Gesundheitsserie

Was die chinesische Medizin leisten kann

Der Neurologe Dr. Sven Schröder leitet das Hanse Merkur Zentrum für Traditionelle Chinesische Medizin am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf

Foto: Andreas Laible

Der Neurologe Dr. Sven Schröder leitet das Hanse Merkur Zentrum für Traditionelle Chinesische Medizin am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf

Teil 17: Wenn Standardtherapien nicht helfen, können Akupunktur und fernöstliche Heilkräuter sinnvoll sein. Was man dazu beachten muss.

Hamburg.  Vor dem Start im Juli 2010 gab es noch Widerstand: ein Zentrum für fernöst­liche Heilkunde am Universitätsklinikum in Eppendorf (UKE)? Das war etlichen Ärzten dort suspekt. Doch inzwischen habe sich das HanseMerkur Zentrum für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) etabliert, berichtet dessen Geschäftsführer Dr. Sven Schröder. "Einige ältere Kollegen vom UKE haben zwar immer noch Vorbehalte, aber die Offenheit nimmt zu", sagt der Neurologe. "Vor allem jüngere Mediziner gucken über den Tellerrand. Wir könnten inzwischen mit fast jedem UKE-Institut ein gemeinsames Forschungsprojekt machen, wenn es genügend Mittel gäbe."

Bestand das Gründerteam der gemeinnützigen GmbH noch aus zwei Medizinern, behandeln heute sechs Ärzte und drei Masseure ambulant etwa 60 Patienten pro Tag; außerdem erproben die Mitarbeiter in Forschungsprojekten neue Therapien. Getragen wird die Einrichtung vom UKE, der Stadt Hamburg und der HanseMerkur-Versicherungsgruppe.

Dass die Skepsis zurückgegangen ist, hat womöglich auch damit zu tun, dass die TCM-Ärzte um Sven Schröder die westliche Schulmedizin nicht grundsätzlich infrage stellen und schon gar nicht ersetzen wollen. "Wenn Patienten mit ihrer Behandlung zufrieden sind und keinen Leidensdruck haben, gibt es keinen Grund, etwas zu ändern", sagt Schröder. "Eine funktionierende westliche Therapie ist gut." Dies gelte insbesondere für die akute Behandlung von Krankheiten.

Viele Patienten leben mit Nebenwirkungen

Auch bei chronischen Erkrankungen wie Rheuma, Arthrose, Asthma und dem atopischen Ekzem sei die Behandlung hierzulande in der Regel auf einem hohen Niveau, sagt Schröder. "Allerdings müssen viele Patienten mit Nebenwirkungen leben."

Ein Beispiel seien Therapien mit Cortison. Das Hormon kann Entzündungen hemmen; es wird bei diversen Erkrankungen angewandt. Punktuell, eher kurz oder niedrig dosiert eingesetzt, kann es ein Segen sein – eine längere und hochdosierte Anwendung kann zu Übergewicht, hohem Blutdruck, Osteoporose oder Flüssigkeitseinlagerungen im Gewebe führen. "Um die Dosis von Medikamenten wie Cortison zu reduzieren, könnte ergänzend zu einer ansonsten guten herkömmlichen Therapie eine Behandlung mit TCM sinnvoll sein", sagt Schröder.

Eine Heilung chronischer Erkrankungen durch TCM zu versprechen, sei allerdings unseriös und unter Umständen gefährlich. "Ein verschlissener Knorpel etwa lässt sich durch TCM nicht wiederherstellen. Und es ist schon gar nicht möglich, einen Tumor mit Methoden der TCM verschwinden zu lassen."

Als die beiden wichtigsten Methoden der TCM gelten die Akupunktur und der Einsatz von chinesischen Heilkräutern. Die Akupunktur beruht auf der Vorstellung, dass unseren Körper permanent das lebenswichtige "Qi" durchströmt, das vielfältige Aufgaben erfüllt. Ist dieser Fluss gestört, kann der Mensch krank werden.

Weil unsere Haut und die inneren Organe über bestimmte Fasern miteinander verbunden sind, sollte es möglich sein, über die Haut Heilreflexe an innere Organe auszulösen, so die Vorstellung. Um das zu erreichen und so wieder einen harmonischen Qi-Zustand herbeizuführen, werden extrem dünne Stahlnadeln an bestimmten Punkten in die Haut eingeführt. "Dieser Impuls kann zum Beispiel dazu führen, dass an einem entzündeten Organ die Durchblutung angeregt wird", erläutert Schröder.

