Gesellschaft

Süchte der Deutschen: weniger Raucher, aber viele Alkoholiker

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Von Medikamenten bis zum Internet - eine Sucht kann in vielen Bereichen auftreten. Der Bundesregierung bereitet die aktuelle Entwicklung Sorgen.

Berlin. ALKOHOL : Insgesamt trinken 9,5 Millionen Menschen in Deutschland gefährlich viel. Rund 73 000 sterben jedes Jahr an den Folgen. Bei Jugendlichen sank der Konsum. Von den 18- bis 25-Jährigen betranken sich 2011 aber rund 42 Prozent mindestens einmal im Monat. Nach einer Entwöhnung sind 40 bis 45 Prozent der Abhängigen nach einem Jahr noch abstinent. Nur in Baden-Württemberg gibt es ein generelles nächtliches Verkaufsverbot von Alkohol etwa an Tankstellen. Es wird derzeit ausgewertet. Gegen auf Jugendliche abzielende Alkoholwerbung gibt es eine Selbstverpflichtung der Wirtschaft. Weitere Einschränkungen bei der Werbung, höhere Besteuerung oder härte Strafen bei Schnapsverkauf an Jugendliche sind laut der Drogenbeauftragten Mechthild Dyckmans (FDP) nicht geplant.

TABAK : 1995 rauchten noch 36 Prozent der Männer und 22 Prozent der Frauen. Nach den jüngsten Zahlen 2009 waren es noch 31 bzw. 21 Prozent. Die Raucherquote unter Jugendlichen sank binnen zehn Jahren von 28 auf 12 Prozent. Nach Auskunft von Dyckmans scheiterte das Verbraucherschutzministerium am Mittwoch im Kabinett unter anderem am von FDP-Chef Philipp Rösler geführten Wirtschaftsressort damit, das Verbot von Tabakwerbung auf große Außenflächen auszudehnen.

ILLEGALE DROGEN : Rund 200 000 Menschen kiffen laut Bundesregierung zuviel. 200 000 Menschen nähmen andere illegale Drogen. Aktuell macht der Dyckmans vor allem Sorgen, dass 3,7 Prozent der 15- bis 24-Jährigen schon synthetische psychoaktive Drogen aus dem Chemielabor genommen haben. Viele nähmen mehrere Drogen zugleich.

GLÜCKSSPIELSUCHT : Mit 260 000 abhängigen Spielern und 275 000 Menschen mit als problematisch geltendem Spielverhalten stellt diese Sucht laut Dyckmans ein sehr großes Problem dar. Die Drogenbeauftragte wirbt für die Idee einer Spielerkarte, mit der auch in Spielhallen und Gaststätten sichergestellt werden soll, dass wirklich nur Erwachsene spielen und Abhängige gesperrt werden können. Ihr ein Jahr alter Vorstoß, die bis zu 70 000 Spielautomaten in Gaststätten, Tankstellen, Einkaufszentren und Flughäfen abzubauen, sei trotz Widerstands aus Koalition und Wirtschaft nicht völlig vom Tisch: "Ich hoffe, dass wir zu einer drastischen Reduzierung kommen." Regelungen würden mit dem Wirtschaftsministerium derzeit abgestimmt.

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ONLINESUCHT : Mit rund 250 000 Onlinesucht-Abhängigen ist sie laut Dyckmans vor allem bei 14- bis 24-Jährigen verbreitet. 1,4 Millionen Menschen seien problematisch oft im Internet. Dyckmans will, dass Onlinesucht bald als eigene Krankheit eingestuft werden kann. Derzeit wird sie noch unter anderen psychischen Leiden klassifiziert. Mehrere Onlineberatungen gegen Onlinesucht gibt es, unter anderem bei der Hilfe zur Selbsthilfe für Onlinesüchtige. Deren Angebote richten sich bis hin zu Onlinesex-Süchtigen: "Wir hören oft, dass Betroffene sich für dieses Interesse, das in ihnen meist zufällig über die maßlose Surferei auf Pornoseiten aufgekeimt ist, total verachten."

MEDIKAMENTENSUCHT : Rund 1,4 Millionen Menschen in Deutschland kommen nicht von den Pillen los. Mit steigendem Alter nimmt die Abhängigkeit von Schlaf- und Beruhigungsmitteln zu. Unter anderem sollen Ärzte diese nun behutsamer verordnen.

SUCHT IM ALTER : Besonderes Augenmerk will Dyckmans künftig auf Hilfen für Heroinkranke legen, die oft bereits ab 45 Jahren etwa in bestimmten Wohngemeinschaften gepflegt werden müssen. Dazu komme, dass viele Menschen, die jahrelang mäßig Alkohol tranken, im Alter etwa aus Einsamkeit zu stillen Alkoholikern werden. Acht gemeinsame Modellprojekte von Sucht- und Altenhilfe sollen helfen.

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