Klima

Der Golfstrom: Wie steht es um unsere Zentralheizung?

Auf der kleinen Insel im Südwesten Englands wachsen subtropische Pflanzen

Auf der kleinen Insel im Südwesten Englands wachsen subtropische Pflanzen

Foto: Getty Images / Corbis Documentary/Getty Images

Der Golfstrom beschert Nordeuropa ein mildes Klima. Doch Wissenschaftler registrieren eine Veränderung. Das hätte weitreichende Folgen.

Berlin.  Wie die Menschheit nach dem Kollaps des Golfstroms schockgefrostet wird, hat Roland Emmerich 2004 in seinem Film „The Day After Tomorrow“ genüsslich in Szene gesetzt. Die Eiszeit kommt quasi über Nacht, und so schnell sinken die Temperaturen, dass die Messbojen vor der US-Küste eine nach der anderen ihren Geist aufgeben.

Nordamerika, Europa und Asien vereisen in nur wenigen Tagen. Schneestürme treiben die Amerikaner als Klimaflüchtlinge über die Highways nach Mexiko – ausgerechnet. Kaum war der Film in den Kinos angelaufen, mussten Klimaforscher besorgten Bürgern immer wieder erklären, dass dies Hollywood sei und da draußen auf dem Atlantik noch alles normal laufe.

Hinweise, dass der Golfstrom sich abgeschwächt hat

Doch bei Letzterem sind sich Forscher heute nicht mehr sicher. Vor wenigen Tagen erschienen im Fachblatt „Nature“ zwei Studien, die sagen: Es gebe Hinweise, dass sich der Golfstrom abgeschwächt habe. Ist also doch etwas dran an Emmerichs Eiszeit-Dystopie?

Der Golfstrom ist nicht irgendeine Strömung, sondern eine der wichtigsten Komponenten des Erdsystems. Genau gesagt heißt es Golfstromzirkulation.

Dieses System von Meeresströmungen transportiert 30 Mal so viel Wasser wie in allen Flüssen der Erde zusammen. Die Wärmeleistung umfasst so viel Kilowatt, wie theoretisch zwei Millionen Atomkraftwerke zusammen produzieren könnten.

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Ohne Golfstrom wären unsere Winter so hart wie in Sibirien

Sein wichtigstes Merkmal aber: Die Strömung ist eine gigantische Umwälzpumpe, eine Fernheizung für Nordeuropa, die uns ein mildes Klima beschert. Wie ein globales Förderband transportiert sie warmes Wasser aus dem subtropischen Süden bis an die Küsten Europas und Grönlands.

Ohne Golfstrom wären unsere Winter so hart wie in Sibirien. Elbmündung und Nordsee wären monatelang vereist. In ihnen würden Eisberge und Eisbären schwimmen, so wie in der Hudson Bay in Kanada, die auf dem gleichen Breitengrad liegt, aber eben nicht in den Genuss der Zentralheizung kommt.

Dank des Golfstroms wachsen an Irlands Südwestküste Palmen und dürfen sich die Norweger an der Westküste über Erdbeeren und eisfreie Häfen freuen.

Die Reise beginnt westlich des afrikanischen Kontinents

Wie genau funktioniert der Klimamotor? Die Reise der Wassermassen beginnt im Atlantik westlich des afrikanischen Kontinents. Passatwinde treiben sie in die Karibik, wo sie sich bis auf 30 Grad erwärmen.

Als Golfstrom fließt die Strömung von dort an der US-Ostküste entlang nach Nordosten, teilt sich dann. Ein Strom transportiert das Wasser wieder Richtung afrikanische Westküste, wo es sich neu erwärmt und wieder Richtung amerikanische Küste fließt. Der erste Kreis schließt sich.

Kaltes, salzhaltiges Wasser wird in die Tiefe gezogen

Das Wasser der anderen Strömungen, das gen Norden fließt, verliert dabei allmählich seine Wärme. Der Salzgehalt des Wassers ist durch die ständige Verdunstung stark angestiegen. Kaltes, salzhaltiges Wasser ist schwerer, es hat eine höhere Dichte. Deswegen wird es förmlich in die Tiefe gezogen.

Während es hinabsinkt, „saugt“ es warmes Wasser aus dem Süden an: Das Förderband rollt, angetrieben von den Unterschieden in der Wasserdichte. Als Tiefenströmung fließt das Wasser zurück in den Atlantik, landet wieder in der Zirkulation. Der zweite Kreis schließt sich.

