbahn gefahren. Zu seinen Erfolgen gehört das Klapphandy StarTAC mit ausziehbarer Antenne und später das Flache Handy Razr. Danach stürzte der Konzern jedoch in eine Krise und konnte die Erfolge nicht wiederholen.

Erst nachdem Motorola bei seinen Smartphones ausschließlich auf Googles Android setzte, gewann das Unternehmen wieder Marktanteile hinzu. Nicht zuletzt, weil der größte US-Mobilfunker Verizon Wireless mit den "Droid"-Handys von Motorola gegen den exklusiven iPhone-Vertrieb von AT&T ankämpfte. Inzwischen ist Apples iPhone auch bei Verizon zu haben. Der weltweite Motorola-Marktanteil liegt nur noch bei 2,4 Prozent, weit hinter den Konkurrenten Apple, Nokia, Samsung und RIM. Motorola war auch eines der ersten Unternehmen, die mit dem Xoom eine Alternative zu Apples flachem iPad auf dem Markt hatten.

Der Motorola-Konzern war Anfang des Jahres aufgespalten worden. Die traditionsreiche Mobilfunksparte wurde dabei vom restlichen Geschäft etwa mit Settop-Boxen abgetrennt und Anfang des Jahres an die Börse gebracht. Zuletzt hatte der US-Milliardär und Investor Carl Icahn das Unternehmen gedrängt, sein Patentportfolio zu Geld zu machen. Icahn ist mit elf Prozent größter Einzelinvestor bei Motorola Mobility. Motorola gehört auch zu den Gründungsmitgliedern der Open Handset Alliance, aus der dann das offene Android-Betriebssystem hervorging.

Android hat in den letzten Jahren einen rasanten Anstieg vorgelegt. Das System, das unter anderem auf Geräten von Samsung, HTC und LG läuft, ist derzeit auf den meisten Smartphones im Einsatz. Nach Angaben von Google gibt es inzwischen 150 Millionen Android-Geräte, täglich werden 550 000 Geräte neu aktiviert. Die Android-Smartphones von inzwischen knapp 40Herstellern gibt es in 123 Ländern zu kaufen. Nach den jüngsten Zahlen des Marktforschers Gartner liegt der Android-Marktanteil bei 43,4 Prozent. Vor einem Jahr waren es noch 17,2 Prozent.

Nach der Übernahme versuchte Google-Chef Page die Hersteller von Android-Handys zu beruhigen: "Dieser Kauf wird unser Bekenntnis nicht verändern, Android als eine offene Plattform weiterzuführen." Motorola werde als ein gesondertes Geschäft geführt und bleibe Lizenznehmer von Android.