Ungewollte Reflexe durch Akupunktur reduzieren

Ungewollte Reflexe des Körpers, etwa bei Asthma die Tendenz, dass sich die Bronchien verkrampfen, oder bei Arthrose die Schmerzen, die durch eine gereizte Gelenkschleimhaut entstehen, ließen sich durch Akupunktur reduzieren. Am UKE bietet Schröders Team unter anderem Akupunktur für Schwangere an; es kooperiert mit Krebsmedizinern und Neurologen, wobei jeweils die Schmerzbehandlung im Vordergrund steht.

Bei sachgerechter Anwendung sollte Akupunktur keine Nebenwirkungen haben, sagt Schröder. In seltenen Fällen werde in einen entzündlichen Bereich hineingestochen und damit die Infektion verschleppt. Noch seltener komme es vor, dass bei einer Akupunktur am Brustkorb die Lunge getroffen werde. "Ein TCM-Arzt, der eine Akupunktur-Ausbildung durchlaufen hat, weiß aber, wie er solche Komplikationen vermeidet", sagt Schröder.

Die gesetzlichen Krankenkassen dürfen eine Behandlung mit Akupunktur bei chronischen Knieschmerzen durch Arthrose und bei chronischen Rückenschmerzen bezahlen. Private Kassen zahlten Akupunktur bei diesen Beschwerden meist auch, sagt Schröder. Weitere Behandlungen mit Akupunktur gehörten nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen Kassen.

Das hat wohl auch mit dem Stand der Forschung zu tun. Zwar wenden chinesische Ärzte Akupunktur seit mehr als 2000 Jahren an, was für eine positive Wirkung der Methode spricht. Aus Sicht von westlichen Medizinern ist bei etlichen Beschwerden allerdings wissenschaftlich nicht zweifelsfrei nachgewiesen, dass Akupunktur wirklich helfen kann, abgesehen von wenigen Ausnahmen, etwa zur Linderung von Arthroseschmerzen in den Knien.

Zwar seien in der Vergangenheit etwa 20.000 Studien zur Wirkung von Akupunktur bei Schmerzen durchgeführt worden, viele davon in China, sagt Sven Schröder. Allerdings erfüllten die meisten davon nicht jene wissenschaftlichen Standards, die zumindest im Westen schon seit Längerem anerkannt sind. "Das Verständnis dafür, dass man in einer Studie unter anderem objektive Messverfahren braucht und eine Kontrollgruppe, um die Wirkung einer Methode oder eines Medikaments belegen zu können, hat sich in China erst etwa in den letzten zehn Jahren entwickelt", sagt Schröder.

Etliche gute Studien gebe es dagegen für die positive Wirkung von chinesischen Heilkräutern, die unter anderem bei der Behandlung von Asthma und chronischen Hautkrankheiten zum Einsatz kommen, um Entzündungen zu lindern.

Wie erkennt man unseriöse TCM-Angebote?

Der Unterschied zur westlichen Pflanzenheilkunde sei, dass die Chinesen nicht einen Einzelstoff verwendeten, sondern mehrere chinesische Heilkräuter kombinierten, erläutert Schröder. "Der Vorteil ist, dass der Einzelstoff niedrig dosiert bleibt, sodass es vergleichsweise selten zu Nebenwirkungen kommt." Möglich sei ein angeregter Stuhlgang; bekannt seien auch Wechselwirkungen mit westlichen Medikamenten wie Blutverdünnern – bei entsprechend behandelten Patienten sei deshalb Vorsicht geboten.

Im Unterschied zur Akupunktur, bei der unklar ist, ob sie bei bestimmten Beschwerden überhaupt wirkt, seien Studien zur Wirkung von chinesischen Heilkräutern etwa bei Asthma durchaus vielversprechend, sagt Schröder. Allerdings: "Allein ein chinesisches Heilkraut hat bis zu 200 Inhaltsstoffe. Wir wissen bei vielen Kräutern nicht, welche Substanz hauptsächlich wirkt. Und bei der Kombination verschiedener Heilkräuter können wir zwar feststellen, dass es wirkt, aber noch nicht genau erklären, wie es wirkt."

Wie erkennt man unseriöse TCM-Angebote? Ein Kriterium ist Schröder zufolge der Verlauf des Erstgesprächs bei TCM-Medizinern oder staatlich anerkannten Heilpraktikern, die ebenfalls TCM anbieten dürfen. "Der Arzt sollte den Patienten zunächst von Kopf bis Fuß untersuchen, um ein Gesamtbild von der Körperregulation zu bekommen", sagt Schröder. "Interessiert er sich nur für ein Symptom und schlägt gleich eine bestimmte Behandlung vor, sollte man skeptisch werden."

Ein weiteres Kriterium sei der Preis für die Behandlung. Normal für eine Akupunktur seien 50 bis 100 Euro. "Kostet eine Akupunktur-Behandlung weit über 100 Euro, sollte man die Finger davon lassen", rät Schröder.

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