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Klassischer Kipppunkt im Klimasystem

Seit Langem schon diskutiert die Klimaforschung die Hypothese von einer schwächer werdenden oder gar abreißenden Golfstromzirkulation. Das Szenario gilt als einer der klassischen Kipppunkte im Klimasystem.

Ein Forscherteam des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) will nun Belege dafür gefunden haben, dass sich das Strömungssystem seit den 50er-Jahren um 15 Prozent verlangsamt habe. Es sei schwächer als je zuvor in den vergangenen 1000 Jahren, schreiben die Forscher im Fachblatt „Nature“.

Basis waren Messdaten der Meeresoberflächentemperatur, die das Team mit Computersimulationen kombiniert hatte. „Wir haben ein spezielles Muster entdeckt“, sagt die Leitautorin Levke Caesar. „Es ist praktisch wie ein Fingerabdruck einer Abschwächung dieser Meeresströmungen.“

Die Ursache sehen die Forscher in der globalen Erwärmung

In einem Gebiet im Atlantischen Ozean südlich von Grönland kühle sich das Wasser ab, weil das heranströmende Wasser nicht mehr so rasch in die Tiefe sinke und deshalb weniger warmes Wasser nachströmen könne. Gleichzeitig heize sich das Gewässer entlang der nördlichen Hälfte der US-Atlantikküste auf, weil sich der Golfstrom näher an die Küste schiebe.

Die Ursache sehen die Forscher in der globalen Erwärmung. Sie sorge dafür, dass es über dem Nordatlantik und den benachbarten Landmassen mehr regnet. So gelange mehr Süßwasser in den Ozean, auch das schmelzende Eis der Arktis verdünne das Wasser des Nordatlantiks.

Das globale Förderband verlangsamt sich. „Der Salzgehalt sinkt, das Meerwasser kann nicht mehr so leicht in die Tiefe gelangen, und deswegen strömt auch weniger von Süden nach“, sagt der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf. Er hatte die Studie konzipiert.

Die Ergebnisse der Studie stoßen auf Skepsis

Eine zweite Studie in „Nature“ kommt zu dem Schluss, die Abschwächung des Golfstromsystems habe bereits etwa 100 Jahre früher begonnen, schreibt die Forschergruppe um David Thornalley vom University College London. Auch die Londoner Forscher sehen einen zunehmenden Zufluss von Süßwasser als Ursache der Veränderung.

Die Ergebnisse der Studien stoßen auf Skepsis. „Mit den Aussagen müssen wir meiner Meinung nach vorsichtig umgehen“, sagt Klimaforscher Professor Mojib Latif vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung.

Mehrere Faktoren beeinflussen das System

Aus den Meerestemperaturen an der Oberfläche allein könne man nicht die Stärke des Golfstroms bestimmen, sagt Latif, der auch Vorstandsmitglied des Deutschen Klima-Konsortiums ist. Gemeinsam mit dem Konsortium Deutsche Meeresforschung entstand jüngst ein Bericht, in dem Klima- und Meeresforscher zusammen die Erkenntnisse über die Golfstromzirkulation zusammenfassten.

Latif: „Die Strömungsmessungen weltweit sagen eindeutig, dass es zumindest in den letzten Jahrzehnten keine Abschwächung gegeben hat.“ Es gebe jedoch mehrere Faktoren, die das komplizierte System der Golfstromzirkulation beeinflussen könnten, etwa Winde oder Schwebstoffe in der Luft. „Die Frage, ob sich das System abgeschwächt hat, ist meiner Meinung nach heute noch nicht zu beantworten.“

Unsicherheit über das Ausmaß der Abschwächung

Einig, so Latif, sind sich die Forscher darin, dass sich die globale Erwärmung auf die Golfstromzirkulation auswirken werde.

Latif: „Es ist unstrittig, dass der Mensch durch den Ausstoß von Treibhausgasen eine Klimaerwärmung maßgeblich in Gang gesetzt hat. Und es herrscht Konsens in der Wissenschaft, dass sich in Folge dieser Umweltveränderungen die Golfstromzirkulation abschwächen wird.“

Noch aber gebe es eine große Unsicherheit darüber, in welchem Ausmaß sich diese Abschwächung vollziehen werde.